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Die Wahrheit · 1926-07-16 · Heft 30 (16.7.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 30 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Sflijts 4 Nr. 30 An den Pforten der Ewigkeit. Skizzen aus dem religiösen Leben der Juden. Von Binjamin SegeL Die Lebensanschauung eines Volkes kann man am besten an seiner Auffassung des Todes studieren. Der Tod ist das wichtigste Ereignis im Leben, erschüttert die Grundfesten des Daseins am tiefsten und gibt den Menschen die schwierigsten Rätsel auf. Bekanntlich leitet eine ganze Schule der modernen Soziologie die wichtigsten Tatsachen des Seelenlebens, wie den UnsterbHchkeitsglauben, ja sogar die Gottesvorstellung und die gesamte Religion von den Eindrücken hex, die der Tod auf die Psyche des primitiven Menschen macht. Allein auch für die Kenntnis der Kulturvölker ist die Art, wie sie sich mit der Tatsache des Sterbens abfinden, von höchster Wichtigkeit Dabei kann man bemerken, daß ein gemeinsamer Grundton den Glauben, ia den Aberglauben des einfachsten Mannes aus dem Volke mit den Anschauungen der erlesensten Geister, so hoch sie sich auch erheben mögen, immer auf irgend eine Weise verbindet. In den meisten Fällen sendet der Tod die Krankheit als seine Vorbotin. Ein plötzlicher Tod, ohne vorangehende Krankheit!, wurde von den Juden seit altersgrauer Zeit als ein schweres Unglück, ja als eine Strafe des Himmels angesehen. Eine alte, im Talmud aufbewahrte Sage läßt die Krankheit vor dem Tode als eine Spende der göttlichen. Barmherzigkeit erscheinen, die den Sterblichen Zeit läßt, vor ihrer Abberufung hiernieden ihre Dinge in Ordnung zu bringen, den Ihrigen ihren Willen kund zu tun und Abschied von ihnen zu nehmen. Die Liebe zum Leben ist ein seit altersher beobachteter Zug des jüdischen Charakters. Jede Zeile der Bibel gibt Kunde davon, wie sich die Juden an das Leben klammem. Muhammed sagte: „Jeder Jude möchte gern tausend Jahre leben." Man kann behaupten, das Ideal des Juden ist, lang zu leben und kurz py sterben. Doch, wohlgemerkt, nicht etwa plötzlich. Drei bis fünf Tage vor dem Tode krank zu sein, das galt als das Natürliche. Einen Kranken zu besuchen, um ihm Zuspruch und Beistand zu spenden, galt und gilt als eine der größten unter den guten Taten, eine von denen, welchen Joeiii Maß gesetzt ist" Durch Krankenpflege erfüllt der Mensch die Nachfolge Gottes, denn Gott in eigener Person besucht die Kranken. Rabbi Akiba besuchte einen seiner Schüler, der krank darnieder lag!, und verrichtete an seinem Lager die niedrigsten Dienste. Wer keine Kranken besucht, der gleicht einem, der Blut vergießt Den Krankenpfleger 'erwartete dagegen der höchste Lohn; er widersteht der Macht des bösen Triebes (Jezer HaTa) und ist dem Gerichte der Hölle entzogen. Krankenpflege ist einer jener Liebesdienste, die man auch den Heiden schuldete, denn sie beruhen auf der Solidarität (schalom) des Menschengeschlechtes. Das Buch der Frommen lehrt: liegt ein Reicher und ein Armer krank darnieder, so gehe du zum Armen, denn dem Reichen fehlt es nicht an Pflegern. Man darf den Kranken weder in den ersten noch in den letzten drei Tagesstunden besuchen; in den ersten fühlt er sich am wohlsten, und der Besucher ist dann geneigt, den Fall viel zu leicht zu nehmen, in den letzten drei fühlt er sich am schlechtesten, und da ist ihm der Besuch lästig. Dem Kranken muß man Mut zusprechen, ihn trösten, ermahnen, er solle die Vorschriften des Arztes befolgen, und gleichviel, ob er reich oder arm ist ihn liebreich fragen, ob er etwa Geld brauche. Selbstverstänicililch soll man im Stillen für ihn beten. Gewisse Arten von Kranken darf man nicht besuchen, da ihnen der Besuch lästig fällt und das Reden und Zuhören sie anstrengt Man darf nur ins Vorzimmer kommen und sich nach ihrem Befinden erkundigen. Zu den ältesten Einrichtungen jeder jüdischen Gemeinde* auch der kleinsten, gehörte eine Brüderschaft für. Krankenbesuch (Bikkur Cholim). Ist einer, besonders in vorgerückten Jahren, drei Tage krank, so tut er gut an das mögliche Ende zu denken. Freunde, die ihn besuchen, haben die Pflicht, ihn schonend daran zu erinnern, und ihm nahezulegen, daß er „seine Rechnung mit dem Himmel mache", d. h., daß er seiner Sünden gedenke und beichte. Es handelt sich natürlich nicht um eine Ohrenbeichte vor einem Priester, der etwa Absolution zu erteilen mächtig wäre, sondern darum, daß der dem Tode Entgegengeh'ende seine Sünden bekenne und wenigstens in Gedanken Buße tue. Es gilt als ein Segen, wenn in der Stundet da die Seele den Leib verläßt (jeziath neschamah) zehn erwachsene Männer (wie hei einem Tegelrechten Gottesdienst) anwesend sind; jedenfalls ist es eine große Mizwah» einem Sterbenden beizustehen, mit ihm die Gebete zu rezitieren und