Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 29 (9.7.1926)
- Date
- 1926-07-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 29 dib WAHtgrierr Seite 5 schaft — einer ganzen Welt die Stirn bietend — Leistungen vollbracht, die in der Geschichte ohne Beispiel sind, und wie sich auf allen Kriegsschauplätzen Deutsche und Oesterreicher in erprobter Kameradschaft die Hand gereicht und das Leben für einander eingesetzt haben, so ruhen auch hier unsere Gefallenen neben den deutschen Kameraden, ohne Unterschied der Grenzen, innerhalb derer sie geboren wurden. Unsere Trauer gilt heute aber auch allen anderen jüdischen Gefallenen 'der alten österreichisch-ungarischen Armee und das sind annähernd 40.000, darunter über 2000 Offiziere. 40.000 Juden haben mit ihrem Leben dem Vaterlande Tribut gezollt. Eine erschütternde Zahl, wenn man auch der Hunderttausende gedenkt, die als Eltern oder Geschwister den Verlust eines teuren Gefallenen zu beklagen haben. Die Juden Oesterreich-Ungarns können stolz auf eine vielhundertjährige Tradition im alten österreichisch-ungarischen Heere zurückblicken, denn schon das Jahr 1611 findet viele Juden in den Reihen jener Soldaten, welche Prag gegen die Schweden verteidigten. 1855 weistHÜie Militärstatistik bereits 2 jüdische Majore und 168 Offiziere auf und im italienischen Feldzuge 1859 wird der jüdische Hauptmann Theodor Jerusalem erwähnt, der sich den Leopoldsorden und den Titel eines Edlen von Salmsfeld erwarb, weil er bei dem Uebergang über den Lombro die Fahne des Regimentes gerettet hatte. Oesterreich-Ungarn hatte bereits vor dem Weltkriege einen jüdischen Feldmarschall-Leutnant und weiter 3 Generaloberste, 10 Oberste, 11 Oberstleutnants und 1 Linienschiffskapitän, die Juden waren. Ein Beweis dafür, daß die Juden auch im österreichisch-ungarischen Heere ihre Pflicht voll und ganz erfüllt haben und so die höchsten Stellen bis in die Generalität erreichen konnten. Ein besonders hartes Geschick wollte es, daß Tausende und Abertausende jüdischer Soldaten der österreichisch-ungarischen Armee, die aus dem vom Feinde besetzten Gebiete stammten, den Kampf um das nackte Leben führten, ohne aus der Heimat auch nur die geringste Anteilnahme erfahren zu können. Während unsere deutschen Kameraden im Felde in ständiger Verbindung mit ihren Angehörigen in der Heimat waren und die Wünsche ihrer Lieben sie überallhin begleiteten, waren unsere Kameraden in Tausenden von Fällen jahrelang ohne Nachricht von Weib und Kind, von Eltern und Geschwistern. Später erfuhren sie dann oft, daß Haus und Hof geplündert und niedergebrannt und ihre Lieben geflohen oder niedergemetzelt worden waren. In den Orten Polens und Ungarns, die von unseren Truppen vorübergehend geräumt werden mußten, haben noch vor dem Abzüge Landsturm-Aushebungen durch fliegende Kommissionen stattgefunden, weil man die noch Waffenfähigen dem Feinde nicht in die Hände fallen lassen wollte. Und diese innerhalb weniger Stunden ausgehobenen ältesten und jüngsten Jahrgänge wurden sofort in den inneren und nicht bedrohten Teil des Landes gebracht, ohne daß sie je wieder ihre Angehörigen sehen konnten. Unter diesen Menschen fanden sich auch Juden in großer Anzahl, denn gerade die vom Feinde heimgesuchten Gebiete Oesterreich-Ungarns hatten eine zahlenmäßig starke jüdische Bevölkerung. Aber auch die Juden Oesterreich-Ungarns, denen es nicht vergönnt war, dem Vaterlande mit der Waffe in der Hand zu dienen, haben' Heroisches geleistet. Diese Pflichterfüllung bis in den Tod fand auch Anerkennung in den Worten, die der letzte Habsburger am 29. Jänner 1916 nach der Befreiung von Czernowitz von der Russenherrschaft an den dortigen Rabbiner richtete: „Ihre Glaubensgenossen haben wegen ihres patriotischen Verhaltens während der Russenherrschaft sehr gelitten. Die, jüdische Bevölkerung war zu allen Zeiten ein staatstreues Element und sehr patriotisch. Wir werden Ihnen das nie vergessen." Nach dem Einzug der Feinde und vor ihrem, Abzug wurden die Juden durch Plünderung, Schändung und Mord gepeinigt und gehetzt, während man die nichtjüdische Bevölkerung — zum Teil als deutschfeindlich bekannt — unbehelligt ließ, denn die Juden haben den deutschen Truppen alle nur erdenklichen Dienste als Dolmetscher usw. geleistet, weil ohne Juden eine Verständigung zwischen den deutschen Truppen und der übrigen Bevölkerung vielfach unmöglich ge-, wesen wäre. Jeder deutsche Kamerad, der im Osten war, weiß, daß