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Die Wahrheit · 1926-07-16 · Heft 30 (16.7.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 30 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
– (sequence 8)
Language
German
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»rite* JtrWAHftftfgT Ite. 36 nur noch ein Schritt zwischen ihr lind dem Tode war. Nachdetn sie sie geschlagen und verwandet hatten, besprengten sie sie mit Wasser und legten sie auf einen Marmorstein. Sie aber erwachte nicht aus ihrem Schlafe und erhob weder Hand noch Ruß und verstellte sich also bis zur Nacht, damit sie glauben sollten, daß sie ihnen unter der Hand tot geblieben sei. Um Mitternacht jedoch kam eine Christin, trug sie in ihr Haus, da sie Erbarmen mit ihr hatte, und verbarg sie, um sie zu retten und ihrem Bruder wieder zuzuführen. Die übrigen Juden retteten sich in die Häuser ihrer Bekannten und tags darauf flohen sie auf das Schloß Zülpich und blieben dort, bis der Sturm vorüber war, und es rettete sie der Herr. Am folgenden Tage befahl der Bischof, die Leichen aller in jener Plage Umgekommenen zu sammeln. Da legten sie auf Wagen alles, was an Gliedmassen der Hingemetzelten übrig gebheben und was sonst von ihnen gefunden wurde, und begruben sie in seinem Garten. Hernach kauften R. Rechakjah und dessen Frau Judit ihm diesen Garten ab, der ihrer Gemeinde zum Begräbnisplatze bis auf den heutigen Tage dient ... Wehe mir, meine Mutter, daß du mich geboren hast! Denn ein Unglück traf herein von Frankreich, ein großes Unheil zeigte sich in Blois. In seine Fruchtlese und in seine Ernte fiel Schlachtgeschrei. (Fortsetzung folgt.) (Hoseen. In den jetzt zur Veröffentlichung gelangenden Tagebucjiblättern Georges Louis', des einstigen französischen Botschafters in Petersburg, ist ein Gespräch wiedergegeben, das Wilhelm IL kurz vor dem Kriegsausbrüche mit einem jungen französischen Mitglieds des Hauses Rothschild hatte. „Kommen Sie zu uns", sagte der Kaiser, „Sie werden wie die Größten des Lahdes behandelt werden. Ich mache keinen Unterschied zwischen Christen, Juden oder Mohammedanern. Sie alle beten zu einem einzigen Gott, zu meinem Gott" Da die Bibel, die den einzigen Gott Israels verkündete, etwas älter als das Haus HohenzoHern ist, so wollte Wilhelm II. wohl sagen, er bete zum Gott der Juden. Das galt vor dem Kriege. Denn seit seinem Thronverlust weiß Wilhelm diesen Gott nicht genug zu schmähen. Da er die Meinung vertritt, die J[uden $eien schuld an dem verlorenen Krieg, zieht er mit der ihm eigenen Logik auch alle möglichen Kpnsequenzen daraus. Der Gott der Juden, der ihn verließ, den verläßt auch er. Der Gott der Juden, der seine Absetzung zuließ, den setzt auch er herab. Dßx Qott der Juanen, der es duldete, daß er zum Hohn und Spott der Welt wurde, den verhöhnt auch er, auf den spritzt auch er seinen Geifer. In einem muß atier docn der Exkaiser die Ungleichheit im Kampf gegen den Gott der Juden zugeben : zur „freiwilligen" Thronentsagung kann er den nicht zwingen und auch in das Exil kann er ihn nicht schicken. * * * Wenn Tayllerand einst sagte, die Sprache sei gegeben, um die Gedanken zu verbergen, so huldigen gewisse Politiker von heute dem Grundsatz: Interviews werden gewährt, um eventuell verleugnet zu werden. Fast möchte ich glauben, daß Monsignore $eipel dereinst es vorziehen werde, sich zu mancher Stelle seines sensationellen amerikanischen Interviews nicht zu bekennen. Der Interviewer ließ Herrn Dr. Seipel, den Chef der christlichsozialen Partei, sagen, oder vielmehr: Dr. Seipel ließ seinen Interviewerschreiben: „Die