Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 30 (16.7.1926)
- Date
- 1926-07-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Oesferreicuistiie Wodiensami mr tüdlsffle Interessen Pill dem Beiblatt: Veröüenüidranßen der „Cnion üciüsdiOsterreKSiisdier Joden" Redaktion und Administration: WteB OL. 04Bin«stfs*«sA« 13. - Femruf 42-2-16 XLII. Jahrgang Wien, 16. Juli 1926 Nummer 30 Tischo b'Aw. „Von Geschlecht zu Geschlecht" sagt die Hagg a d a für das Osterfest, „stehen sie wider uns auf, um uns zu vernichten." Und so bildet die Lebensgeschichte des jüdischen Volkes gleichzeitig auch seine Leidensgeschichte, die Geschichte eines Leides, das in seiner Furchtbarkeit einzig dasteht in der Geschichte der Menschheit. Wenn schon nichts anderes, so sollte wenigstens diese Tatsache den Judenfeinden darüber die Augen öffnen, daß die Auserwähltheit Israels nicht etwa den Sinn habe, daß es von Gott zur Erreichung einer materiellen oder politischen Machtstellung auserkoren sei. Denn wozu das Meer von Tränen, das Israel im Laufe seiner vieltausendjährigen Geschichte vergossen hat, wozu die schweren Bedrückungen und grausamen Verfolgungen, die es erdulden mußte und immer wieder zu erdulden hat? Welches wäre der Sinn einer Geschichte, in deren Verlauf ein zur Erreichung einer positiven Machtposition bestimmtes Volk nicht etwa vorübergehend sondern vielmehr dauernd die entsetzlichsten Leiden zu ertragen hatte? Wenn wir immer wieder aufs neue geplündert und vertrieben, gemartert und zum Scheiterhaufen geführt wurden, dann sollten sich doch auch die verbohrtesten Judenhasser, die im Judentum angeblich eine Gefahr erblicken, einmal die Frage vorlegen: Ist das der Weg zur Macht? „Das Gesetz der Macht" — um den Ausdruck zu gebrauchen, den der große Nationalökonom Friedrich Wies er seinem jüngst erschienenen Werke zumi Titel gegeben hat — es objektivierte sich vielmehr in den grausamen Sklavenhaltern Pharaos, in der rohen Soldateska Vespasians, in den Inquisitoren Spaniens und jüngst erst wieder in den entmenschten Horden Petljuras, denen so viele Glaubensbrüder zum Opfer gefallen sind. Wenn wir uns daher am neunten Tage des vierten Monates, der den Gipfelpunkt der jüdischen Leidensgeschichte darstellt, am Tage der Zerstörung des ersten und zweiten Tempels in Jerusalem, nach dem Sinn all des Leides fragen, das Israel erdulden mußte, dann können wir ihn nur in der Läuterung und innerlichen Reinigung des von Gott mit so hohen Aiuflgabe betrauten Volkes erblicken. Und darum haben wir auch am neunten Ab, mit wie tiefer Trauer uns der Tag der Vernichtung unserer staatlichen Selbständigkeit auch erfüllen mag, keinen Grund zur Verzweiflung. Sehen wir doch in ihm nur das Walten einer höheren Macht, die Israel auf dem dornigen Wege der Schmerzen und Entbehrungen seiner göttlichen Bestimmung entgegenführt. Sehen wir doch, daß die Vernichtung der übrigens niemals besonders machtvollen staatlichen Existenz keine Auflösung, sondern ganz im Gegenteil eine Intensivierung der geistigen und moralischen Kräfte des jüdischen Volkes mit sich brachte, während bloß die Schlacken der politischen und kriegerischen Tätigkeit von ihm genommen wurden. Je stärker sich nämlich die nationalen Bande, die Israel zur Zeit seiner politischen Selbständigkeit verbunden hatten, lockerten, desto fester wurde das Band, das die Religion um Israel schlang, so daß dieses eigentlich erst von jenem Zeitpunkte an den Namen eines Gottesvolkes zu tragen berechtigt erscheint, als seine Existenz einzig und allein auf Gott, d. h. in dem unerschütterlichen Glauben an den einig-einzigen Gott wurzelte. Mit vollem Rechte sagt daher C. P. T i e 1 e, ein nichtjüdischer, aber vollkommen unbefangener Gelehrter von ungeheurem Wissen, in seiner „Einleitung in die Religionswissenschaft" folgendes über das Judentum: „Israel ist zwar über die ganze Welt zersprengt. Seine Einheit und Selbständigkeit als V o 1 k ist vernichtet. Es wohnt mitten unter den Gojim, redet ihre Sprache, befolgt ihre Gesetze, gehorcht ihren Fürsten. Aber es hat sein Gesetz und seine Propheten überallhin mitgenommen und bleibt seinen alten Traditionen treu. Zwei kräftige Sprößlinge sind aus dem alten Stamm hervorgesprossen, Christentum und Islam, aber der alte Stamm steht noch immer tief gewurzelt und in voller Blüte." Wenn daher am neunten Ab die Klagelieder ertönen und die Sehnsucht nach Z i o n besonders deutlich zum Ausdrucke kommt, dann ist es nicht der Gedanke an Macht und Herrschaft, der Israel im In-» nersten bewegt, sondern etwas viel Höheres, Edleres und darum auch Dauerhafteres, als es positiv-rechtliche Institutionen und materielle Einrichtungen sind, es ist die Sehnsucht nach jenem Erhabenen und Idealem, das David, der größte Sänger in Israel, im fünfzehnten seiner Gesänge in so unvergleichlicher Weise zum Ausdrucke gebracht hat: „Wer wird weilen in Deinem Zelte, o Herr, wer wohnen auf Deinem heiligen Berge? Wer ohne Wandel einhergehet, recht tut und redet die Wahrheit von Herzen. Wer mit seiner Zunge nicht verleumdet und seinem Nächsten kein Aergernis zufügt und seinen Nächsten nicht schmähet. Wer die Gottlosen für nichts achtet und die Gottesfürchtigen ehrt; wer seinem Nächsten schwöret und den Schwur hält." Dr. F. J. Weiß.