die deutschen Truppen beim Einzug in Ortschaften mit jüdischer Bevölkerung sich mit ihren Wünschen erst an die Juden wandten. i Infolge Kenntnis dieser Dinge erließ die deutsche Oberste Heeresleitung beim Einzug der deutschen Trappen in Polen einen Aufruf, in dem es heißt: „,An die Juden in Polen! Als Freunde kommen wir zu Euch. Die barbarische Regierung ist geflohen. Die gleichen Rechte der Juden sollen auf festen Grundlagen aufgebaut werden." Es ist begreiflich, daß man diesen Aufruf im Lager des Feindes als amtliche Bestätigung der deutschfreundlichen Haltung der Juden ansah und sie als Kampfgenossen der deutschen Truppen bezeichnete. Ein Grund für weitere uncL furchtbare Mißhandlungen der Juden, wenn Orte wieder in* die Hände des Gegners fielen. Unzählige Urkunden beweisen, daß Hunderte von Juden ihre deutschfreundliche Haltung mit dem Tode durch Erhängen büßen mußten, weil sie von der polnischen Bevölkerung der Spionage zugunsten der Deutschen bezichtigt worden waren. Ein besonders schwarzer Tag in der Geschichte der Juden Oesterreich-Ungarns war der 15. Februar 1915. Vor Nadworna, im Südosten Galiziens, geschah das Furchtbare. Die Russen brachten 1500 jüdische Familien zusammen und trieben sie vor die österreichische Front, während sie selber hinterdrein vorrückten. Die menschliche Sprache hat keine Worte, um das Grausame dieser Untat auch nur annähernd zu kennzeichnen. Man male sich das Bild nur etwas deutlicher aus. 1500 Familien, also 7000 Menschen, lauter Greise, Frauen, Kranke und Kinder, denn die Waffenfähigen sind bei der Armee und erleiden alle Schrecknisse des Krieges, leiden Hunger und Kälte; die Russen haben ihre Behausungen geplündert und verbrannt, ihre Habe vernichtet, sie haben sie beraubt, geschlagen und gemartert. Und nun haben sie sie zusammengetrieben wie das Vieh, um sie zur Schlachtbank zu treiben. Vorwärts! Es knattern in ihrem Rücken die Maschinengewehre, die Knuten zischen durch die Luft, mit Lanzenstichen und Kolbenstößen werden sie in die feuerspeienden Kanonenschlagen und gemartert. Und nun haben sie sie zusammenge- Die Oesterreicher hören das Jammergeschrei und das herzzerreißende Stöhnen der Opfer, -aber sie können nicht helfen, sie müssen unaufhörlich feuern, denn hinter der Schar der Unglücklichen schleicht sich der Feind heran, Stellen sie das Feuer ein, so werden sie von den Russen überrumpelt, die Schlacht ist verloren und etwa 7000 Menschen, wehrlose unschuldige Greise, Frauen und Kinder müssen, ohne sich wehren zu können, auf dem Schlachtfelde verbluten. 7000 Menschen zu einein formlosen Brei zusammengeschossen. Das Brüllen der GesclTütze war das einzige Totengebet. Und jene vor Nadworna haben nichts verbrochen, als daß sie Juden waren. Hier setzt nun die besondere Tragik der Juden Oesterreich-Ungarns ein, denen das Letzte genommen worden war und die vielleicht nur noch die Ehre des Weibes zu retten hatten. Nach all diesen Schrecknissen flohen die Ueberlebenden vor dem abermaligen Besuch der Feinde und leben nun in allen Ländern der Welt verstreut, von einer schlechtgssinnten Gegnerschaft befehdet und als Parias betrachtet und behandelt. Die deutschen Heere kehrte« in die Heimat zurück und unsere deutschen Kameraden fanden, mit wenigen Ausnahmen, alles unversehrt. Anders unsere Kameraden der österreichischungarischen Armee. Das Vaterland, dem sie Gut und Blut in des Wortes tiefster Bedeutung gegeben hatten, war in viele Teile zerfallen; tausende hatten über Nacht ihre Staatsbürgerrechte verloren. Die zu Krüppeln Geschossenen waren zu Bettlern geworden, weil die Nachfolgestaaten ein Recht auf Renten und Pensionen nicht anerkennen wollten. Es ist eine traurige Wahrheit und darf nicht wundernehmen, daß viele dieser Unglücklichen ohne Heimat und Vaterland ihrem Leben selbst ein Ende gemacht haben. Wir jüdischen Frontsoldaten der ehemaligen österreichisth-ungarischen Armee haben trotz aller Verunglimpfungen das starke Gefühl, unsere Pflicht gegen Volk und Vaterland, und nicht zuletzt gegen den deutschen Staat und unsere deutschen Kameraden nach besten Kräften erfüllt zu haben. In diesem Sinne bekennen wir uns heute in stolzer Trauer zu denen, derer wir heute gedenken. Ihr lieben Gefallenen! Ihr habt die Liebe und Treue zu Volk und Vaterland mit eurem Herzblut besiegelt. Möge euer Tod einen neuen Weg zur Verständigung der Menschen im kulturaufbauenden Sinne zeigen, dann seid' ihr nicht umsonst gefallen.