Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 29 (9.7.1926)
- Date
- 1926-07-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 29 Ich, der ich Laie auf diesem Gebiete bin, werde gewiß nicht der Tradition der Antisemiten folgen und M ö g 1 i c h k e i t e n, die meine politischen Anschauungen zu unterstützen geeignet sind, unmittelbar als wissenschaftliche Tatsachen ausgeben. Aber diese Möglichkeiten wenigstens, die ganz neue Wege der Erkenntnis menschlicher Zusammenhänge erleuchten, mögen hier erwähnt werden. Subtile Untersuchungen neuester Zeit über das Blut der Menschen führten zu der Erkenntnis seiner vererbbaren Verschiedenart i g k e i t .*) Man stellte vier Blutgruppen fest, und es überträgt .sich die Bluteigenschaft des Vaters und der Mutter in charakteristischer Weise auf die Nachkommenschaft, und diese Blutgruppen wiederumreißendiebisherigeEinteilung der Menschheit völlig auseinander. Daß diese wissenschaftliche Errungenschaft in Kriminalprozessen, in Alimentationsprozessen von hoher Bedeutung sein kann, ist offensichtlich und *) Vergleiche hierüber: „Die Individualität des Blutes in der Biologie, in der Klinik und in der gerichtlichen Medizin" von Professor Leone L a 11 e s, aus dem Italienischen übersetzt von Dr. Fritz Schiff, Abteilungsdirektor am Städtischen Krankenhaus im Friedrichshain zu Berlin; und ergänzt von dem Uebersetzer durch einen Anhang: „Die forensischmedizinische Verwertbarkeit der Blutgruppendiagnose nach deutschem Recht." Julius Springer, Berlin 1925. Sodann: „Blutgruppenformel in der Berliner Bevölkerung" von Schiff und Z i e g 1 e r in „Klinische Wochenschrift", 3. Jahrgang, Nr. 24; endlich: „Ueber den heutigen Stand der Blutgruppenforschung" von Dr. Werner D ö 11 e r in „Medizinische Klinik", Nr. 36, 1925, usw. bereits erprobt. Blutspuren bei einem Morde können erkennen lassen, daß das Blut nicht von dem Ermordeten herrührt; daß also auch der Mörder verletzt sein muß, und weiter, ob dieses Blut von einem bestimmten Verdächtigen herrühren kann, ob nicht. Und in bezug auf die bestrittene Vaterschaft läßt sich ermitteln, ob der Bezichtigte überhaupt der Vater sein kann, ob keinesfalls. Das sind Ergebnisse für die unmittelbare Gegenwart. Aber darüber hinaus kann hiermit ein Wegweiser in die fernste Vergangenheit gefunden sein. Wer diesen wissenschaftlichen Ermittlungen nachdenkt, kann es als eine ferne Hoffnung betrachten, daß auf Grund der verschiedenen Blutgruppen der Menschen die Wissenschaft weiter vorwärts schreiten kann zu Urquellen, aus denen sich die tiefstliegenden Verschiedenheiten des Typus Mensch entwickelt haben, weit über alle historische Erkenntnis hinaus bis in jene Regionen, für die Pfadfinder ausschließlich die Naturwissenschaften sein können. Von solchen Fernsichten, die echte Wissenschaft eröffnet, wendet man nur mit Widerwillen den Blick zurück zu der seichten Agitation moderner antisemitischer Demagogen, die nicht wissen oder nicht erkennen wollen, was vorurteilsfreie Wissenschaftlichkeit bedeutet. Vielleicht, daß, unbeschadet Jahrtausende und Jahrtausende alter Völkermischungen, die Blutgruppenuntersuchungen doch zu jenen fernsten Urgründen zurückführen, nach denen der Blick des modernen Kulturmenschen späht, um Menschengeschichte . und Menschheitsentwicklung klarer durchdringen zu können. Lebensaufgaben. Räche die Israeliten an MMjaa; hernach sollst du eingetan werden zu deinem Volke. IV, 31, 2 Menschen, die freiwillig aus dem Leben scheiden, sind meistens durch schwere Zerwürfnisse, seelische Störungen und ein einseitig getrübtes Denkvermögen zu ihrer Handlungsweise getrieben worden, so daß der Talmud mit gutem Recht den