seinen letzten Wüten anzuhören. Eine merkwürdige Vorstellung hat sich im späten Mittelalter unter dem Einfluß der Kabbalah herausgebildet, die, in einem Aberglauben wurzelnd, doch eine tiefere Wahrheit enthält und eine poetische Blüte getrieben hat. In den letzten Stunden, wenn der Todeskampf (gessissah) eintritt, müssen sich wohl, nach der populären Meinung, des Sterbenden sonderbare Verwirrungen' und Seelenschmerzen bemächtigen; diese Zustände gaben den Gedanken ein, daß Satan und sein Geleite im letzten! Augenblick an den Menschen herantreten, um ihn zur Abtrünnigkeit zu verführen. In der Todesangst und körperlichen Schwäche könnte es leicht geschehen, daß der Sterbende der Versuchung erliegt Er muß daher Sorge tragen, daß dieser Abfall noch rechtzeitig in aller Form annulliert werde. Die Sache wird juristisch aufgefaßt, und solange der Kranke bei klaren Sinnen ist lest er eine rechtskräftige Verwahrung (messirath modaah) gegen eine etwaige spätere Entgleisung ein. Unter den zahlreichen Formeln ist die folgende wohl die vollkommenste; sie ist Gebet Bekenntnis und juristische Erklärung zugleich: „Hiermit bin ich bereit Seele, Geist und Atemhauch hinzugeben für die Heiligung des hochgeprieseaien Namens Gottes. Herr der ganzen Welt ich komme zu Dir, um vor dem Thron deiner Herrlichkeit eine Gnade zu erbitten. Wenn die Stunde naht da Du die Seele von mir nimmst so möge Satan und sein Geleite keine Macht besitzen, mich zu verführen, eines deiner Gebote zu üb er treten, welcher Art und welchen Grades es auch sei, damit meine Seele hinausgehe in HeiÜgketit und Reinheit und dorthin komme, wohin ich mich sehne, wo die Seelen der Gerechten und Frommen Israels, die Seelen Abrahams, Isaaks und Jakobs weilen. Wenn aber Satan kommen sollte, um mich zu überreden, eines deiner Gebote zu übertreten, oder gan, den Gott des Himmels zu verleugnen, während mich die Schrecken des Todes umfangen und mein Verstand steh verwirrt — bewahre, daß ich seinen Lockungen folge, in Worten oder Gedanken, was der Mund an Lauten hervorbringen, und was das Herz sinnen kann. Ich erkläre hiermit in allerstrengster Form rechtens, von jetzt ab in alle Ewigkeit daß ich von vornherein dagegen Verwahrung einlege; sollte mir ein solches Wort entschlüpfen oder in mir ein solcher Gedanke sich regen, so sei dieses Wort und dieser Gedanke für null und nichtig geachtet, wie wenn sie nie existiert hätten. Denn ich will nicht einen Augenblick von Dir getrennt sein, ich glaube an Dich, daß Du wahr bist, Dein Knecht Moses wahr ist und seine Lehre wahr ist; Du bist der einzig und allein Existierende und keiner gleicht Dir auf irgend eine Weise in der Welt Du warst, Du bist und wirst sein in alle Ewigkeit . . In manchen Fassungen dieser Formel wendet sich der Kranke an die Umstehenden mit den Worten: „Hört mich an, meine Herren!" und nimmt sie zu Zeugen, daß er die Verwahrung rechtskräftig eingelegt habe. Darauf folgt das eigentliche Sterbegebet, welches viel älteren Ursprungs ist, als die Verwahrungsformel und wegen seines Reichtums an Stimmungen und Gedanken sehr bemerkenswert: „Ich bekenne vor Dir, Ewiger, mein Gott Gott meiner Vorfahren Abraham, Isaak und Jakob, daß meine Genesung in Deiner Hand liegt und mein Tod in Deiner Hand liegt Möge es Dein Wille sein, mir eine vollkommene Genesung zu senden. Wenn Du aber beschlossen hast mich zu Dir zu nehmen» so bekenne ich, daß Du gerecht bist in allem, was Du über mich verhängst denn Du handelst nach der Wahrheit ich aber bin sündig. Zu Dir, Ewiger, erhebe ioh meine Seele. Möge es Dein Wlle sein, daß mein Tod alles sühnt was ich vor Dir gesündigt habe durch Gedanken, Wort oder Tat Nimm mich auf in den Gan Eden und gib mir Teil an der ewigen Seligkeit die aufbewahrt ist für die, die Dich fürchten. Leite mich den Weg des Lebens zu der Fülle der Freuden vor Deinem Angesicht, der Wonnen zu Deiner Rechten ewiglich." Hier folgt das Bekenntnis: „Höre Israel" und die sich daran anschließenden Verse, sowie einige andere, die sich auf das ewige Reich beziehen. Dann fährt der Kranke fort, sich für den letzten Gang zu rüsten: „Mein Gott, wenn meine Sünden zu groß sind, so vergib mir um der Ehre Deines Namens willen. Wenn ich nicht auf Deine Gnade bauen könnte, wer erbarmt sich mein außer Dir. Darum hoffe ich zu Dir, auch wenn Du mich tötest; wenn Du auf meine Sünden achtest, so flüchte ich vor Dir zu Dir selber. Vor Deinem Zorn suche ich Schutz in Deinem Schatten, an den Saum Deines Gnadengewandes klammere ich mich, bis Du Dich mein erbarmst, ich lasse Dich nicht los, ehe Du mich gesegnet hast (Diese Zeilen stammen von dem großen Dichter Salomon ibn Gabirol). Bedenke, daß Du mich aus Lehm geformt hast; Du hast mir soviel von des Lebens Mühsal auf-

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