Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 30 (16.7.1926)
- Date
- 1926-07-16
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 _DIE WAHRHOT__Nr. 30 Geschäfte und Politik. Christlichsoziale, Großdeutsche uiid Sozialdemokraten haben nur Hohn und Spott übrig für die großen Gedanken des L i b e r a 1 i s m u s, für die politischen Richtlinien einer Bewegung, der Europa Fortschritt und Freiheit verdankt. Man sucht den Liberalismus als ein „jüdisches Geistesprodukt" dem Volke verächtlich zu machen, man gebärdet sich rassisch, klerikal oder revolutionär und sieht im übrigen nur in der Partei den höchsten Zweck, der mit allen Mitteln gefördert werden muß. Nämlich mit den Mitteln der anderen. Das ist es ja gerade, um was es sich handelt, das ist das eigentliche politische Problem, nicht nur in Oesterreich, sondern auch in anderen Staaten, denen der Umsturz die „Freiheit" gebracht hat: Wem steht das Recht zu, das Geld anderer Menschen ausgeben zu dürfen, wer soll die „Freiheit" besitzen, mit den oft schwer erworbenen Mitteln der Mitmenschen schalten und walten zu dürfen, wie es ihm beliebt, oder vielmehr, wie es den Parteigenossen gefällt? Wenn früher einmal der Liberalismus, auf den man jetzt, wie gesagt, verachtungsvoll herabblicken zu gönnen glaubt, als obersten Grundsatz die Nichteinmischung des Staates in das geschäftliche Treiben propagiert hat, wenn er die möglichste Freiheit von Handel und Verkehr auf seine Fahnen geschrieben hatte, dann hat man nach dem Umsturz gerade das entgegengesetzte Rezept verfolgt. Zwar waren die Erfahrungen, die man mit den Sozialisierungsversuchen gemacht hatte, nicht die allerbesten, dennoch aber will der Staat, nachdem er einmal vom Geschäfte gekostet hatte, nicht mehr seine Hand davon lassen. Der heilige Bürokratius, den man mit dem alten Staate zur ewigen Ruhe gebettet zu haben glaubte, ist lebendiger als je und, da er ohne Revisionen, Kommissionen und Exekutionen nicht leben kann, werden Akten geschrieben, Protokolle verfaßt, Mandate erteilt, bis der ehrlich schaffende Geschäftsmann unter der Last zusammenbricht, die ihm die Ansprüche seines unersättlichen Geschäftsteilhabers, des Staates, verursacht. Konkurse und Ausgleiche sind daher an der Tagesordnung, ein Heer von Arbeitslosen füllt die Straßen, Industrie und Handel durchleben eine furchtbare Krise und — im Parlament verhandelt man, wofern man überhaupt verhandelt und nicht lieber „Opposition betreibt", über die Frage, wem das Recht zustehe, das Geld des anderen auszugeben. In dem Maße, als man von dem Grundsatze der Nichteinmischung des Staates in die private Geschäftstätigkeit abwich, verwischte sich auch immer mehr die scharfe Trennungslinie, die der Liberalismus zwischen Politik und Geschäft gezogen hatte. Wenn er seinerzeit den Grundsatz geprägt hatte, daß Politik und Geschäft nichts miteinander zu tun haben, daß die Betätigung der Bürger im Dienste des Staates strenge von ihrer Erwerbstätigkeit zu trennen sei, dann weiß man heute wirklich nicht mehr, wo die Politik aufhört und das Geschäft anfängt und umgekehrt. Welch aussichtsreiche Möglichkeit für Oppositionen aller Art, die jeweils, an der Macht befindliche Partei mit. dem Vorwurfe der Korruption zu überschütten! Politik, und Geschäft. Welch reizendes Zweigespann! Bleibt das eine der beiden Pferde im! Sumpfe stecken, dann muß das andere um so kräftiger antauchen, um den Parteikarren vorwärtszuschieben. Mit „Hepp-Hepp"-Geschrei geht es dann weiter. „Auf in den Kampf gegen