Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 31 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3064002--14730-3082305- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 31 DIE WAHRHEIT Seite 3 sam Platz, er weint und fängt einigemal vergeblich an zu sprechen. „. . . Ich bitte, nehmen Sie es doch in die Zeitung auf," gelingt es ihm endlich zu sagen. „Das Wohnungsamt hat mir meine ganze Wohnung ausgeräumt," fängt er plötzlich wieder an zu weinen. „Die Möbel stehen im Regen auf der Straße!" wendet er sich bittend an Herrn W. .,. . . Diese Saujuden vom Wohnungsamt!" schreit er plötzlich, als sich niemand rührt. Herr E. erscheint in der Türe. „Es kommt in die Zeitung, beruhigen Sie sich," sagt er und legt dem Mann die Hand auf die Schulter. „Wenn ich ein Kommunist wäre, könnt' ich die Polizei ja noch verstehen, aber so!", sagt der Mann. Auf einmal reißt er sich zusammen. „Wenn Sie mir helfen — ich will mich auch in die Partei aufnehmen lassen!" Ein leiser sanfter Griff Herrn E.'s am Aermel des Mannes und er verschwindet mit ihm in die Anmeldeabteilung der Partei. Herr E., der Adjutant Hitlers, ruft mich zum Stenogramm. Auf seinem Schreibtisch liegt seine unbeantwortete Korrespondenz in Hunderten von Briefen, staut sich in großen Körben, füllt die Schubladen oder liegt auch auf den Stühlen, auf dem Boden. Zwischen den Papieren purzelt ein kleiner Bär herum (auch Hitler hat einen solchen Kinderbären bekommen), das Geschenk einer Dame an E., den dieser immer wieder mit viel Liebe, aber vergeblich auf die Briefwage oder den Rand des Lampenschirmes setzt. Herr E. beginnt mit dem Zerreißen von Briefen und flucht dabei. „Der Schweinehund will mich nicht in den Verband aufnehmen, wartet nur, ihr werdet schon noch hängen! . . . Ha, ha, ha, hören Sie, was hier steht: Hier in Legau wird verbreitet, Herr E. sei im Mai auf seiner Hochzeitsreise nach Berchtesgaden im Tun und Denken vor Gott und Menschen recht wohlgefällig ist. Der Geist des Judentums ist die Ethik, Tugendlehre. Solange es unter den Menschen Werte, wie Bürgertugend, Gewissenhaftigkeit, Moral, Ehre, Nächstenliebe und dergleichen gibt, wird die Tugendlehre des Judentums der Menschheit wertvoll sein und sein müssen. Durch diese beiden Forderungen des Judentums, Zedaka und Mizwa, ist das Judentum eine Weltreligion geworden und R. Jochanan hat richtig erkannt, daß die Religion im Menschen leben muß, mit ihm gehen, sein Denken und Handeln bestimmen soll. Nicht der ist fromm, der es sich genug sein läßt, wenn er ängstlich die Speisegesetze beobachtet, aber die Pflichten der Sittlichkeit, Ehrlichkeit und Nächstenliebe vernachlässigt. Nicht diejenigen können fromm genannt werden, die gerne für die Wohltätigkeit opfern, aber die gute Tat, die mit eigener Hand geübte Hilfe oder der Dienst Gottes mit seinen Vorschriften ängstlich von sich ablehnen. Die wahre Frömmigkeit stellt auch weder Richtlinien auf, noch wählt sie sich eine Anzahl Punkte aus, die sie auf ihr Programm schreibt. Die jüdische Frömmigkeit ist die Zedaka, die das ganze Wesen des Judentums, alle Mizwoth umfaßt und erfaßt. Sie ist die Tugend, die gelebt, gefühlt und getätigt wird, um vor Gott und Menschen tugendhaft zu sein. Mit dieser Zedakalehre hat R. Jochanan seine Schüler und das ganze Judentum erfüllt, weil er überzeugt war, daß die Jugend wohl leiden, verfolgt, gedemütigt, aber nicht vernichtet werden kann. Sieger und Gewalthaber können der Jugend Kerker öffnen, Scheiterhaufen entzünden, ihr