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Die Wahrheit · 1926-07-16 · Heft 30 (16.7.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 30 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Mr. 30 DIE WAHRHEIT Kurszettel und Wahlzettel gestaltete sich anfangs recht günstig, Politik und Geschäft florierten. Doch die Flitterwochen waren bald vorüber. Eine arisch-christliche Bank nach der anderen geriet in Zahlungsschwierigkeiten und mußte sich, um einen offenen Zusammenbruch zu vermeiden, in den Schutz einer größeren Schwester begeben. Die Funktion einer Rettungsgesellschaft für arische Kleinbanken hatte nun vor allem die „Zentralbank deutscher Sparkassen" inne, sie nahm die verkrachten Unternehmungen großmütigst unter ihre Fittiche, bis sie, die Schützerin, selbst des Schutzes dringend bedurfte. Doch nun erst zeigte sich, wie günstig die Verbindung zwischen Politik und Geschäft ist, zwar nicht für den Staat und seine Kasse, wohl aber für den Haushalt der Partei war. Im Parlament wurde ein Gesetzesantraig eingebracht, der die Stützung der in Zahlungsschwierigkeiten geratenen „Zentralbank deutschier Sparkassen" mit staatlichen Mitteln vorsieht, und so gab es denn eine Bankendebatte im Parlament, in der das Für und Wider des Gesetzesvorschlages erörtert wurde. Bankendebatte im Nationalrat! Ein seltenes Festessen für eine sozialistische, das heißt antikapitalistisch orientierte Oppositon, zu dem auch die anläßlich des Arbeitersportfestes in Wien weilenden ausländischen Gäste geladen wurden. Die österreichischen Sozialdemokraten wären keine wahrhaften Republikaner, würden sie nicht den Leitspruch der römischen Imperatoren beherzigen: Panem et Circenses! Da das Brot jedoch infolge der sinkenden Kaufkraft, der steigenden Verarmung und Arbeitslosigkeit für weite Bevölkerungsschichten immer unerschwinglicher wird, so müssen öffentliche Schaustellungen, Umzüge und Feste dazu beitragen, das Ansehen und politische Prestige der Partei vor Einbuße zu bewahren. Und vor allem das eine Spektakel können unsere Sozialisten nicht vorübergehen lassen, ohne wieder einmal einen ausgiebigen Spektakel zu machen: Bankendebatte im Nationalrat. Die fremden Gäste, die überfüllte Galerie, die Partei- und sonstige Presse — kurz und gut, man ist es sich selbst schuldig, einmal ordentlich zn demonstrieren. Doch die Partei befindet sich da in einer Zwangslage. Ablehnen kann sie das Stützungsgesetz nicht, so gern sie es möchte, da sich sonst die Erbitterung der getäuschten kleinen Sparer mit aller Wucht gegen sie wenden würde; und annehmen, das ist auch nicht so einfach für eine antikapitalistische Partei: Was tun? Genosse Danneberg wird ins Gefecht geschickt. Er wird sich, so denken sich die Parteiführer, schon irgendwie herauswinden. Ob christlichsozial, großdeutsch oder sozialdemokratisch, das Rezept, nach welchem man in Oesterreich Politik betreibt, ist das alte geblieben. Es ist sehr einfach und stellt an das Denkvermögen der Staatsbürger nicht die geringsten Anforderungen. Man schimpft auf die Juden: „Die arischen Banken haben von den Juden Geld bekommen, sie haben mit den Juden, die Juden haben mit ihnen Geschäfte gemacht . . ." Das Hauptwort „Jud" wird in allen vier Fällen abgewandelt und jeder einzelne Fall wird mit den Juden in Verbindung gebracht. Es zeigt sich wieder einmal, daß Schlagworte wie „Lemberg", „Tarnopol" oder „Drohobycz" und wie sie sonst noch lauten mögen, nichts an ihrer Durchschlagskraft eingebüßt haben. Mit Hilfe des „Juden" konnte sich der sozialdemokratische Generalredner glänzend aus der etwas kitzlig gewordenen Affäre ziehen und den Beifall der Galerie, auf den es ja in erster Linie ankommt, in vollem Maße