christlichsoziale Partei ist eine antisemitische Partei, deren Antisemitismus mehr jenen Juden gilt, die nicht als solche erkannt sein wollen, als denjenigen Juden, die offen für ihr Judentum einstehen." Da ein Parteichef — so nimmt man doch an — in der Regel nicht zu den Gegnern der in seiner Partei herrschenden Anschauungen zählt, müßte man nach dieser Äeußerung auch schließen, Herr Dr. Seipel sei ein Christlichsozialer, dessen Antisemitismus mehr jenen Juden gelte, die nicht als solche erkannt sein wollen, als denjenigen Juden, die offen für ihr Judentum einstehen. Man müßte aber eine viel zu geringschätzige Meinung von dem gelehrten Priester Dr. Seipel haben, um ihm auch nur einen Moment zuzumuten, daß er es nicht mindestens so gut wie der kleinste Rabbiner wisse, daß ein Christ, noch dazu ein Priester, ohne die Grundlehren des Evangeliums zu verhöhnen, kein Antisemit sein könne. Antisemit heißt ja nicht, Feind böser, nichtswürdiger, verdächtiger Juden zu sein, sondern heißt pur et simple: Feind der Juden sein. Auch wenn sie zufällig einen so heiligmäßigen Lebenswandel führen wie, sagen wir, die Apostel. Dem Politiker Seipel, das begreife ich schon, würde es passen, um nicht äußerlich gar zu sehr mit dem Priester Seipel zusammenzustoßen, hier gewisse künstliche Unterschiede gelten zu lassen. Aber Herr Dr. Seipel weiß es ganz gut, daß der Dummkopf nicht existiert, der einen gläubigen Dummkopf für die These fände, daß es nur unter den Bekennern des Alten Testamentes neben tadellos ehrenhaften Menschen auch — andere gebe. Freilich, das muß man konzedieren, unter den Antisemiten, und gar unter ihren Führern, gibt es nur durchaus vollkommene, sittlich hochstehende Männer, zu denen Christ wie Jud in scheuer Ehrfurcht emporblickt, staunend, daß sich solche Lichtgestalten in dieser so durch und durch verju<jeten Welt erhalten konnten. Nicht viel geistreicher, aber vielleicht womöglich noch verlogener ist der Versuch, die mehr oder weniger, leiser oder lebhafter betonte antisemitische Gesinnung damit zu begründen, daß sie mehr und stärker gegen diejenigen sich wendet, die „nichf als Juden erkannt sein wollen". Wenn Herr Dr. Seipel es nicht sehr achtungswert findet, daß einer sein Judentum verleugnet, so ist das ganz hübsch von ihm, vorausgesetzt, daß er dabei an die Juden denkt, die sich ihres Judentums und ihrer Abstammung schämen. Auch die Juden mißachten weniger den offenen als den heuchlerisch verkappten Antisemiten. Aber Herr Dr. Seipel scheint, wenn auch etwas verschämt, die Meinung vertreten zu wollen, daß nur die Zionisten sich offen als Juden bekennen. Welch ein Irrtum! Oder vielmehr, welch arge Irreführung! Es ist allbekannt, daß Millionen strenggläubiger, mit aller Inbrunst zum Judentum sich bekennende Juden sich zu den schroffsten Gegnern der Zionisten und ihrer politischen wie nationalen Bestrebungen zählen. Den mehr oder weniger zum Antisemitismus sich bekennenden Politikern ist das Sympathischeste an den Zionisten, daß die Antisemiten aus deren nationalem Bekenntnis Schlüsse ziehen zu können glauben, die bedenklich für die staatsbürgerliche Stellung der Juden außerhalb Palästinas sind. Die Antisemiten ignorieren dabei geflissentlich, daß die Zionisten selbst nicht nur die Berechtigung dieser Schlüsse negieren^ sondern ausdrücklich betonen, daß durch ihre Ziele die patriotische Haltung der Juden — seien diese Zionisten oder nicht — in den Ländern, in denen sie leben, nicht im geringsten tangiert wird. Man schätzt den Zionismus, weil man glaubt, aus ihm Waffen

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