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Die Wahrheit · 1926-07-09 · Heft 29 (9.7.1926) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 29 (9.7.1926)
Date
1926-07-09
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 29 auf jeden echten Hakenkreuzler wahrhaft erschütternd wirken muß. Es ergeht der Hakenkreuzlerei scheinbar so wie manchen anderen Schwindelunternehmungen der Nachkriegszeit. Solange Konjunktur da war, das Geschäft gut ging und die Kassen sich füllten, vertrugen sich die Kompagnons glänzend. Sobald sich aber das Glück wendete, herrschte Zwietracht und offene Feindschaft unter den Geschäftsgenossen, die sich gegenseitig die Schuld an dem Niedergange zuzuschieben trachten. Aus den Mitteilungen Hellerings ist nun zu entnehmen, daß sich die österreichische Niederlassung der Hakenkreuz & Co. G. m. b. H. in drei Teile geteilt hat, indem sich die Geschäftsleiter für Oesterreich. Rieh!, Schulz und Suchanek selbständig gemacht haben. Jedes von diesen Unternehmungen war nun bestrebt, die Gunst der Münchner Hakenkreuzzentrale und insbesondere die des allgewaltigen Herrn Hitler dadurch zu gewinnen, daß es die Konkurrenzunternehmungen herabsetzte und in möglichst schlechtem Lichte erscheinen ließ. -Herr Hellering schreibt wörtlich: „In den letzten Monaten war es ja ein geradezu widerliches (!) Wettrennen mit „Heil Hitl er!"-Geschrei. In den Versammlungen den Namen Hitlers nicht zu nennen, galt als ein todeswürdiges Verbrechen. Wer einmal mehr „Heil Hitler!" brüllte, war der bessere Nationalsozialist. Ein so auf die Spitze getriebener Personenkultus, der schon vor einer befreienden großen Tat zur Apotheose führt, muß einen Führer eitel (!) machen und zur Selbstüberschätzung (!) und zur Unduldsamkeit gegen gerade Männer mit eigener Meinung treiben. Byzantiner haben zu allen Zeiten den Charakter ihrer „Herrscher" verdorben. Wie unverantwortlich und gefährlich ein solches Treiben ist, möge durch folgende Tatsachen ins Licht gerückt werden." Und jetzt folgt jene Tatsache,, jene furchtbare, unfaßbare und wahrhaft empörende Tatsache, die da zeigt, daß es einer der Fraktionen, die sich als „offizielle österreichischeÄ^artei" bezeichnet — nicht gelungen ist, Gunst und Gnade vor dem Selbstherrscher aller Hakenkreuzler zu finden. Hellering berichtet nämlich über den Empfang, der den- Vertretern derselben zuteil wurde, folgendes: „Hitler ließ sich der Abordnung der österreichischen Parteileitung, zwei ehrenwerten, arbeitsfreudigen und opferwilligen Männern, Dr. B1 ü m e I und Leo H a u b e n b e r g e r, die Aufklärung geben und verlangen wollten, verleugnen — lehnte also im vorhinein" jede Aufklärung ab. Sein Privatsekretär, Herr Heß, log: Hitler sei verreist! Erst Esser, der meinte, „man dürfe Hitler nicht reizen", verwies die beiden Herren auf ein kleines Gasthaus, wo Hitler speiste. Hien überrumpelt, wollte Hitler die beiden Parteibeauftragten erst stehend kurz abfertigen. Wie mußte die Parteileitung von der Opposition bei Hitler angeschwärzt worden sein! Die Herren ließen sich aber nicht abspeisen, sondern setzten sich zu Hitler. Es entspann sieb, hauptsächlich wegen der Südtiroler Frage, eine erregte Debatte, in deren Verlauf Hitler folgende Worte fallen * ließ: „Die Anschlußfrage ist eine Frage dritter Ordnung — die meisten Deutschen wissen ja garnicht, woSüdtirol liegt — die Mitglieder des Andreas Hofer-Bundes sind S c h . . . k e r 1 e und L . . . h . . . — Ihr seid ja nur 6 Millionen Menschen. — Wenn euer Laden auch in Trümmer geht, so ist mir das ganz Wurst..:" - Ist bereits geschehen. Die Prophezeiung Hitlers ist früher in Erfüllung gegangen, als er sich wohl selbst gedacht hat. Der Laden scheint tatsächlich in Trümmer gegangen zu sein. Denn die Finanzlage der nationalsozialistischen Partei gestaltete sich so ungünstig, daß sich diese gezwungen sah, um ein Ausgleichsverfahren für die von ihr betriebene Völkische Buchhandlung, die das größte Parteiunternehmen ist, anzusuchen. Am 6. Juli findet daher beim Landesgericht für Zivilsachen die Ausgleichstagsatzung über dieses Unternehmen statt, bei welchen die geschädigten Gläubiger die Führer der- Partei haftpflichtig machen wollen. Wenn man sich der unzähligen Hetzschriften erinnert, mit welchen diese Buchhandlung Wien überschwemmte, wenn man an die Zeit ihrer Hochkonjunktur anläßlich des Zionistenkongresses denkt, dann wird man in ihrem Schicksal das Walten einer ausgleichenden Gerechtigkeit erkennen, deren Mühlen zwar langsam, aber um so sicherer mahlen. Ob dem finanziellen Ausgleich auch ein Ausgleich der politischen Gegensätze folgen wird? Wer wollte sich da in Voraussetzungen ergehen? Das eine scheint jedoch nicht ungewiß zw sein: Antisemitismus ist heute bei weitem kein