Grundsatz aufstellt: „Kein Mensch sündigt, es wäre denn, daß ihn ein irregeleiteter Geist erfaßt hat." Denn der Wunsch und Wille zu leben ist weit größer und stärker als der zu sterben. Sehr gut ist dies durch jene Fabel vom Tod und dem Wanderer beleuchtet, die einen Wanderer den Tod wiederholt fruchtlos herbeiwünschen, dann aber, als der so oft gerufene Tod wirklich erscheint, den Wanderer mit aller Kraft die Flucht ergreifen läßt. Die Menschen wollen leben und auch alle möglichst lange leben. Es gibt sogar eine eigene Wissenschaft, die Makrobiotik, die die Mittel und Wege aufspürt, welche zur Verlängerung der Lebensdauer beitragen können. Schon die Bibel hat als Belohnung für die Beobachtung göttlicher Gebote lange Lebensdauer oder wenigstens die Verlängerung derselben ausdrücklich verheißen und im Talmud erhofft man sich durch Befragung jener Bevorzugten, die ein sehr hohes Alter erreichen, praktische Winke und Weisheit, die göttliche Gnade langer und längster Lebenszeit allgemein zugänglich zu machen. Ob diese verschiedenen Ratschläge wirklich nützen oder nur auf die Erziehung der Menschheit in bestimmten Sinne unter Anwartschaft auf den versprochenen Lohn gegeben sind, kann und darf nur der entscheiden, der sie erprobt und bestätigt gefunden hat. Anders steht es um das Wort Gottes an Moses: „ Räche Israel an den Midjaniten, hernach sollst du eingetan werden zu deinem Volke", das einerseits als eine Verkündigung des Lebensendes anderseits als eine weitere Befristung des irdischen Wandels Moses' aufgefaßt werden kann. Unsere alten Weisen verstehen das Wort in dem einen wie dem anderen Sinne, neigen aber schließlich der letzteren Ansicht zu und behaupten, daß das Gotteswort eine Verzögerung, einen Aufschub der allem menschlichen Leben drohenden Auflösung bedeutet. Der Gerechte sollte nicht eher sterben, als bis er das Vergeltungswerk an Midjan vollzogen hat. Der Kampf gegen Midjan habe also den Tod Moses aufgehalten. Die Aufgabe, die Moses auszuführen hatte, gab lebenverlängernde Kraft. Darin liegt eine Wahrheit. Ruhe und Untätigkeit läßt den Menschen schwach, greisenhaft werden, aber Arbeit im Dienste großer, wichtiger Pflichten erhält rüstig und lebensstark. So lehrte bereits R. Tarfon, daß der Mensch nur durch den Müßiggang sterbe, was in dem besagten Sinne zu verstehen ist. So wie Moses, vor eine große, heilige Aufgabe gestellt, zu ihrer Vollendung Lebenskraft fand, so wird jeder stark, der sich für große Ziele und Zwecke begeistert und sich ganz in deren Dienst stellt. Wer daher am Leben hängt und den Tod fürchtet, tut am besten daran, sich großen Aufgaben zu widmen. Der Wunsch, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ist das Reservoir, aus dem frische Kräfte strömen. Das zeigt das Bild, das die Bibel von dem entkräfteten, geblendeten Simson zeichnet, der vor seine Feinde, die Philister geführt, nur den einen Wunsch, das eine Gebet findet: „Mache mich stark, o Gott, daß ich räche meine blinden Augen an den Philistern", und die Riesenkraft von ehedem kehrt in den welken Leib zurück, er stürzte das Haus in Trümmer, daß mehr waren der Toten, die er im Sterben tötete, als derer, die er im Leben getötet hatte. So ist manch' ein Riese an Körper oder Geist durch Tatenlosigkeit in Schwäche gefallen, bis ihn der Ruf zu neuer Tat auch zu neuer Kraft erweckte. Man behauptet, daß die Jugend oder das frühere Mannesalter die Zeit sei, die große Leistungen hervorbringt, und sucht diese These durch Beispiele aus der Geschichte zu beweisen. Nicht minder leicht läßt sich mit Beispielen belegen, daß auch das Greisenalter oft überraschende Taten wunderbarer Kraft vollbrachte. Man denke nur an den