das jüdische Großkapital!" lautet der Schlachtruf. „Wir müssen die Juden mit ihren eigenen Waffen bekämpfen!" riefen die" vom Gründungsrausch ergriffenen Parteigewaltigen. Der Kampf gegen das jüdische Großkapital gestaltete sich anfangs dank der von den Juden erbettelten und leider auch erhaltenen Kapitalien recht günstig, eine arische Bank nach der anderen wurde gegründet und der „praktische Antisemitismus" wurde zu einer ungemein günstigen Einnahmsquelie für die Parteikasse, die sich ihrerseits wieder durch Beschaffung von Abgeordneten- und sonstigen Sitzen revanchierte. Da kamen auch die kleinen Sparer in Massen, Bauern und Gewerbetreibende, legten ihre wenigen ersparten Groschen und .Schilling in die christliche Bank, mit einem Worte, die Ehe zwischen Feuilleton Beispiele. - . . Gerüstet ziehet hinüber euren Brüdern, den Israeliten voran, alle kriegstüchtig." V, 3, 16 Aus einer Zeit, da das jüdische Volk von den Syrern schwer bedrückt und verfolgt wurde, wird eine Tat des Greises Eleasar erzählt. Eleasar, den der Syrerkönig zur ■öffentlichen üebertretung der göttlichen Gebote zwingen wollte, sollte vor den Augen des ganzen Volkes verbotenes Fleisch essen. Der fromme Greis weigerte sich beharrlich solches zu tun und so sollte ihm über Befehl des grausamen Königs das verbotene Fleisch mit Gewalt in den Schlund gesteckt werden. Mitleidige Scheu befiel die rauhen, des Erbarmens ungewohnten Krieger, an einem alten, ehrwürdigen Manne so zu handeln, und selber wollten sie Eleasar dazu be- -wegen, ein ihm gereichtes, in Wahrheit erlaubtes Fleisch zu essen, dem Befehle scheinbar zu gehorchen und sein Leben zu retten, damit sie ihn nicht in der Ausführung des grausamen Befehles töten müßten. Eleasar aber wies solches Ansinnen zurück und sagte, daß es seinem Alter nicht zieme zu heucheln, damit nicht viele Jüngere durch sein Beispiel zur Abtrünnigkeit verleitet würden. Er erlitt den Tod, aber er gab durch seinen Tod den Jünglingen seines Volkes ein Beispiel edler, heldenhafter Gesinnung. Denn die Kraft und Macht, die dem Beispiele innewohnt, und mit der es auf das Denken und Handeln der Menschen zurückwirkt, darf nicht unterschätzt werden. Es ist eine alte Wahrheit, daß man sich, nach anderen richtet, daß Gehörtes und Gesehenes ein Teil unseres Wesens wird, und die Menschen meist nicht wie sie selbst, sondern wie andere handeln. Sie sind bewußt oder unbewußt von Adams Zeiten an von der Wiege bis zum Grabe Nachahmer anderer. Ein scheinbar unbedeutendes Vorkommnis beschäftigt Moses. Rüben, Gad und der halbe Stamm Manasse kommen mit der Bitte, ihnen die im Osten des Jordan gelegenen, bereits eroberten Gebiete als Wohnsitze zu geben. Das Gewünschte wird ihnen unter der Bedingung zugesprochen, daß sie an der Spitze ihrer Brüder erst das ganze übrige Land miterobern müßten. „Gerüstet sollt ihr an der Spitze eurer Brüder hinüberziehen..In diesen Worten Moses kommt nicht nur der schlichte Rechtsstandpunkt zur Geltung, sondern noch mehr die nicht genug hoch zu bewertende Macht des Beispiels, das Mut geben odeT nehmen, Kraft und Begeisterung entfachen oder lähmen kann. Ob es sich um die Familie, Schule, Gemeinde oder die Gesellschaft überhaupt handelt, überall wird die Tatsache bestätigt, daß der überwiegende Teil der Menschen in seiner Handlungsweise von der Umgebung bestimmt wird. Die ganze Weltgeschichte ist im Grunde nur ein Anschauungsunterricht durch Beispiele aus dem Leben und dem tatsächlichen Geschehen, und daß man sie als beste Lehr-