so gutes Geschäft wie ehemals. Die Hakenkreuzler für die Läuse. In der letzten Vollversammlung des Nürnberger Stadtrates stellte die nationalsozialistische Fraktion eine Dringlichkeitsanfrage, dahingehend, was der Stadtrat dagegen zu tun gedenke, daß die jüdische Schulärztin Fräulein Dr. Maas in einem Vortrage Schulmädchen empfohlen habe, ihre Haare aus Reinlichkeitsgründen kurz scheren zu lassen. Stadtrat Holz begründete die famose Anfrage, wobei er gegen den undeutschen Bubikopf wetterte. Nachdem der Gesundheitsreferent Dr. Plank die Frage dahin beantwortet hatte, daß die Verlausung der Schuljugend schon seit langen Jahren durch Kürzung der Kopfhaare bekämpft werde, wobei es zu lebhaften Zwischenrufen der Linken und der Rechten des Hauses kam, protestierte der Landtagsabgeordnete und Stadtrat Julius Streicher dagegen, daß eine jüdische Aerztin dafür eintrete, daß deutsche Mädchen sich die Haare schneiden lassen. In einer Polemik gegen Dr. Plank prägte Streicher folgenden monumentalen Satz: „Früher waren die Läuse dazu da, und sie sind auch dazu da, daß die Kinder zur Reinlichkeit erzogen werde n." Unbändiges Gelächter erfüllte Haus und Tribüne und wollte minutenlang nicht verstummen. Die Logik dieses Satzes ist geradezu entwaffnend. Die Verjudung des Antisemitismus. Im Heft 6 (1926) der Monatsschrift „Natur und Gesellschaft", Berlin-Steglitz, lieferte Dr. Gerd Ellenbrok einen Beitrag über die sogenannte Judenfrage. Ueber Henry Ford und sein Buch „Der Internationale Jude" wird dort nachgewiesen: „Man kann schon, bei aller Achtung vor der Tatkraft dieses amerikanischen Großindustriellen vorwegnehmen, daß er selbst in hohem Maße die Eigenschaften besitzt, die er am internationalen Juden in so schwungvoller Form tadelt." Die eigentliche Erklärung über die Merkwürdigkeit des Charakters von Henry Ford wird dahin zu sehen sein, daß, wie es an dieser Stelle heißt, die Feder (zum „Internationalen Juden") hier, ähnlich wie beim deutschen Kronprinzen, ein Jude geführt hat! „Ernste Bibelforscher" sind offenbar Menschen, die sich ernsthaft dem Bibelstudium hingeben und ihr Leben gemäß den Satzungen der Heiligen Schrift einzurichten bestrebt sind. So sollte man wenigstens meinen. Daß dem aber nicht immer so ist, ja sogar, daß sich der in alle Welt hinausposaunte „Ernst" zuweilen in sein direktes Gegenteil umwandeln kann, zeigt ein ebenso belangloser wie bezeichnender Vorfall, der sich jüngst im Anschluß an eine Versammlung der „Ernsten Bibelforscher" zugetragen hat. Wenn wir von ihm Notiz nehmen, so tun wir das nicht etwa deshalb, weil wir ihn so ernst nehmen, wie die „Ernsten Bibelforscher" alles von ihnen Unternommene ernst genommen wissen wollen, sondern nur deshalb, weil er uns ein ernstes Symptom einer ernsthaften geistigen Verschiebung zu sein scheint, die in den Gehirnen mancher Mitglieder dieser Vereinigung vor sich gegangen zu sein scheint. Die „Ernsten Bibelforscher" hatten die Freidenker zum Zweikampf herausgefordert. Der Kampf, der allerdings nur ein Kampf der „Geister" bzw. „Freigeister" war, wurde vor der Volkshalle des Rathauses, woselbst das Turni'sr hätte stattfinden sollen, weiter fortgesetzt. Im Verlaufe einer erregten Diskussion schleuderte nun ein ernster Bibelforscher seinem Gegner folgendes ernste Argument an den Kopf: „Saujud', ich reiß' dir die Haxen aus!" Doch wie gesagt, wir wollen diesen von wahrhafter Bibelfestigkeit zeugenden Ausruf ebensowenig ernst nehmen, als die „Ernsten Bibelforscher" von ernst denkenden Menschen ernst genommen weiden. Ein unerwarteter Erfolg. Das Berliner republikanische Witzblatt „Lachen links" erzählt folgende lustige Geschichte: Vortragsabend im bayrischen Wald. Ein völkischer Redner spricht über das Thema: „Die Juden und die Wirtschaftskrise.^ Der einzige eingesessene Israelit Bachmeyer, dessen kleines, ehrliches Bankgeschäft mangels Einlagen festsitzt, geht tapfer in die Versammlung. Und macht fidele Zwischen--, rufe. Der Redner verbittet sich das. Die Bauern schnappen* darüber ein, weil ihnen eine Gaudi entgehen soll. „Rühr' dei' Mäu, Bachmeyer!" — Das tat der. Da wurde der Referent grob. Hierin waren ihm die Bauern über. Die warfen den Redner mit Kurs auf Passau in die ostbayrische Landschaft. „Der Bachmeyer soll reden! Nauf mit'n Bachmeyer!" So kam der Bachmeyer ans Rednerpult. Hielt sich ans Thema: „Der Jude und die Wirtschaftskrise". Die Geschäfte gingen so schlecht, weil er in seiner Bank keinen Pfennig Geld mehr hätte. Er forderte die Bauern am Schluß auf, in die ausgegebenen Anwesenheitslisten die Beträge einzusetzen, die er am nächsten Tage als Depoteinlagen kassieren könne. Am nächsten Abend war das Bankhaus Bachmeyer liquid . . .

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