Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 29 (9.7.1926)
- Date
- 1926-07-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT C Oesferrelcblscbe Wochensdiriff fOr ffi&sffie Interessen NM dem Beiblatt: VeröttenOldiungen Oer ..Union öemscüöslerreimisdier Joden" Redaktion und Administration: Wien HL, HeinesArnOe 13. - Fernruf 42-2-16 XLII. Jahrgang Wien, 9. Juli 1926_Nummer 29 Wissenschaft und Demagogie. Von Dr. Paul Nathan (Berlin). Wissenschaft und Demagogie verhalten sich zu einander etwa wie Gold zu Messing. Auch Messing hat eine ähnliche Färbung wie Gold, darin besteht die Uebereinstimmung. Sonst in nichts. Und Demagogie sucht oft genug den Anschein wissenschaftlicher Unangreifbarkeit für sich in Anspruch zu nehmen. Sie stelzt einher wie unwiderlegbare, festbegründete Wissenschaftlichkeit, und ist innerlich morsch, hohl; sie ist aufgeblasene, von blindem Haß eingegebene, leere Behauptung ohne jede feste Stütze. Seitdem die Religion und die Religionen aufgehört haben, die Menschheit feindlich auseinanderzusprengen, ist die Wissenschaft in diese kläglich bevorzugte Stellung befördert worden; freilich eine „Wissenschaft", die mit echter Wissenschaft ebensoviel zu tun hat, wie echte Religion mit den Folterungen, Tötungen, furchtbaren religiösen Kriegen der Vergangenheit, mit. der echten Gläubigkeit frommer Menschen. Ob die Menschen an das Alte Testament glauben, oder ob sie an das Alte Testament u n d an das Neue zugleich glauben, — das entzündet heute nicht mehr die Scheiterhaufen; aber ob die einen biologisch von „semitischer Abstammung sind oder von „indogermani seher", das entflammt schon eher bestimmte Teile der europäischen sogenannten zivilisierten Menschheit zu Haß, zur Verleumdung, und wenn die Polizei, als oberste Hüterin der Zivilisation, in diesem Falle nicht rechtzeitig eingreift, zu Prügeleien bis zum Blutvergießen. Totschlag und Morde sind schon seltener, und damit ist der Fortschritt der menschlichen Rasse bezeugt. Langsam vollzieht er sich jedenfalls trotz aller Hymnen auf unsere Zivilisation. Vielleicht bahnt sich nun ein neuer Forts c h r i 11 an; man darf nur sagen: vielleicht. Bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts etwa gruppierte man die engere oder weniger enge Verwandtschaft der Völker zueinander auf Grund der Untersuchungen über die Verwandschaft oder die mangelnde Verwandtschaft der Sprachen, die sie redeten. Man unterschied die indogermanischen Völker, die eine Sprache des indogermanischen Sprachstammes redeten; dann die semitischen Völker, deren Sprachen auf Wurzeln des semitischen Sprachschatzes zurückgingen, und so fort; und bezeichnete die entsprechenden Völker entsprechend ihren Sprachen als Indogermanen oder als Semiten. Mit Unrecht. Die Historiker konnten feststellen, daß einzelne Völker mit ihrer Freiheit und Selbständigkeit auch die ihnen eigentümliche Sprache verloren hatten, und das war noch fast unter unseren Augen geschehen, wie denn die Iren heute englisch sprechen und ganz gewiß zu den Angelsachsen, die wiederum nur eine Völkermischung sind, nicht gehören. Bei weiterem Fortschreiten der historischen Wissenschaft mehrten und vermehrten sich die Beispiele und gerade die Antisemiten konnten an dem alten Dogma nicht festhalten; denn die deutschen Juden sprechen deutsch, aber es fällt den Antisemiten durchaus nicht ein, ihnen deswegen die Qualität als Deutsche, also als Germanen, zuzuerkennen. So suchte man nach anderen Erkennungszeichen: die krumme Nase, die „wehmütigen" Beine, wie man sich ausdrückte; Unterscheidungsmerkmale, die sehr oft nicht zutreffen und die so schwankend sind, daß ein findiger Antisemit, der Goethe augenscheinlich nicht liebte, aus seinen „vorstehenden" Augen —, seinen Beinen —, seinem Gang und seiner „Liebebedürftigkeit" seine unzweifelhafte Abstammung von Juden feststellte; eine Feststellung, die zwar albern erscheint, aber von den Juden wirklich nicht als beleidigend empfunden werden kann. Auch die sogenannte „Judennase" läßt die Antisemiten im Stich. In dem so interessanten Werk des verstorbenen Professors v. Luschan: „Völker, Rassen, Sprachen"*), finden sich Abbildungen hethitischer Götter und Könige (Tafel 15 und 16). Wenn die Urbilder in einer heutigen antisemitischen Versammlung leibhaftig erschienen, würden sie zweifellos wegen ihrer Nasen trotz ihres Königtums verhauen und hinausgeworfen werden; und die Hethiter werden doch nicht zu den Semiten gerechnet. Aber auch Armenier (Tafel 14), Kurden (Tafel 11), Griechen und auch ostafrikanische Neger zeigen Typen (Tafel 4), deren Nasen das höchste Bedenken jedes Antisemiten wachrufen müßten. Also auch die sogenannte „jüdische"' Nase läßt verräterischerweise die Antisemiten im Stich. Eine semitische Bosheit augenscheinlich. Wesentlich näher kommt der Antisemitenhäuptling, Herr Dinter, der Wahrheit; von ihm stammt das erleuchtende Wort: „Im Blute liegt die Schweinerei." Und wenn auch die Wissenschaft die Dintersche „Schweinerei" nicht bestätigt, so doch die große Bedeutung, die das Blut, die Blutkonfiguration für die Gruppierung der Menschheit zu haben scheint. Ich sage „scheint", weil dieser Zweig der Wissenschaft sich erst zu entwickeln beginnt und weil alle Konsequenzen, die sich damit ergeben können, noch gar nicht zu überblicken sind. *) 1922, Welt-Verlag.