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Die Wahrheit · 1926-07-02 · Heft 28 (2.7.1926) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 28 (2.7.1926)
Date
1926-07-02
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 28 DTE WAHRHEIT Seite 3 es, die gegen die buchstäbliche Auffassung des Satzes auftraten und sich auf die traditionelle Auslegung beriefen, daß Geldentschädigung für die verletzten Körperteile verhängt werde. Alle jüdischen Bibelerklärer haben diese Stelle mit Schadenersatz interpretiert. Darin liegt die Auswirkung der religiösen Gewissenhaftigkeit, die großzügig den Sinn erfaßt, aber eine schematische Taxierung ablehnt und von Fall zu Fall den Wert des Schadens bestimmt wissen will. Von dem Lehrhaus und Tribunal des Gerichtes wirkte die Zedakalehre ins Volk hinein. Was man heute die Pflichten des Besitzes nennt, Wohltätigkeit, Gastfreundschaft, Hilfe für Kranke, Gefangene, Knechte und Fremdling — das ist nicht nur die Auswirkung des guten Herzens., der Nächstenliebe * oder modern gesprochen der sozialen Fürsorge, sondern der Zedaka, der ausgleichenden Gerechtigkeit, die alle vom Glücke Begünstigten gegen die Stiefkinder des Glücks zu üben haben. Der Begriff der Zedaka reicht aber noch weiter. Er ist letzten Endes: „Die Tugend." Es gibt kein Gebiet der Ethik, das in diesen Begriff nicht eingereiht werden könnte. Die Zedakalehre ist die Tugendlehre Israels und das Wort „Tugend" muß richtig im Hebräischen mit Zedaka wiedergegeben werden. Nur so wird beispielsweise der Satz Deut. 6, 25 richtig übersetzt: „Und Tugend wird es uns sein, wenn wir beobachten zu tun dieses ganze Gebot vor Gott, unserem Herrn, wie er uns geboten." Tugend ist die Beobachtung aller göttlichen Gebote. Auf der religiösen Gewissenhaftigkeit basiert die Selb st Verantwortlichkeit der Person, wie sie das Judentum lehrt. Der Jude ist für sein Tun und Lassen seinem Gotte direkt verantwortlich. Es gibt keinen Ablaß und keine Absolution durch die „Lehrer" der Religion. Der Jude steht in jedem Augenblicke seines Lebens seinem Gotte unmittelbar zur Verantwortung. Gebet, Gottesdienst, Studium der Lehre, Versöhnungstag, Sündenbekenntnis.— das alles sind nur die Mittel der Religion, um dieses Verantwortlichkeitsgefühl aufs lebhafteste zu entfachen. Zusammenhang besteht. Man füchtet Taten des Simri, hofft auf Eifer des Pinehas, weil man dort seit altersher nichts Gutes gewohnt ist, hier mit guten, -alten Traditionen rechnen darf. Das ist für die Selbsterziehung und Selbstbewertung des Individuums sehr wichtig. Familien und Geschlechter lassen sich davon in ihren Verbindungen, in ihrer Lebens¬ und Handlungsweise leiten oder volkstümlich gesprochen, sie nehmen auf ihren Jichus Rücksicht. Das gilt für die Erziehung der Kinder, für die Betätigung im öffentlichen Leben, für die Pflichten gegen die Religion, für die Wohltätigkeit und das ganze Verhalten in Handel und Wandel. „Man ist es seinem Jichus schuldig" ist ein Leitwort, das viel Segen gestiftet hat. Die alten Erklärer bemerken zu der Stelle im Buche der Chronik (I, 7, 40). „Diese Söhne Aschers waren Häupter von Stammhäusern, auserlesene Helden im Heere, Fürstenhäupter, die sich zum Kriegsdienste verzeichnen ließen" — daraus ist zu entnehmen, daß sogar die, die zürn Kampfe ausziehen, nur von guter Familie sein sollen, denn das Verdienst ihres Jichus steht ihnen im Kampfe bei. So ist es auch im Lebenskampfe. R. Preda sagte, als man ihm einen Mann anmeldete, der im zehnten Geschlechte von Esra abstammte: „Ist er ein tüchtiger Mann, so ist es schön, ist er tüchtig und von guter Abstammung, so ist es doppelt schön." Der Jichus allein tut es nicht, die eigene Leistung