Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 29 (9.7.1926)
- Date
- 1926-07-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nr. 29 Werte, sind dem Verfalle preisgegeben und von den alten Friedhöfen, insbesondere von den aufgelassenen, verschwindet vielfach ein Grabstein nach dem anderen, um von üer einheimischen Bevölkerung zu Pflasterungen oder baulichen Zwecken verwendet zu werden. Dieser immer mehr um sich greifende Verfall brachte es mit sich, daß die bereits seit mehreren Jahren angeregte Frage der Sammlung und wissenschaftlichen Verarbeitung mährisch-jüdischer Archivalien sowie der möglichsten Erhaltung von Kunstwerken und Baudenkmälern in den alten Judengemeinden insoferne zur Tat umgesetzt wurde, als im Anschlüsse an den Landesverband der israelitischen Kultusgemeinden Mährens eine Sektion zur Sammlung und Erhaltung jüdischer Altertümer geschaffen und zu deren Archivar der durch seine Forschungstätigkeit auf dem Gebiete der mährisch-jüdischen Vergangenheit bestens bekannte Herr Dr. Heinrich F1 e s c h, Rabbiner in Kanitz, bestellt wurde. Es ist zu wünschen, daß sowohl die Kultusgemeinden, als auch andere Korporationen und Privatpersonen die Sektion bei ihrer vom wissenschaftlichen und jüdischen Standpunkte aus so bedeutsamen Tätigkeit unterstützen und ihr für das projektierte mährisch-jüdische Museum in Brünn Schriftstücke und andere Gegenstände zur Verfügung stellen, wobei über Wunsch nicht nur die bisherigen Eigentumsrechte gewahrt bleiben, sondern auch entsprechend ersichtlich gemacht werden sollen. Bei dieser Gelegenheit sei auch an die zahlreichen, in Wien und anderwärts wohnhaften, aus Mähren stammenden Glaubensgenossen der Appell gerichtet, sich an der vorangeführten Aktion nach Möglichkeit zu beteiligen. Es ist allgemein bekannt, daß die Beziehungen zu der alten mährischen Heimat trotz jahrzehntelangem Aufenthaltes in der Ferne noch fortbestehen und daß das Interesse für den Ort, an welchem die Vorfahren oft durch viele Generationen gelebt und gewirkt haben, keinesfalls erloschen ist. Es liegt daher nahe, daß alle diesbezüglich in Betracht kommenden Personen gerne nicht nur wissenschaftliche Daten liefern werden, um die Erinnerung an die Vergangenheit der' Vergessenheit zu entreißen, sondern daß sie auch nach Möglichkeit alte Schriften, Urkunden, Bücher und sonstige Gegenstände der genannten Sektion zur Verfügung stellen werden, zumal dieselben für den einzelnen keinen besonderen Wert besitzen, jedoch für die Allgemeinheit und die Wissenschaft von erheblicher Bedeutung sein können. > Brief ans Palästina. Tel-Awiw. Lieber Freund! Wie Dir bereits in meinem, letzten Berichte ausführlich geschildert, vergingen an Bord alle Tage im herrlichsten Nirwana. Dienstag kamen uns bereits Vögel aus Palästina entgegen. Sonst nur Möven, Delphine und einmal ein Mittelmeerwalfisch, der eine große Seltenheit ist. Als wir Mittwoch, */s5 Uhr früh, ah Bord kamen, führte bereits das Schiff neben der italienischen und Lloyd-Flagge wieder die Zionsfahne. In der Ferne ein Küstenstreifen. Um 6 Uhr waren wir in Jaffa. Fabelhaft schöner Anblick. Daneben Tel-Awiw in blendendem Weiß. Schon kamen Araber, die mit dem Verladen beginnen. Höllenlärm. Dann erschien die Paßkommission. Ein jüdischer Beamter vom Health Office in Uniform, ein Araber, ein Beamter der zionistischen,. Organisation. Wir bekamen Karten und wurden verfrachtet. Am Land zuerst Gepäcksrevision, dann kommt das Gepäck, man weiß nicht wohin, ohne Marke und die III. Klasse kommt in Quarantäne. Da wir nur wenige waren und ganz zeitig dran waren, gings in die kleine Quarantäne in der Nähe des Hafens. Dort badet man, wird mit Lysoform überschüttet, während die Kleider desinfiziert werden. Dann gehts in die Impfstation. Instrumentenkasten vom medizinischen Warenhaus Wien IX. Geimpft gegen Pocken, injiziert gegen Typhus, geht man in das Paßoffice, wo man seinen Paß erhält. Dann gegenüber zur zionistischen Organi- sation, von der die meisten Quartier erhalten. Dort findet man auch wohlbehalten sein Gepäck wieder, kann Geld ohne Verlust wechseln usw. Nun ist man frei. Der Orient wirkt auf die verschiedenen Organe verschieden. Seine Farben sind unbeschreiblich, wie eine Illustration zu 1001 Nacht, nur riecht es nicht gut und klingt wie moderne Musik. Orient ist Superlativ in allem, auch in Flüchen. Das erste, was ich noch vor der Landung hörte, war . die arabische Ausgabe von „E. Rüach in dei Tatens