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Die Wahrheit · 1926-07-09 · Heft 29 (9.7.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 29 (9.7.1926)
Date
1926-07-09
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 29 Wir aber geloben euch heute, eurer stets treu zu gedenken und eure Ehre zu schützen, denn „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht alles freudig setzt an ihre Ehre." Nach einer kurzen Ansprache des Vertreters des Reichsbanners Schwarzrotgold, ergriff der Vorsteher der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig, Herr Goldschmiedt, das Schlußwort und sprach den Wunsch aus, daß das deutsche Vaterland nunmehr einer gesegneten und glücklichen Zukunft entgegengehen möge. „Dann sei auch das Blut der unvergeßlichen Toten nicht umsonst geflossen und das Ehrenmal ein Zeichen dankbarer Erinnerung und hoffenden Ausblickes in die Zukunft." Nach der Absingung eines T^rauerpsalmes und nach einem gemeinsamen Kaddischgebet wurde ein Kranz am Ehrenmale niedergelegt, womit die ebenso würdig wie erhebend verlaufene Gedächtnisfeier ihr Ende fand. — Das Ehrenmal ist schlicht aus Natur-Sandsteinen zusammengefügt und, in der Mitte oben in einen Giebel auslaufend, etwa 6 Meter breit und 5 Meter hoch. Die vordere Seite zählt zwei Namen aus dem Kriege 1870/71 und 119 Namen aus dem letzten Kriege. Die Rückseite schmückt ein Menoh (Leuchter). Der Zugang zum Ehrenmal ist von Kriegergräbern umsäumt. Die deutsche Dichterakademie und die Juden. In die Sektion für Dichtkunst, die der Berliner Akademie für Kunst und Wissenschaften soeben angegliedert worden ist, ist bekanntlich auch Ludwig Fulda berufen worden, der uns hier darum besonders interessiert, weil er der erste jüdische Schriftsteller ist, der zum Dichtkunstakademiker ernannt wurde. Seine dichterischen Fähigkeiten sind vielleicht weniger der Anlaß zu seiner Ernennung gewesen, als vielmehr die Tatsache, daß er in der deutschen Schriftstellerwelt eine repräsentative Rolle spielt. Viel bezeichnender und wertvoller aber ist eine Umfrage, die von der Berliner Zeitschrift „Literarische Welt" bei deren Lesern veranstaltet worden ist, welche deutschen Dichter in "die Sektion für Dichtkunst der Akademie gehören. Bei dieser Umfrage ist die Anschauung literarisch eingestellter Kreise über den Wert der einzelnen Dichter viel klarer zum Ausdruck gekommen, als in der behördlichen Entscheidung. Die meisten Stimmen — nämlich 1421 — bekam Thomas Mann, an zweiter Stelle aber steht bereits der jüdische Dichter Franz Werfe 1, der 682 Stimmen erhielt, während Gerhart Hauptmann, der bekanntlich seine Berufung an die Akademie ablehnte, nur 594 Stimmen auf sich vereinte. Franz Werfel erhielt also fast 100 Stimmen mehr als Hauptmann, sicherlich nicht darum, weil er ein bedeutenderer Dichter ist, sondern weil er dem Geist der Neuzeit mehr Ausdruck verleiht. Er steht der jungen Generation, die sich mit größtem Interesse allen Fragen der Dichtung widmet, in seinem Schaffen näher als Gerhart Hauptmann. An vierter Stelle steht bereits der jüdische DichterRudolfBoj-chard mit 461 Stimmen. Er erhielt sogar noch 11 Stimmen mehr als der große nichtjüdische Lyriker Stefan George, obwohl er aus dem Georgekreis stammt und in seinen Bestrebungen denen Georges ziemlich nahe steht. Rudolf Borchard gilt allgemein als einer der bedeutendsten deutschen Dichter, wenn er auch durch seine Zurückgezogenheit vom öffentlichen Leben und von allem, was Reklame heißt, der großen Oeffentlichkeit wenig bekannt ist. Alfred D ö b 1 i n, der bekannte jüdische Nervenarzt und Romandichter, der Verfasser von „Berge, Meere und Giganten*', erhielt 402 Stimmen, so daß die bemerkenswerte Tatsache festzustellen ist, daß unter den 6 Dichtern, die mehr als 400 Stimmen enthielten, sich dreiJuden befanden. Die Zeitschrift veröffentlichte sämtliche Namen der Dichter, die mehr als 100 Stimmen bekamen. Unter diesen befanden sich recht viele Namen, die weniger, interessieren; aber erstaunlich ist es immerhin, daß Jacob Wassermann nur 304 Stimmen erhielt. Er steht damit* an 15. Stelle, .weit hinter Alfred Scheffer und Fritz v. Unruh. Er hatte allerdings den einen Trost, daß er nur wenig hinter Ricarda Huch rangiert, die nämlich auch nur 309 Stimmen erhielt. Schon aus dieser Bewertung der einzelnen Dichter — Ricarda Huch rechnet unstreitig zu den hervorragendsten Dichtererscheinungen der Jetztzeit — ergibt sich, daß die Abstimmung nicht ganz den Werten entspricht, die man den einzelnen Dichtern zuerkennen muß. Auch andere Zahlen sprechen dafür. So hat z. B. Ernst Toller 247 Stimmen erhalten, während Hugo v. Hoffmann s t h a 1 nur 169 Stimmen auf sich vereinigte. Niemand wird der Anschauung sein, daß unter diesen beiden letztgenannten jüdischen Dichtern Hugo v. Hoffmannsthal der geringere ist. Im Gegenteil, wenn er auch in der letzten Zeit keine erheblichen Fortschritte gegen früher aufweist, so ist er doch, was dichterische Form und Inhalt anbelangt, :ieben Thomas Mann, Gerhart Hauptmann, Stefan George und Rudolf Borchard an der Spitze der deutschen Literatur zu nennen. Zum Schluß sei noch erwähnt, daß Alfred Kerr 132 Stimmen erhielt und offenbar von einem Teil der abstimmenden Literaten für würdig erachtet wurde, als Vertreter der literarischen Kritik in die Akademie der Dichtkunst zu gelangen. Diese Abstimmung zeigt also, daß unter den 27 Genannten mehr als 30 Prozent jüdische Dichter sind; aber erstaunlich ist die Feststellung, daß unter all diesen vielen Namen jüdischer Dichter, die von den Abstimmenden als würdig der Akademie bezeichnet wurden, der Name Ludwig Fulda völlig fehlt. Fulda soll nicht eine einzige Stimme erhalten haben. Ein Beweis dafür, daß die Abstimmung sich nur nach dem Wert der Dichter für unsere Zeit richtete. Gesellschaftliche oder andere Fragen, die für das deutsche Kultusministerium maßgebend gewesen sind, sind für die kunstbegeisterten Kreise ohne jeden Einfluß. Die Nennung der wenigen Namen, die tatsächlich mehr als 100 Stimmen auf sich vereinigten, beweist aber, daß auch aus der Zahl der jüdischen Dichter Männer hätten gewählt werden können, die in der deutschen Literatur den reinsten und edelsten Klang haben und auch vor der schärfsten Kritik zu den besten Vertretern der heutigen deutschen Dichtkunst gehören. »TAAfAAteAtfeAfAAfAA7AAfcliyA^ ueMthiHiinjeUttr! ^^A^^^t^^t2?t2?t^t^t^t^^JL3?S^ltJ?t^,^iSi

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