Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 31 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Holzinger? So sprechen Sie doch noch einmal über historische bayerische Juden, das Alte zieht immer wieder . . . Was sagte ich, Fräulein? Ach so: Gipfelpunkt. Bleiben Sie sitzen, Fräulein, das Telephon kann stundenlang klingeln, oder schlagen Sie dea Kasten meinetwegen auch zusammen! Also: ist der Gipfelpunkt des Hohnes." Herr E. erscheint in der Türe. „Wrer hat meine Verbindung unterbrochen?'' „Die Verbindung ist nicht unterbrochen worden, Herr E." E., blaurot im Gesicht: „Die Verbindung i s t unterbrochen." Knall, die Türe zu. Herr W„ sehr liebenswürdig: „Wo waren wir, Fräulein? Richtig: Hohnes. Haben nicht sämtliche unserer demokratischen Blätter sich nicht genug tun können, vom passiven Widerstand . . ." Zwei Herren, die schon längere Zeit, interessiert lächelnd, zugehört haben, verbeugen sich leicht gegen Herrn W. „Was wünschen Sie, meine Herren? ... Zu liebenswürdig, aber ich brauche nicht bis zum Punkt zu diktieren, ich komme nie aus dem Konzept. Die Herren sind amerikanische Journalisten? Ich habe leider keine Zeit, wenn Sie wirklich mit zwei Minuten zufrieden sind? Aber nicht länger, keinesfalls!" Herr W. bleibt zwei, zehn, zwanzig, dreißig Minuten verschwunden. Als er wiederkommt, sagt er: „Die Herren haben mich zum Abendessen eingeladen!" Eine Dame tritt herein. Sie trägt eine Ledermütze mit Kinnband, die wie ein Stahlhelm aussieht. „Heil und Sieg!" ruft sie und schwenkt die Arme, „ich möchte ein Bild von Hitler!" Herr E. erscheint: „Welches Bild, gnädige Frau, das mit den verschränkten Armen, das Brustbild, Kopfbild oder das hier mit dem finsteren Gesicht? Auf diesem Bilde hier, sehen Sie, ist der Schnurrbart am besten." Die Dame verschwindet mit den Bildern. „Heil und Sieg!" ruft sie noch einmal an der Türe und schwenkt die Arme. „Eine begeisterte Anhängerin," sagt Herr W., „also wo sind wir, Fräulein? . . . Passiven Widerstand zu schwärmen. Und hat die „Vossische Zeitung" nicht bei jeder unserer Abwehren aufgeschrien, als wenn im Rheinland eine Synagoge zerstört worden wäre?" Weitere Besucher kommen. „Herr Hitler ist nicht zu sprechen." „Wir werden warten, bis H >rr Hitler zu sprechen ist." Ein Mann an der Türe sieht forschend in das Durcheinander. „Ein.Kriminalbeamter? Nein, wir sind für diese Schnüffler nicht zu sprechen!" Ein Offizier mit einer Haarmähne, die er in den Nacken zurückschüttelt, stürmt herein. „Wenn ich bitten darf, Herr Hauptmann, das Oberkommando ist nebenan!" Ein Redakteur schreit zu Herrn W. hinüber: „Können Sie mir sofort achtzehn Milliarden pumpen, W.? Nicht? Wieviel denn?" „Eine halbe." „Wer kann mir sofort achtzehn Milliarden gegen gute Deckung pumpen?" Eine elegante, blonde Amerikanerin, um die sich sogleich die Offiziere des benachbarten Sturmtrupps scharen, kommt herein. „Darf ich an Sie einige Fragen stellen, Fräulein? Erstens: Ist Herr Hitler verheiratet?" „Nein." „Zweitens: Was hält Herr Hitler von Amerika?" Die mir von Herrn W. inspirierte Antwort lautet: „Von der Wall-Street aus werden die Geschicke der Völker regiert, Amerika als Kulturnation hätte die Aufgabe, die dunklen Pläne des Judentums . . ." „Drittens: Was hält Herr Hitler von Japan? Viertens: Wie wird Herr Hitler von seinen Anhängern genannt?" Ratloses Schweigen. Herr Hitler hat keinen Spitznamen. „Sagen Sie einfach, der Wolf" wird mir zugeflüstert. „Herr Hitler, genannt der Wolf," sage ich. Auf einmal kommt von der Straße ein Mann in großer Aufregung gerannt. Er macht sich gewalt- Feuilleton 1=1 Zedaka und Mizwa. „Tugend ist es uns, wenn wir acht haben zu