Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 29 (9.7.1926)
- Date
- 1926-07-09
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 29 Dffi WAHRHEIT Seite 9 Räumen der Hochschule jüdische Professoren und Studenten ungestraft und unbehindert mit Kot beworfen werde dürfen. Es ist begreiflich, daß die Mitteilung von diesem Vorkommnis in den weitesten Kreisen der österreichischen Judenschaft Empörung und Erbitterung hervorgerufen hat und auch die „U n i o n deutschösterreichischer Juden" hatte in Wahrung der Interessen der österreichischen Judenschaft bereits die Absicht, dagegen energisch einzuschreiten, daß an einer österreichischen Hochschule ein offen zu Gewalttätigkeiten gegen Juden aufreizendes Qedicht angebracht ist. Inzwischen ist aber der Schandfleck ausgetilgt worden; das antisemitische Gedicht wurde aus dem Anschlagkasten des „Kulturamtes der Deutschen Studentenschaft" entfernt. Wir wissen nicht, ob dies auf die allgemeine Erregung zurückzuführen ist, welche die an dieser Stelle erfolgte Veröffentlichung in jüdischen Kreisen hervorgerufen hat und die auch den Hochschulbehörden nicht verborgen geblieben sein dürfte. Es ist auch möglich, daß die Hochschulbehörden von selbst zu der Erkenntnis gekommen sind, daß derartige skandalöse Ausschreitungen die Würde der Hochschule ebenso schwer verletzen wie die Ehre und das Recht einer bestimmten Gruppe von Staatsbürgern. Wie dem auch immer sein mag, wir sind ebensoweit davon entfernt, hierüber Genugtuung zu empfinden wie jemand, der eine Ohrfeige oder eine andere schwere Beleidigung empfangen hat, darüber Genugtuung empfindet, daß ihn der Beleidiger künftige Invektion zu unterlassen verspricht. Wir werfen die Frage der Verantwortlichkeit auf und fragen, wer ist schuld daran, daß es überhaupt zu einem solchen Anschlag kommen konnte. Briefkasten. Nach Charlottenburg. Die Kur- und Brunnendirektion Bad Einöd in Steiermark teilte der „U n i o n" auf eine Anfrage folgendes mit: „Wir haben bisher als aufstrebender Kurort uns nie von politischen oder konfessionellen Momenten bei der Unterbringung unserer Gäste leiten lassen und sind unsere Gäste jüdischer Konfession bisher noch nie mit Zustimmung der Kurdircktion irgendwelchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt gewesen." Milium riiiitillllilliii immun iwy Restaurant Buth! II., Hollandstraße Nr. 14 : Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Menü zu S 1.80 und 2.20 : Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Haus : Jeden Samstag unb Sonntag Souper bansant Jeden Sonntag 7ünf-H§r-Zee mit Zam \ Zum Besuch ladet höfl. ein I. GUTH, Besitzer. : iimiiiiiiiiiiiiiiniinniiiiiimiiiiiiiiiitiiiii iiniiiiiiiniit 1 Wahrheiten vom Tage Seipel und der Antisemitismus. Der ehemalige österreichische Bundeskanzler Prälat Dr. Seipel, der bekanntlich derzeit anläßlich des Eucharistischen Kongresses in Amerika weilt, wurde von dem Vertreter der Jüdischen Telegraphen-Agentur über seine Stellung zum Antisemitismus und die jüdische Frage interviewt. Man wird ohne weiteres zugeben, daß dies für den Führer einer großen antisemitischen Partei ein sehr heikles Thema ist, zumal das amerikanische Volk mit wenigen unrühmlichen Ausnahmen nur sehr wenig Verständnis für antisemitische Gedankengänge aufzuweisen vermag. Aber niemand wird behaupten können, daß es Prälaten Seipel, der sicherlich ein ebenso gewiegter Diplomat wie Moraltheologe ist, gelungen wäre, sich ruhmvoll aus der Affäre zu ziehen, wie