muß ihm entsprechen. Darauf hat das jüdische Volk zu allen Zeiten Wert gelegt. Darum klagt der Volksmund: „Wer fragt jetzt noch nach Jiches!" „Der Jichus liegt auf dem Beth-hakeworos!" Und dennoch, er ist nicht begraben, er lebt in Herz und Anschauung des Judentums fort. K. Daneben besteht in ungeminderter Kraft die Mitverantwortlichkeit. Das Thorawort (Lev. 19, 17) „zurechtweisen sollst du deinen Nächsten" ist ebenso wie das Talmudwort „Alle Israeliten sind für einander Bürgen" sozusagen ein Gemeinplatz im jüdischen Schrifttum und Leben geworden. Das Judentum kennt nur ein Gemeinschaftsgebiet, ein Sündenbekenntnis in der Mehrzahl, denn die sittliche Einwirkung des einen auf den anderen ist religiöse Pflicht. Niemand steht allein, sei es im Tun, sei es in der Verantwortung. Die Gesamtheit verpflichtet die Persönlichkeit und die Persönlichkeit ist der Gesamtheit verpflichtet. So erst versteht man richtig den vielfach mißverstandenen Satz von dem Gotte, der ahndet die Schuld der Väter an den Kindern bis ins dritte und vierte Geschlecht bei denen, die ihn hassen. Nicht nur die gotthassenden Nachkommen sind straffällig, sondern auch die schuldtragenden, gotthassenden Vorfahren, solange und soweit eines Menschen Einfluß reicht. Heilighaltung der Ehe, Familienliebe, Pietät erhalten ihre stärksten Pfeiler durch die Mitverantwortlichkeit. Aus den bisher behandelten Prinzipien mußte aber auch eine dem Judentume eigene Eschatologie, das heißt Lehre vom Jenseits sich entwickeln. Das Judentum lehrt die Ewigkeit der göttlichen Seele, das Leben nach dem Tode, die Auferstehung der Toten und damit in direktem Zusammenhange Lohn und Strafe im Jenseits. Auf diesem Gebiete ist das Judentum mit Ausnahme einiger späterer literarischen Produkte rein geistig. Gan Eden (Paradies) und Gehinnom (Hölle) sind Begriffe für das Reich des Lohnes und der Strafe, die aber nichts mit den grobsinnlichen Vorstellungen der klassischen Heidenwelt oder anderer Religionen zu tun haben. Man sucht in der Thora vergeblich weitschweifige Ausführungen über das Jenseits, nicht, weil der Glaube nicht bestand, sondern weil sie ein Gesetz- und Lehrbuch für das konkrete Leben des Diesseits ist. Beschäftigung mit den transzendentalen Fragen ist allen Völkern eigen. Auch unabhängig voneinander müssen sich die Menschen über dieses Gebiet ihre Gedanken machen. Gedankengänge können sich da und dort decken, können aber trotzdem selbständig erwachsen sein. Wir haben die Vorstellung von den Büchern des Gedächtnisses. Moses sagt zu Gott: „Lösche mich doch aus aus deinem Buche." Durch den Versöhnungstag ist die Vorstellung von den Büchern, die vor Gott aufgeschlagen liegen, in die weitesten Kreise getragen worden. „Die Thora spricht die Sprache der Menschen." Dieser Satz gilt hier besonders. Die Menschen können sich die Tatsache, daß es vor Gott kein Vergessen gibt, nicht vorstellen und unterschieben daher ihm das ihnen gebräuchliche Hilfsmittel des geschriebenen Wortes. — Das diesseitige Leben ist Olam hase, das jenseitige Olam habä, die Auferstehung Techiat hamesim. „Die Pharisäer glauben," sagt Josephus, „daß die Seelen eine unsterbliche Dauer haben, und daß dieselben, je nachdem ob der Mensch tugendhaft oder lasterhaft gewesen, unter der Erde Lohn oder Strafe erhalten; die Lasterhaften werden nach ihrer Lehre in immerwährender Gefangenschaft gehalten, während die Tugendhaften die Freiheit behalten und ins Leben zurückkehren." Die hier noch unklar gebrachte Anschauung ist von den jüdischen Religionsphilosophen konsequenter behandelt worden, so daß man schließlich zwei Auferstehungstheorien feststellen

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