ernten. Das Gesetz wird angenommen, die Steuergelder werden zur Zahlung von Schulden der arischen Bank verwendet werden und der arme Staatsbürger wird noch schwerer unter der Last der geradezu unerträglich gewordenen Steuern und Abgaben seufzen. Ein Besserwerden dieser traurigen Zustände ist jedoch nicht früher zu erwarten, als.bissichdieLenkerunseres Staates zu dem Grundsatze bekennen werden, den der Liberalismus schon vor vielen Jahrzehnten im Interesse der inneren Reinheit des Staatslebensverkündethat: Trennung von Geschäft und Politik! meilsterin bezeichnet, beweist, wie' sehr man seit jeher die Macht der Beispiele gewertet hat. Darum können sich Volksführer und Erzieher in allen schweren Zeiten, die an die Tugend jedes einzelnen die größten Anforderungen stellen, nicht genug in geeigneten Beispielen erschöpfen. Wie zum Guten, so zum Bösen! Auch ein Antiochus Epiphanos sucht Beispiele an angesehenen, vorbildlichen Personen für seine Zwecke, um auf diese Weise die Menge seinem Willen gefügig zu machen. Gleich ihm haben zahllose dieses Mittel gesucht und trotzdem ist es nicht zu loben. Denn was daran von grundsätzlicher Bedeutung ist, zeigt am besten das uralte Bild, das die Heilige Schrift von der ersten Sünde des Menschen zeichnet. „Sie nahm von seiner Frucht und aß", heißt es von Eva, und die Ausleger bemerken, daß Eva die Trauben ausdrückte und von dem Safte Adam gab. Erst die Tat, der Umstand, daß Eva selber tat, was sie sagte, hat verführend gewirkt. Darum legt Moses den Bittstellern die Pflicht auf, gerüstet voranzuziehen, um durch Taten zu wirken und Vorbild zu geben. Viele, die m einer Sache oder Partei etwas wollen, sei es ihren Ehrgeflz befriedigen, sei es einen Nutzen ziehen, ergehen sioh in vielen Worten, lauten Reden, in Aufforderungen und Aufrufen an andere. Aber ihre ganze Rüstung sind nur Worte, ihre Tüchtigkeit ist nur Ueberredung und Verführung anderer, ohne daß sie selbst tun. was sie verkünden. Sie gleichen der Schlange im Paradiese, die auch nur reden und wieder reden konnte, aber wohlweislich selber nach der verbotenen Fruoht nicht griff. Kommt es zur Probe auf die Gesinnung, so versagt ihre Kraft und ihr Mut; denn sie wollen nur, daß andere die Probe leisten für die Gesinnung, die sie selber ohne Unterlaß marktschreierisch verkünden. Die dritthalb Stämme konnten nicht bloß fordern und verlangen, sondern auch leisten und tua Sie waren Männer, die nicht ängstlich zurückwichen und hundert Ausredem wußten, wenn man von ihnen Taten sehen wollte. Das ist es, was uns mit der Stammutter Eva und ihrer unglückseligen Tat versöhnt, daß sfe nicht etwa nur Adam überredete, soridern selber zuerst gegessen hatte. War ihre Tat auch Sünde*, ihr Beispiel schlecht, so hat sie doch die Probe auf die Oesinnung geleistet. Die Schlange hingegen hat wie gewisse Parteh-edner das arme Menschenpaar nur verführt, sich selbst aber klug oder wenigstens scheimtbar klug von der Gefahr ferngehalten. Sehr geistvoll hat darum der Talmud folgendes gesagt: In der Zukunft kommen einmal alle Tiere zusammen und sprechen zur Schlange: „Der Löwe überfällt und frißt den Raub, der Wolf - zerreißt und verschlingt die Beute; du aber — was hast du von dem, was du tust?" Es gibt gute Beispiele und schlechte, die einen wie die anderen gehören wobl zur Weltordrrong wie das Gute und das Böse selber. Die guten können1 begeistern, die schlechten abschrecken, aber iene Menschen, die nur reden und nichts tun, sind sicher und unter allen Umständen ein schlechtes Beispiel schon deshalb, weil sie gewiß nicht von Rüben, Gad und Halbmanasse abstammen, die gerüstet ihren Brüdern vorausgezogen sind, K.

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