Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 28 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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WAHRHEIT ©esterreichlsche WochensArfff für fadlsAe Interesse» mt ütm Bei&iaif: YerOttenffldnuuEen Oer ..Colon öemscHöslerrelcMs^er Joelen" Redaktion und Administration-. Wtemi MM- HeincsiWlOc 13. - Ferarui 42-2-IS XLII. Jahrgang Wien, 2. Juli 1926 Nummer 28; Vom Wesen des Judentums. Von Dr. V. Kurrein, Linz. Das Wesen .einer großen Persönlichkeit wird nicht auf einer Stufe ihres Werdeganges, in einer Phase ihrer Entwicklung, sondern erst aus der abgeschlossenen, ein vollendetes Ganzes zeigenden Gestalt richtig erkannt werden. Das Gleiche gilt für jede Weltanschauung und besonders für das Judentum. Die Gesamtheit dessen, was das Judentum ausmacht, gestattet erst den Schluß auf das Wesen. Das Wesen ist das „Wesentliche", das, was unbeschadet jeder Veränderung von Zeit und Ort, bestehen bleibt, das eigentliche Beständige, Gültige. Es gibt ein biblisches und ein talmudisches, liberales und orthodoxes, nationales oder religiöses Judentum. Nicht in den Akzidenzien, sondern in der allen gemeinsamen Grundlage ist das Wesen des Judentums zu suchen. Diese Grundlage sind die Bestandteile der Geistesrichtung und Denkungsart, die den Juden charakterisieren und bestimmen. Unter diesen wiederum ist die religiöse Weltanschauung das Typischeste der jüdischen Denkungsart. Durch sie hat sich das Judentum zu allen Zeiten von der es umgebenden Welt abgehoben, eine Sonderstellung in der Weltgeschichte errungen, entscheidende Einflüße ausgeübt und ist und bleibt sozusagen eine „Persönlichkeit", deren Wesen erkannt sein will und des Erkennens wert ist. Nicht die Formen, sondern die Anschauungen, nicht Gestalten, sondern Gesichtspunkte, auf denen sich alles aufbaut, sind ins Auge zu fassen. So offenbart sich dem Kenner des Judentums zunächst ein Wesenszug, der eine Basis genannt werden kann, und zwar „religiöses Gewissen" oder die „religiöse Gewissenhaftigkeit". Der Mensch muß es mit seinen Pflichten gegen Gott und die Menschen genau nehmen. „Was deine Lippe spricht, mußt du halten." Das Wort muß der Gesinnung, muß der Tat entsprechen. „Ihr sollt rein dastehen vor Gott und Israel", ist der stehende Ausdruck für die Verpflichtung, auch bei den Mitmenschen keine falsche Auffassung über eine Tat, sei es eine gute oder böse, aufkommen zu lassen. Die Gesinnung allein macht es nicht; ebensowenig die Tat allein. Beide sind aber nicht unabhängig von dem Urteil der Menschen. Der Zweck heiligt nicht die Mittel, die Mitteln heiligen keinen Zweck; Gesinnung, Tat und Urteil sollen und müssen übereinstimmen. Das verlangt die religiöse Gewissenhaftigkeit und darin ist der Schlüssel zu sehen, der uns das Geistesleben des Judentums erschließt. Demgemäß muß das Gotteswort in allen seinen Teilen, in der Allgemeinheit und in seinen letzten Konsequenzen gleichbindend sein. Daran durften Zeiten, Umstände und Verhältnisse nichts ändern. Wenn trotzdem das göttliche Gebot im Laufe der Zeiten Wandlung erfahren hat, in einzelnen Teilen aufgehoben, in anderen umgedeutet wurde, so geschah es im Wege des religiösen Gewissens, in sorgfältigster Anlehnung an die Worte der Schrift und deren richtigem Sinne. Der Jude stößt Gebote nicht leichtfertig ab. Er fühlt sich in seinem Gewissen gedrückt, wenn er die Religion nicht erfüllen kann. Schafft das Leben ein Dilemma zwischen der Schuldigkeit gegen Gott und den Ansprüchen des Alltags, so entsteht ein gewisser innerer Kampf. Damit ist das Verständnis für die Tätigkeit der Rabbinen und deren religiöse Kasuistik gegeben. Sie ist keineswegs eine Spielerei des suchenden, deutelnden Geistes oder eine Beschäftigung für müßiggehende Schriftgelehrte. Die religionsgesetzliche Forschung, Mischna, Talmud, Kodifikatoren- und Gutachtenliteratur, ist aus der Notwendigkeit hervorgegangen, dem Gottesworte und dem wirklichen Leben gerecht zu werden. Sie ist aus dem Willen aller entstanden, eine Möglichkeit zu schaffen, durch die dem praktischen Leben entsprochen wird und das Gebot unverletzt bleibt. Deshalb war die Tätigkeit der Pharisäer, Talmudlehrer und Rabbiner dem Volke nie verhaßt. Sie hat vielmehr den innersten Willen des Juden und das Wesen des Judentums erfaßt und in Konsequenz jenes psychologischen Momentes der alle und alles beherrschenden religiösen Gewissenhaftigkeit gehandelt. Darum ist auch niemals eine Reform im Judentum erfolgreich gewesen, die nicht schon vorher von der Allgemeinheit gewollt worden wäre. Mit Vorliebe spricht man in der nichtjüdischen theologischen Wissenschaft von der „Gesetzesreligion" des Judentums und von dem „Joch der Gesetze". „Das Joch der himmlischen Herrschaft auf sich nehmen" ist die Bezeichnung für das, was wir heute „Bürgertugend" nennen, wenn man in Betracht zieht, daß es für den Staat gilt, in dem das Wort Gottes regiert. Die himmlische Herrschaft war dem Juden nie so zuwider, daß er sich gegen sie awf Schritt und Tritt aufgebäumt hätte. In der Unterwerfung unter diese Herrschaft lag im Gegenteil innerste Befriedigung, Seelenruhe und der Stolz des freien Gewissens. Dafür sprechen Begriffe wie Serisus, Simcha schelmizwa, Eiirigkeit, Freudigkeit in der Erfüllung der Gebote, die nicht der Theorie angehören, sondern im Leben des Volkes greifbare Wirklichkeit besaßen. Man braucht nur noch heute irgendeinen Juden zu fragen, was eine Mizwa ist. Das Wort stammt von der Wurzel „befehlen", ist daher mit Gebot, Befehl, Pflicht ganz richtig übersetzt, aber deckt sich keineswegs mit dem Gedankeninhalte, den der Jude mit dem Ausdrucke „eine Mizwa tun" verbindet. Tr. Herford ist dem