Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 28 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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TT seile DIE WAHRHEIT Nr. 28 Begriffe um dem, was die Juden dabei denken, gerecht geworden. „Das eigentliche Wesen der Mazwa", sagt er, „bestand darin, das sie das war, was Gott wollte. Es war eine Gelegenheit, Gott zu dienen, ein den Menschen verliehenes Mittel, bei einem gegebenen Anlaß Gott zu gefallen." Wenn, man diese Mizwas gezählt hat, gefunden hat, daß sie 613 an Zahl, die Verbote zahlreich wie die Tage des Jahres, die Gebote 248 sind, entsprechend den Knochen des menschlichen Körpers, und man weiter gesagt hat: „Gepriesen sei Gott Tag für Tag," das heißt: „Gib Gott Tag für Tag die ihm entsprechenden Segensprüche" oder „alle meine Gebeine sollen Gott preisen", das heißt: mit seinem ganzen Körper Gott dienen, so hieß das niemals, daß man seine Lasten gezählt hat. Die Mizwa war ein Heiligtum, das man liebte und nicht haßte und selbst vor dem sündhaften Triebe im Menschen schützte^ weil man es nicht übertreten wollte. So entstand der „Zaun um das Gesetz." Dieser Grundsatz geht auf die Männer der großen Synode zurück, die sagten: „Seid gelassen im Urteile, stellet viele Schüler aus und machet einen Zaun um das Gesetz." Wie man einen Garten oder einen Weinberg vor dem Niedertreten durch die Umzäunung schützt so soll ein Verbot schützen, daß das eigentliche Gebot nicht verletzt werde. Wenn man die Weltanschauung des alten Heidentums mit dem Dichterworte kennzeichnen darf: „Ihr laßt den Menschen schuldig werden und überlaßt ihn dann der Pein," so ist die Lehre vom Zaun um das Gesetz der denkbar größte sittliche Gegensatz dazu. Der Mensch soll nicht schuldig werden, soll so weit als möglich vor Verletzung des Gebotes durch Verbote bewahrt sein. Wenn ein pädagogischer Grundsatz lautet, daß der beste Unterricht derjenige ist, in dem der Schüler gar nicht dazukommt, Fehler zu machen, so ist auch gewiß die Religion lobenswert, die aus Eigenem daraui hinarbeitet, den Bekenner nicht in Sünde geraten zu lassen. Dieser Gedanke findet seine Fortsetzung darin, daß selbst in den persönlichen Leistungen der Gläubige nur „nach seiner Kraft" belastet ist, daß es in allen religiösen Dingen nicht etwa ein „Alles — oder — nichts" gibt, Gott nicht nach seiner Kraft, wie der Ausspruch lautet, sondern nach der Kraft des Menschen die Anforderung stellt. Unter Zugrundelegung des Begriffes von der religiösen Gewissenhaftigkeit wird nun die Zedaka, die Gerechtigkeitslehre des Judentums, auf der sich Gottesbegriff, Lebensanschauung und Eschatologie gründen, erst richtig verstanden. Wenn die Thora von dem gerechten Richter verlangt: „Du sollst genau untersuchen," so ist die natürlichste Vorstellung, daß auch Gott, der Richter aller Menschen, gerecht urteilen muß. Gott muß das Ideal der Gerechtigkeit sein, mit dem eine alles verzeihende Liebe, die Gute und Böse, Gerechte und Sünder auf die gleiche Stufe stellt, unvereinbar ist. Gott ist aber nicht nur Richter; er ist auch Schützer der Schwachen, der Hüter des Rechtes. Deswegen ist er kein Shylock, der auf seinem Scheine besteht, dessen Grundsatz ist „Maß für Maß", „wie du mir, so ich dir". „Aug' um Auge, Zahn um Zahn" ist Talion und nicht Rache. „Die gemeine Rache will empfangene Verletzung doppelt und zehnfach zurückgeben. Die Talion bedeutet einen großen Sieg menschlicher Selbstbeherrschung. Sie ist es, die zunächst ruft: „Nicht mehr!" Liest man die drei Stellen, in denen der Satz „Aug' um Auge" vorkommt (Lev. 24, 17; Ex. 21, 22; Deut. 19, 15) im Zusammenhange, kann kein Zweifel bestehen, daß