betätigen dieses ganze Gebot vor Gott unserem Herrn, wie er uns geboten hat." V, 6, 25 Als im Jahre 70 Staat und Tempel in Trümmer sank und sich Israel gleichsam wie nach einem großen Schiffbruche dahin und dorthin ans Ufer rettete, brachte R. Jochanan b. Sakkai neues Leben in die erschöpften Glieder des Volkskörpers. Er gründete sein Lehrhaus in Jamnia und paßte die Lehre Gottes der Zeit und den Zuständen an. Damit offenbarte er seinen schöpferischen Geist und seinen Beruf zum Führer im Judentume. Er schuf eine lebensvolle Religion, machte den Juden frei von den Grenzpfählen der ehemaligen Heimat, fähig zum Weltbürger, der die Lehre Gottes verkünden konnte, „ob du weilest in deinem Hause und ob du gehst auf dem Wege". Das Judentum R. Jochanans lebte nicht bei, sondern in den Juden, wurde ihr geistiger Gehalt, bildete die seelische Persönlichkeit jedes einzelnen, wo immer er war. Darum konnte jeder Versuch, den Geist des Judentums zu töten, nur Teilerfolge, gewissermaßen nur örtliche Erfolge erzielen und daß Israel, ewig angefeindet, stets gehaßt, verfolgt, gedrückt, dennoch nicht umzubringen war, ist das Verdienst R. Jochanans, der den Geist des Judentums durch die Fassung, die er ihm gab, zum Gemeingut der Welt werden ließ. Denn eine Tatsache ist, daß der Geist des Judentums Kultur und Geistesrjichtung der Menschheit bestimmt hat. Die Gesetzbücher der Völker, die Sittlichkeit der Nationen, die Ideale der Menschheit sind aufgebaut auf der Lehre Moses und Geist vom Geiste des Judentums lebt in ihnen. Man kann dies verschweigen, auch tadeln, aber leugnen läßt es sich nicht. Dieser Geist des Judentums ist am besten gekennzeichnet durch das Schriftwort: „Tugend ist es uns, wenn wir acht haben zu betätigen dieses ganze Gebot." Nächst dem Umstände, daß das Judentum „Taten" verlangt, sind es die beiden hier genannten Begriffe Zedaka und Mizwa, die dem Judentume seine Eigenart geben. Und deutlich ist gesagt, daß Zedaka der Inbegriff aller Mizwoth ist. Die „Mizwa" ist etwas, was dem Worte und Sinne nach jedem Juden wohlbekannt ist. Mit der Uebersetzung des Wortes nach der Wurzel „befehlen" ist nicht viel getan, denn mit „Gebot, Befehl, Pflicht" übersetzt, ist dem Gedankeninhalte, den der Jude mit dem Ausdrucke „eine Mizwa_.tun" verbindet, noch lange nicht entsprochen. „Das eigentliche Wesen der Mizwa", sagt Tr. Herford, „bestand darin, daß sie das war, was Gott wollte. Es war eine Gelegenheit, Gott zu dienen, ein den Menschen verliehenes Mittel, bei einem gegebenen Anlasse Gott zu gefallen." Damit ist er dem, was die Juden bei dem Worte „Mizwa" denken, gerecht geworden. Geht man nun all das durch, was die Ethik den Menschen zu tun heißt, so wird man nichts finden, was man nicht auch unter das Wort „Mizwa" einreihen könnte. Die 613 Gebote und Verbote werden „Mizwoth" genannt. Die Mizwa ist also jegliches Tun, das Gottes Geboten oder Verboten entspricht, das vom Standpunkte der Religion gebilligt, gelobt werden kann, ob es eine große oder kleine Sache betrifft. Der Mensch, der sich, solchen Tuns rühmen kann, ist Zaddik, ist fromm und tatsächlich wäre die Uebersetzung von Zedaka mit „.Frömmigkeit" ganz gut, wenn dieses deutsche Wort nicht leider den allzustarken Beigeschmack von „Kirche und Gebetbuch" bekommen hätte, denn der Gottesdienstbesuch und die Benützung des Gebetbuches sind auch im Judentume „Mizwoth", aber neben den übrigen, die von 613 bleiben, zahlenmäßig so gering, daß die .jZedaka" mit diesem Worte „Frömmigkeit" nicht erschöpft ist. Ein Wort, in das sich Sinn und Zweck aller „Mizwoth" einreihen läßt, wäre „Tugend". Tugendhaft in jeder Hinsicht ist der Zaddik, dessen ganzes