einen Leidensweg bereiten, aber zum Schlüsse wird sie wie der Phönix aus der Asche wieder zum Leben erstehen. R. Jochanan hat Recht behalten, denn die Lehre des Judentums ist nicht vernichtet worden und wird auch nicht in unserer Zeit von Kathedergelehrten und erbärmlichen Afterwissenschaftlern zu Tode geschwätzt werden. Denn Zedaka ist die Tugend und alle Gebote Gottes richtig beobachtet, führen den Menschen zur Tugend, denn „Tugend ist es, wenn wir achthaben zu betätigen dieses ganze Gebot vor Gott, unserem Herrn,.wie er uns geboten hat". K. Auto gefahren, und zwar auf Parteikosten! Schreiben Sie, Fräulein, daß ich erst im Juli Hochzeit hatte, und daß ich den Burschen wegen Beleidigung verklagen werde!" Herr E. diktiert: „Werte Parteigenossen! Leider können wir Ihnen diesmal unseren Vikar Dr. P. als Redner nicht schicken, da Herr Dr. P. von seinem Bischof den strikten Befehl erhalten hat, sofort ins Westfälische zurückzukehren. — Warum lachen Sie, Fräulein? — Ich verstehe, über die Vorsicht der Bayerischen Volkspartei! — Da wir einen anderen geistlichen Herrn zurzeit nicht besitzen, schlagen wir Ihnen vor, statt eines Redners ein Flugblatt hinauszugeben. Mit treudeutschem Heilgruß, Ihr . . ." Als ich von der Mittagspause ins Büro zurückkam; empfing mich E. mit hochrotem Kopf und schnaubend vor Aufregung: „An die Maschine!" Er stürzte im Zimmer umher, die Rockschöße flogen. Alle Türen und Fenster waren aufgerissen, außer E. und mir war niemand im Saal, ich spürte, es war etwas ganz besonderes vorgefallen. .,Schreiben Sie: Antisemiten! Nationalsozialisten! Deutsche! Der Tag ist da, den wir prophezeiten! Der Ruhrwiderstand ist gebrochen! Nun gilt es, sich in den Kampfverbänden zusammenzuschließen! Unser Führer Adolf Hitler — gesperrt schreiben: Hitler! — wird sprechen in vierzehn großen Massenversammlungen über den Verrat, nein, schreiben Sie, den schändlichen, nein noch einmal, den verruchten, schändlichen Verrat — gesperrt schreiben . . ." Hinter dem schreienden und heftig gestikulierenden E. taucht plötzlich ein Mann im gelben Gummimantel auf. Es ist Hitler selbst. „Dieses dreimal, als Plakat, als erste Seite für den Anschlag und in die Zeitung! Darüber meine Photographie und mein Name dick darunter!" brüllt er, lauter noch als E., aber mit tiefer Stimme und mit Gebärden, als wolle er den ganzen Raum durchfegen. Blitzartig, wie er gekommen, war er wieder verschwunden. Unten hupte das Auto, ein neuer grauer Benz-Wagen, und staute sich das Volk. „Heil! Heil! Heil!" dröhnte es an den Häusern empor, drang in die Straßen hinein. Herr E. beugte sich zum Fenster hinaus, stand dort einen Augenblick stolz in der Sonne. Man glaubte, am Vorabend großer Ereignisse zu stehen . . . Balak und Bileam, Von Dr. Max Steif. So sehr sich die eigentlichen Endabsichten und Ziele der Judenfeinde aller Zeiten auch gleichen mögen, die Art ihres Vorgehens wie die Anlage ihrer Pläne, die sie böswilligen Herzens ersinnen, zeugen von einer um so bunteren Mannigfaltigkeit und machen ihrem Erfindergeiste alle Ehre. Da wendet ein Pharao beispielsweise sein nichts weniger als liebevolles Augenmerk den neugeborenen Kindern Israels zu; ein Amalek nimmt die Schwachen und Wehrlosen, die Kranken und Nachzügler zur Zielscheibe seiner hinterlistigen Angriffe; ein Haman wiederum klügelt einen tückischen Vernichtungsanschlag auf alle an einem bestimmten Tage aus und ein Balak schließlich scheut keine Mühen und Kosten, um sich von weither seinen Mann herbeizu-