Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 31 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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WAHRHEIT Oesferrelchlsche Wochensdiriif fOr fQiHsäie Interessen ül flem ßelülaK: verüftenffldianaen äer „Volon aenfschösferreicHisAer imar Redaktion und Administration: Wten II.. HtelmtestraO« 13. - Fernruf 42-2.16_ XL1I. Jahrgang Wien, 23. Juli 1926 Nummer 31 Am Vorabend großer Ereignisse. Im Brenner-Verlag, Innsbruck, ist ein sehr interessantes Buch von Paula Schlier „Petras Aufzeichnunge n" erschienen, dessen Lektüre nur wärmstens empfohlen werden kann. Neben stimmungsvollen Schilderungen menschlichen Elends, aus denen die Seele eines wahren Weibes spricht, das entsetzt und fassungslos die Greuel des Weltkrieges als Pflegerin mit ansah und sich dennoch die Liebe zum Menschen, insbesondere zum armen Kinde bewahrte, finden sich hier „Aufzeichnungen" auch aus dem Berufsleben der Verfasserin, die in verschiedenen Verlagsanstalteu und Zeitungsredaktionen der oft konträrsten Richtung wiederholt tätig war. „Nach dem Diktat der Zeit" — dies der Untertitel des in diesen Kapiteln sehr spannenden Buches — ist namentlich das Tagebuch geschrieben, das Paula Schlier während ihrer Arbeit beim Münchner „Völkischen Beobachter" führte und das deshalb von besonderem Interesse ist, weil München damals vor dem mißglückten Hitler-Putsch stand. Hier wird von einer, die die aufregende Zeit am Herd der „Revolution" miterlebte, gezeigt, wie in diesen Kreisen fieberhaft geschürt und gehetzt wurde. Wir lassen im folgenden die auszugsweise Schilderung eines Arbeitstages in der völkischen Redaktion folgen: Als ich um acht Uhr morgens in die Redaktion kam, fand ich außer einigen Ordonnanzen und kleinen Mädchen, welche die Räume mit dem Besen kehrten, noch niemanden vor. Zwischen neun und zehn Uhr, je nach der Wichtigkeit ihrer Stellung früher oder später, kamen die Redakteure. Zumeist sind es junge Menschen von großer Formlosigkeit, mit der typischen Kellerhautfarbe der Redakteure; sie scheinen nie ausgeschlafen zu haben. Hinter allen Affekten, die zur Schau getragen werden, wie Zorn, Lustigkeit, „Vaterlandsliebe", wird Nervosität allein streng verborgen. Anders und freier erscheinen nur Chefredakteur R.*), ein Deutschbalte, aristokratisch, ironisch, der „wertvollste Theoretiker" der Bewegung und Herr E.**), der Adjutant Hitlers, ein jähzorniger, unwissender und naiver Knabe. Ueberhaupt war das erste, was mir auffiel — was ich erwartet, aber doch nicht in einem solchen Grade erwartet hatte — eine deutliche Sphäre der Naivität, die das Wesen der Menschen, ihrer Zeitungsgedänken und auch das Wesen ihrer ganzen „Idee" ausmacht. (Ist doch der Gedanke, die Menschheit wäre ohne Juden auch nur um einen Grad glücklicher, auch dann, wenn er das Heil nicht in einer gewaltsamen Lösung der Judenfräge erblickt, ein kindlicher.) Vom ersten Augenblick an, als ich E. sah, war mir klar, daß die Art, wie diese Leute hier, den übelsten Instinkten des Volkes schmeichelnd, „Politik" betrieben, nicht *) Vermutlich Alfred Rosenberg. D. Red. **) Vermutlich Hermann Esser. D. Red. so sehr auf böser Absicht beruhe, sondern einfach auf Dämlichkeit, und daß auf sie alle Beyles Wort, es gebe immer nur Irrtümer des Verstandes und keine des Herzens, zutrifft . . . jeder, der nicht „patriotisch'k ist, gilt hier nicht nur als ein Idiot, sondern auch als unanständig. Um neun Uhr bevölkert sich die Redaktion, das Telephon, ein großer Zentralapparat, beginnt in roten und gelben Lichtern aufzuglänzen, zu surren und zu klingein, die Mädchen fangen an Maschine zu klappern, die Redakteure zu diktieren, Besucher strömen herein, stellen Fragen, Stimmengeschwirr setzt ein, Türenzuschlagen und Durcheinanderlaufen. Die großen Räume füllen sich mit Menschen, ganze Kolonnen ziehen vom Flur in die Säle und wieder zurück, die Geräusche des Telephons, der Maschinen, der Rufe und Kommandos, dazwischen die untergeordneten der gerückten Stühle, der scharrenden Schritte, der zuknallenden Türen sind nicht mehr zu entwirren. Das ständige Klingeln des Telephons bleibt als Grundton. Wer nervös ist, entziffert mit verstopften Ohren sein Konzept. Draußen zieht Musik vorbei. Alles stürzt ans Fenster, die Fahne wird hochgezogen. Am Telephon bekommt ein Redakteur einen Wutanfall. Ueber einen Witz lacht schallend der ganze Raum. Ein Offizier des Oberkommandos — das „Oberkommando" befindet sich nebenan, doch die Offiziere halten sich mit Vorliebe in der Redaktion auf — fuchtelt mit dem Revolver. Eine Kleine schreit darüber entsetzt auf. Viele Offiziere, wahre Hünen, stehen in Haufen umher, machen schlechte Writze oder besprechen einen Regimentsbefehl. Auf den Bänken im Gang sitzen in langen Reihen die Besucher, die auf eine Audienz bei Hitler warten. Wenn das Durcheinander so groß ist, daß zehn Fragen gleichzeitig an einen gestellt werden, dieser aber keine Zeit hat, auch nur eine Frage zu beantworten, wenn dieser nun nervös wird, so ergreift die Nervosität auch alle anderen und die Atmosphäre scheint von Aufgeregtheiten aller Art durchtränkt. Der Bewegungsraum wird immer enger, die Luft dick und schlecht, die Zeit, die bis zum Abend bleibt, erscheint beängstigend kurz. Diese Situation symbolisiert das Wesen der Bewegung: Aufregung statt Leidenschaft. Man kennt nur Lautsein. Leidenschaft wäre stille. Ein Artikel entsteht auf folgende Weise: Redakteur W., laut schreiend, den Lärm übertönend: „. . . der offene Verrat des Chefjuden Bernhard von der „Vossischen Zeitung" ist der Gipfelpunkt . . .", sich unterbrechend: „Wo ist das Klischee für das Inserat, Meier? Mit diesem Brief heute noch in den Verlag! . . . Sie wollen heute Abend nicht sprechen,