Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 31 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 um WAHRRErr Nr. 31 holen, mit dessen Hilfe und Zungenfertigkeit er sich das ihm so verhaßte jüdische Volk am besten und schnellsten vom Halse schaffen zu können glaubt. Der erste Anstoß zur Judenfeindschaft geht, wie man sieht, gewöhnlich von den an der Spitze Stehenden, von den Führern aus, und da sich die Menge, der vulgus, in seinem Tun wie in seiner Gesinnung gern nach den „Oberen" richtet, so dauert es auch nicht lange, daß, wie uns dies die Bibel speziell im Falle Moabs berichtet, „es Moab zuerst graut", und daß er sofort auch folgerecht vom Abscheu vor Israel erfüllt wurde. Aber während das Volk, der große Haufen, seiner diesbezüglichen Gesinnung mehr unverhüllten Ausdruck verleiht und sie in die derb drastischen Worte kleidet: „Nun verzehrt jene fremde Menge alles in unserer Umgebung, wie der Ochs verzehrt das Grün des Feldes", wäre Balak kein König, wenn er es nicht verstünde, seine niedrigen, selbstsüchtigen Absichten hübsch zu drapieren mit dem klingenden Pathos feinerer, wohlgesetzter Redensarten, demgemäß er Bileam folgende Mitteilung zukommen läßt: „Siehe, da ist ein Volk ausgezogen aus Aegypten und bedeckt den Schein der Erde!" Mit Absicht nennt er keinen Namen; es ist „es hörten von ihm die Völker und zitterten", in den zeichnen, das den „Schein der Erde bedeckt", das heißt, das durch seine ihm angeborene, materialistische Denkungsart alles, was in der Welt leuchtend und strahlend ist, was die Menschheit als groß und schön anzusehen gewohnt ist, in den Staub zieht. Und darum, fährt Balak fort, „komm' mir zu Hilfe und verfluche mir dieses Volk, vielleicht werde ich imstande sein, einen entscheidenden Schlag gegen dasselbe zu führen." Diese letzten Worte Balaks mögen für den ersten Blick eigentlich widerspruchsvoll erscheinen: denn ist Bileams Fluch so mächtig und wirkungsvoll, daß er denjenigen, den er trifft, sofort zu Boden schmettert, was soll es dann bedeuten, daß Balak noch weiter gegen dasselbe auftreten muß, um „es zu schlagen"? Aber die Politik desselben war eben schon damals genau die gleiche, wie wir sie heute zu sehen Gelegenheit finden. Zunächst mußte nämlich das Volk, von dem es hieß „es hörten von ihm die Völker und zitterten", in den Augen der Welt herabgesetzt, es mußte von seiner Strahlenkrone der weithin leuchtende Glanz genommen werden, dann konnte man sich um so leichter an dasselbe heranwagen, es um so gewisser zu vernichten. Das gehässige Wort, die giftsprühende Feder, die sich nicht genug tun kann in der Verunglimpfung und Herabsetzung des Judentums, sie müssen vorangehe n, und ist einmal durch sie genügende Vorarbeit geleistet, dann kann der entscheidende Stoß nachfolgen, der jenes an seinen empfindlichsten Stellen, in seinem Lebensnerv treffen soll. Man sieht, der Plan war wohl ausgeklügelt, und jetzt galt es nur, einen Bileam dafür zu gewinnen, damit er seine flammende Beredsamkeit in den Dienst des Menschenhasses stelle und die Giftpfeile seines Mundes zielsicher abschnelle. Welcher Art aber sind nun die Mittel, durch die ein Mann wie Bileam am raschesten gewonnen werden kann? Da hören wir vor allem, daß die Deputation, die in solchem Auftrag zu ihm geschickt worden, „Zaubermittel in ihren Händen" mitführte. Wie? Einem Bileam, der doch selbst ein großer Zauberer gewesen, sollten solche erst aus der Fremde mitgebracht werden müssen?! Aber es waren eben Zaubermittel ganz anderer, besonderer