es sich um Rechtsprinzipien, um Vorschriften für den Richter handelt. Der Satz „Aug' um Auge" war nie ein Moralbegriff für die Masse, ein Satz, nach dem der Laie handeln sollte. „Ein Rechtssprichwort oder einen juristischen Kunstausdruck," nennt ihn Bodinus. Er bot dem Richter die Möglichkeit, selbst von dem widerstrebendsten Angeklagten die Befriedigung der gerechten Ansprüche des Klägers zu erzwingen, indem er ihn vor die Wahl stellte, zu zahlen oder das Gleiche am eigenen Leibe zu erdulden, was er dem anderen zugefügt hatte. Gerade die Pharisäer waren Feuilleton Der Jichus. Der Name des erschlagenen Mannes, der samt der Midjaniterin erscnlagen wurde, war aimri Sohn des Salu, ein hurst des Stammhauses von Smion. IV, 25, i4 Als König Alexander Jannai im Sterben lag. sprach er zu seiner Gattin und Nachfolgerin auf dem Throne Alexandra: „Fürchte dich nicht vor den wahren Pharisäern, auch nicht vor den wahren Sadduzäern, hüte dich vor den Gefärbten, die Untaten verüben wie Simri und Lohn verlangen wie Pinehas." Dieser Vergleich des sterbenden Königs bezieht sich auf das Begebnis zu Sittim, als sich Israel dem Götzendienst Moabs hingab und der Zorn Gottes wider das Volk entbrannte. Da tötete Pinehas, der Sohn Eleasars, ein Enkel Arons, den Hauptübeltäter Simri samt dem midjanitischen Weibe Kosbi bas Zur, brachte dadurch Israel zur Selbstbesinnung und beschwichtigte den Zorn Gottes. Pinehas, der Eiferer für Gott, und Simri, der sündige Fürst, stehen im Mittelpunkte des Interesses. Das gute wie das schlechte Beispiel will in seiner Ursache und Wirkung ergründet werden. Ein alter Erklärer sagt: „Die Thora führt bei Pinehas seine Abstammung zum Lobe, bei Simri zur Schande an." Jeder, der sich selbst einen Makel anhaftet, bringt ihn gleichzeitig auch auf seine Familie. Gute oder schlechte Tat, schöne oder unschöne Handlungsweise trifft nicht bloß den Urheber, sondern wirkt auf Vorfahren oder Nachkommen zurück. Es gibt eine besondere Beziehung, der keiner entgeht, die Rückwirkung der Vergangenheit auf den einzelnen und die Auswirkung des einzelnen auf die Zukunft. Das Wort „Jichus" kann mit Abstammung wiedergegeben werden, aber es beinhaltet im Sinne des jüdischen Herkommens auch das geistige und moralische Erbe, das Abkunft und Stammbaum mit sich bringt. In gutem wie bösem Sinne muß jeder dem Jichus Opfer bringen. Als Pinehas seine Tat vollbrachte, kamen die Stämme und riefen: „Seht her den Sohn des Putiel, sein Großvater hat noch Kälber für den Götzendienst gemästet und er tötet einen Fürsten in Israel." Dieses Wort zeigt die Geringschätzung der Stämme. Deshalb hebt das Schriftwort den Jichus des Pinehas hervor und betont, daß er von Aron abstammte. Weil die verschiedenen Nationen stets über Israel und seinen Stolz auf seine Abstammung spotteten und darauf hinwiesen, daß die ägyptische Knechtschaft nicht nur den Männern, sondern auch den Frauen in Israel Schande gebracht habe, wird auch die Zählung und Musterung der einzelnen Geschlechter mitgeteilt. Darum hat Gott dem Namen jedes Stammes und Geschlechtes seinen eigenen hinzugefügt, indem jeder Name mit „h" beginnt und mit „i" schließt, denn diese beiden Buchstaben bedeuten den Namen Gottes und Gott ist Zeuge für die Echtheit und Reinheit der Stämme. Von dem sündhaften Fürsten Simri wird berichtet, daß er deshalb „Salu" hieß, weil er veranlaßte, daß man dem Makel seiner Familie und seines Geschlechtes nachspürte. Diese Gedanken der Alten bringen zum Ausdruck, daß zwischen der Handlungsweise des Menschen und seiner Abstammung einerseits und zwischen dem allgemeinen Urteil und der Herkunft anderseits ein bestimmter, nicht zufälliger