Taten". Außerdem war Rammadam, wo die Leute ihrer religiösen Stimmung entsprechend Ausdruck verleihen. Der Orient ist aber hier nur sehr klein, wenige Gassen, dann kommt die groteske Zone, an die sich Europa anschließt. Der Orient umfaßt den Hafen mit seinen Kaffehäusern, die Gassen, die hinauf führen in die Stadt, den Markt — und hier schließt die groteske Zone an. Vor dem Serrail, dem Gericht, auf dem die britische Flagge weht, stehen die schönsten Autos. An ihnen ziehen die Kamele vorbei, ihre durchaus/semitischen Nasen rümpfend, vorbei an dem ganze» sich auf der Straße abspielenden - Familien- und Geschäftsleben. Die Leute sind in all ihrem Tun der Teilnahme der breitesten Oeffentlichkeit sicher. Vor dem Gericht sitzen „Schreibbüros". Wie lange noch, und sie werden hier mit Schreibmaschinen hocken und auf Aufträge warten. Die Hauptgeschäftsstraße von Jaffa hat auch bereits lauter hebräische Schilder. Durch sie geht es zu einer Palmenanlage, die Kemal Pascha pflanzen ließ, zum Standplatz, wo in riesigen Reihen kleine Fordomnibusse stehen, mit denen es nach Tel-Awiw geht. Architektonisch nicht schön, doch enorm imponierend. Die Häuser sind effektiv aus dem Sand heraus gewachsen. Bauplätze sind Sandflächen, feiner Dünen- oder Muschelsand. Man geht Straßen, die etwa 3 Kilometer lang sind und plötzlich enden sie im Sand. In manchen Straßen ist von Nr. 30 bis 70 noch kein Haus, dann geht es im Anschluß an eine Querstraße paar Nummern weiter usw. Imposant ist alles, was gemacht wurde. Die Near-East-Messe mit ihren Anlagen, Theater usw., das Kaffeehaus am Dach, das Elektrizitätswerk usw. So zahlreich wie der Sand sind die, Erfrischungsbuden — an jeder Ecke eine — und die Apotheken, die hier den Wiener Kaffeehäusern an Zahl entsprechen. Proportional zu den Apotheken die Aerzte und Zahnärzte. Enorm viel Frauen darunter. Der hebräische Wahlspruch der Stadt lautet „En kessev", „Mafisch Massafi" nennt's der Araber und „stier san ma" der Wiener. Kein Geld, und doch geht alles und lebt alles und sieht vergnügt aus. Die Konzertlokale sind voll. Der amerikanische Chasen Q u a r t i n hat mit großem Erfolg hier gesungen. Jascha Chaifez hat seinen Erlös für ein Konservatorium hier gelassen. Konzerte sind hier billig, 1 bis 2 Piaster 20 bis 40 Pfennige. Saal und Beleuchtung sind billig, nämlich im Beth- Am. Ein großer umzäumter Platz mit Bühne, der 6000 bis 7000 Menschen umfaßt. Auch der Messepalast wird., für solche Dinge herangezogen: Donnerstag sprach hier Weizmann im Beth-Am. Bummvoll. Auf der Straße Riesenkolonnen zur Kassa angestellt. Ich ließ mich vom Schutzmann als „Itonai", Journalist, hineinführen, saß am Podium. So ist das Leben hier ganz schön und es gibt sogar Kultur hier. Doch ist diese mehr von Tolstoi und Dostojewski als von Kant und Goethe beeinflußt. Palästina hat jetzt interessante Besucher gehabt, General Schönaich, Prof. Oppenheimer, Minister Fechenbach, Prof. Mayer-Gräfe (Kunsthistoriker), der Syndikus des C. V. Dr. Wiener usw. g. Den jüdischen Eriegsgefallenen. Sonntag, den 6. Juni fand auf dem israelitischen Friedhof in Leipzig die Einweihung des Ehrendenkmals für die im Weltkriege gefallenen Gemeindemitglieder statt. Nach einem erhebenden Weihechoral des Synagogenchores hielt Gemeinderabbiner Dr. Goldmann eine tiefempfundene Gedenkrede, welche auf die zahlreichen Anwesenden, unter denen man Angehörige aller. Konfessionen erblickte, einen unauslöschlichen Eindruck machte. „Wie unsere auf dem Felde der Ehre gefallenen Brüder unentwegt ihre Pflicht getan", so schloß Dr. Goldmann seine Rede, „so sei es heute das Gelöbnis der ernsten Stunde, es ihnen gleichzutun, und treu ihrem Geiste zu leben, das für das Vaterland ein Einheitsgedanke der Liebe und des Friedens erblühe." Nachdem hierauf Rechtsanwalt Dr. Jacobi im Namen des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten" den gefallenen Kameraden Worte aufrichtigsten Gedenkens gewidmet hatte, ergriff Herr Willy Seemann für den „Bund jüdischer Frontsoldaten der ehemaligen östereichisch-ungarischenArmee" das Wort zu nachfolgenden Ausführungen: „Meine sehr geehrten Damen und Herren! Die Waffen ruh'n, des Krieges Sturme schweigen! Wir gedenken heute in Wehmut unserer gefallenen Kameraden und es ist mir ein Herzensbedürfnis, auszusprechen, was uns in dieser Trauerstunde bewegt. In den vier Jahren des Völkerringens haben deutsche und österreichisch-ungarische Truppen in treuer Waffenbrüder-