Art, wohlbewährte und erprobte Dinge, mit denen sogar noch heute immer neue Anhänger für die Judenfeindschaft gewonnen werden, Lockmittel, die oftmals schon gar ehrsame Charaktere ins Wanken zu bringen, die festesten Grundsätze über den Haufen zu werfen vermocht hatten. Und daß in der Tat auch hier das Geld in erster Reihe seine lockende, werbende Rolle zu spielen hatte, erfahren wir indirekt auch aus einer der späteren Antworten Bileams, dem das erste diesbezügliche Angebot vielleicht nicht hoch genug erschienen sein mochte. Balak läßt ihm nämlich durch seinen zweiten Abgesandten sagen: „Ich will dir die höchsten Ehren erweisen." Und was erwidert Bileam hierauf? „Wenn mir Balak auch sein Haus angefüllt mit Gold und Silber geben würde ... "Da hören wir es also ganz unzweideutig heraus, worauf der Sinn von Leuten vom Schlage eines Bileam zu allerletzt gerichtet ist: Ehren und Auszeichnungen sind ja ganz nett und schön, aber Gold und Silber doch auch nicht verachtenswerte Dinge, und die ersteren nur insofern begehrenswert, als sich aus ihnen möglichst viel Kapital herausschlagen läßt. Und wem braucht es besonders erst gesagt zu werden, daß die Judenfeindschaft ihren Mann allezeit reichlich ernährt hat, daß neben hohen Aemtern und Würden auch Reichtum und Wohlstand in den Schoß derjenigen gefallen, die sich im Erdichten von Lügen und falschen grundlosen Anklagen am findigsten erwiesen?! An den Pforten der Ewigkeit Skizzen aus dem religiösen Leben der Juden. Von Binjamin Segel. Als uraltes Symbol der Seele gilt das Licht. „Ein Licht Gottes ist die Menschenseele", heißt es schon in der Bibel. Der Patriarch Rabbi Jehuda I., der Heilige (Endie des 2. Jahrhunderts n. Chr.) ordnete an, daß bei seiaiein Sterben ein Licht entzündet werde. Das ist bis auf den heutigen Tag der Brauch geblieben. Das „Seelenlicht", <L -h. das zur Erinnerung an den Abgeschiedenen angezündete Licht spielt während, der Trauerwoche, dann während des ganzen Trauerjahres, sowie an den alljährlichen Gedenktagen 'eine große Rolle. An dieses Licht, sowie an alle anderen Totenbräuche haben! sich eine Menge abergläubischer Vorstellungen geknüpft, die aber mitunter in ihrer Naivität poetisch wirken. Es ist Sitte, alle sieben Trauertage hindurch im Sterbegemach ein Lämpchen brennen zu lassen. Da aber an allen diesen Tagen im Gemach auch Gottesdienst gehalten wurde, so stellte man ein Gefäß mit Wasser auf, und daneben legte man ein Handtuch, hin, damit das vorgeschriebene Waschen und Abtrocknen der Hände vorgenommen werden konnte. Die schöne Sitte, alltäglich früh und abends Gottesdienst im Sterbeziimmer abzuhalten, konnte indessen nur selten ausgeführt weiden. Aber das Wassergefäß und das Handtuch blieb bestehen, nur schrumpfte 'es immer mehr zusammen, bis daraus ein kleines Wasserglas und ein winziger Leinenfetzen wurde. Daran knüpft sich nun die kindliche Vorstellung, daß die Seele des Verstorbenen in der ersten Trauerwoche allnächtlich herabkommt, um im Wasserglas ein Bad zu nehmen und sich dann mit dem Leinenfetzen zu trocknen. Gleich wie der Krankenbesuch, gilt auch das Beerdigen des Verstorbenen als eine heilige Pflicht, eine große Mizwah, und auch sie wurde Gott selber zugeschrieben. Das war übrigens die Empfindung aller Völker höherer Kultur. Eines der edelsten griechischen Kunstwerke, dessen Heldin die lieblichste und reinste aller poetischen Gestalten] der Antike bildet, Antigone von Sophokles, hat zum Vorwurf den Kampf für die Pflicht, daß man „'einem Verstorbenen sein Recht tue", wie