denn überhaupt seine Aeußerungen bei Freund und Feind nicht den allerbesten Eindruck machen dürften. Wenn das Evangelium, das doch Herr Seipel sicherlich recht gut bekannt ist, vorschreibt: „Deine Rede sei ,ja' und ,nein'!", dann muß man sich schon darüber wundern, daß der gelehrte Herr sein Interview nicht etwa mit den Worten des Evangeliums, sondern mit „zwar" und „aber" beginnt: „Die Christlichsoziale Partei und die Großdeutsche Partei sind zwar antisemitische Parteien, aber ihr Antisemitismus gilt mehr jenen Juden, die nicht als solche erkannt sein wollen als denjenigen Juden, die offen für ihr Judentum einstehen." Derr einen gilt also der Antisemitismus m e h r, den anderen zwar auch, aber immerhin weniger. Welch ein Trost für diejenigen, die sich ehrlich und offen zu ihrem Judentum bekennen! „Wir waren zufrieden", äußerte sich Prälat Seipel weiter, „als die Juden ihren eigenen Vertreter, Baurat Stricker, in das Parlamftit entsandten. Bei den letzten Wahlen aber gaben viele Juden ihre Stimme denjenigen jüdischen Kandidaten, die auf der sozialdemokratischen Liste figurierten." Sie standen eben vor dem Dilemma, ihre Stimme einer mehr oder weniger antisemitisch orientierten Partei zu geben. Man kann es auch vom jüdischen Standpunkte aus bedauern, daß infolge der trostlosen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse in unserer Republik die für Freiheit und Fortschritt kämpfenden bürgerlichen Parteien so wenig Anziehungskraft auf die Wähler, auch auf die jüdischen, ausgeübt haben, wird aber anderseits die Abkehr vom nationalen Separatismus, mit dem Seipel so „zufrieden" war, als einen Beweis des "gesunden und durch keinerlei Schlagworte verwirrbaren Geiste der österreichischen Judenschaft ansehen müssen. Durch das Verhalten einiger Juden bei den letzten Wahlen ist offenbar innerhalb der Christlichsozialen eine Verschiebung der feindlichen Anschauungen gegenüber den Juden vom „weniger" zum „mehr" eingetreten. Denn Herr Seipel behauptete selbst/„daß durch den Uebergang jüdischer Stimmen zu den Sozialisten die Stimmung gegenüber den Juden nicht gerade gebessert worden sei". Er fügt, um diesen seinen Worten mehr Nachdruck zu geben, gleich hinzu, „daß die Nähe Ungarns, wo der Numerus clausus und starke antisemitische Tendenzen existieren, naturgemäß auf Oesterreich einwirkt". Mehr oder weniger, aber doch immerhin etwas mehr als weniger. Siehe die Zustände an den österreichischen Hochschulen, die für einen Kulturstaat eine Schande sind! „Jedoch", meint Herr Seipel, „die österreichische Bevölkerung ist von Natur friedliebend: von gelegentlichen Unstimmigkeiten (Ausschreitungen, Verfassungsverletzungen und anderen Kleinigkeiten, die Red.) abgesehen, wird es zu einer antijüdischen Bewegung nicht kommen". Danke sehr, Herr Seipel! Drunter und drüber geht5 es jetzt bei unseren Nationalsozialisten. Was oben war, liegt unten, das Unterste wird zu oberst gekehrt, ein Durcheinander und eine Verwirrung, in der sich niemand mehr auskennt. Auch der „Grobian" nicht, der in seiner letzten Nummer (vom 1. Juli) ebenso angestrengt wie vergeblich einen Ausweg aus dem Labyrinth der innerparteilichen Gegensätze zu finden sucht. In einem melancholischen Artikel über den „dreiuneinigen Nationalsozialismus" führt Herr Karl H e 11 e r i n g seinen Parteigenossen ein Bild der! derzeitigen Parteiverhältnisse vor Augen, das JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien n., Glockengasse 24 Wien II., Taboratraße 44