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Die Wahrheit · 1926-06-25 · Heft 27 (25.6.1926) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 27 (25.6.1926)
Date
1926-06-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 27 haften Jungen solange bearbeitet, bis derselbe „freiwillig" zum Katholizismus übergetreten war. Allerdings wagte das Kind damals noch nicht, Herrn Kupfermann hiervon Mitteilung zu machen. Erst als dieser bei seinem letzten Besuche ein K e 11 c h e n am Halse des Jungen bemerkte und ihn fragte, ob er etwa eine Gedenkmünze trage, rückte der kleine Jakob mit der Sprache heraus; denn an dem Kettchen hing ein K r e u z. „Ich habe erkannt", sagte der vierzehnjährige Junge, „daß die christliche Religion die wahre Religion ist . . . ." Wie und auf welchem Wege der kleine Jakob, der doch bisher, wie es scheint, ein guter und frommer Jude gewesen ist, zu dieser Ueberzeugung gelangt, darüber wollte er sich zunächst nicht äußern. Fest steht, daß dem Kinde, mag dies auch geflissentlich geleugnet werden, die Erkenntnis von selbst nicht gekommen ist. Fest stehen jedoch auch folgende bezeichnende Tatsachen, welche auch mit bestem Willen nicht geleugnet werden können. Erstens: Daß das Kind zu einer Zeit getauft wurde, als die Wiener israelitische Kultusgemeinde noch die Unterhaltskosten für Jakob Kleinmann an das Elisabeth-Heim bezahlte. Zweitens: Daß das jüdische Pensionsgeld für den Täufling auch nach der Taufe Kleinmanns entgegengenommen wurde. Drittens: Daß eine Klosterschwester der Anstalt im jüdischen Jugendamt der Wiener Kultusgemeinde zu einer Zeit vorsprach, als das Kind seit Monaten getauft war, die erfolgte Taufe verheimlichte, und daß sogar Verhandlungen mit der Kultusgemeinde wegen Beistellung und Bezahlung eines Handwägelchens oder geeigneter Prothesen für das verkrüppelte Kind gepflogen wurden. Denn die Taufe des Jakob K1 e i n m a n n fand am 10. Juli 1925 statt. Eine Verständigung hiervon hat die Wiener Kultusgemeinde jedoch erst über ihre Anfrage vom 17. Dezember 1925 erhalten, und zwar erst am 19. Jänner 1926. Ferner schrieb die Leitung des Elisabethheimes unter dem 15. Juni 1925 an die Wiener Kultusgemeinde: „Endesgefertigte Leitung ersucht um gütige Einsendung der Dokumente des Jakob Kleinmann." Prompt antwortete das jüdische Jugendfürsorgeamt der Kultusgemeinde, daß es die Dokumente zu übersenden nicht in der Lage sei, bevor es nicht darüber verständigt würde, zu welchem Zweck das Elisabethheim die Dokumente benötige. Dieser Brief blieb unbeanwortet und zwei Tage später, am 19. Juli, wurde der kleine Jakob Kleinmann in den Schoß der katholischen Kirche aufgenommen. Die arme Mutter des dem Judentum entrissenen Kindes ist begreiflicherweise über das Schicksal ihres Sohnes ganz erschüttert, der kleine Jakob jedoch sagte, daß ihn der Schmerz der Mutter, ihre verzweifelten Briefe, nicht rühren. Sollten das die ersten Einflüsse des neuen Glaubens sein? Gilt das Gebot, daß man Vater und Mutter ehren möge, für den Glauben nicht mehr, den der kleine Judenjunge Jakob Kleinmann angenommen hat? War den christlichen Schwestern, die den Jakob Kleinmann zur Taufe gebracht haben, nicht der Gedanke an den unsäglichen Schmerz einer armen Witwe, an das Meer von Tränen gekommen, das eine schwergeprüfte Mutter um ihren Sohn vergißt? Wozu all diese Fragen? Hören wir uns lieber die Antworten an, welche die Schwestern einem ausländischen Journalisten, der sich nach dem Schicksal der getauften Judenkinder erkundigte, gegeben haben: „Wir haben auf die Kinder keinerlei Einfluß genommen. Sic haben aus freien Stücken (?) nach dem Sakrament der Taufe verlangt. (Ist es nicht sehr merkwürdig, daß von vier der Obhut der Schwestern anvertrauten jüdischen Kindern drei ganz von selbst danach Verlangen tragen, das Sakrament der Taufe zu empfangen? Welches ist die Erklärung für dieses Wunder? D. Red.) Sie haben eben erkannt, daß die katholische Religion der einzig wahre Glaube ist, und haben uns gebeten, sie zu taufen. Nach anfänglicher Weigerung (!) mußten wir ihren Herzenswunsch (!) erfüllen. So schwerkranken Kindern muß man doch ihren Herzenswunsch erfüllen." Man kann sich die Gewissenskämpfe vorstellen, die die christlichen Schwestern mit sich auszutragen hatten, bevor sie sich dazu herbeiließen, den „Herzenswunsch" der drei jüdischen Kinder zu erfüllen. Doch die Bitten der Kinder wurden offenbar dringender und stürmischer, daß sie sich ihnen nicht entziehen konnten und sie taufen mußten. Im Elisabethheim befindet sich noch ein jüdisches Mädchen namens Anna Schüler, das aber seinem Glauben treu bleiben und nichts von Christentum wissen will. Als der Mutter des Jakob Kleinmann die Nachricht von der Taufe ihres Sohnes zu Ohren kam, schrieb sie einen erschütternden Brief an Herrn Salorrion Kupferraann, der wie ein einziger Schmerzensaufschrei aus einem gequälten Mutterherzen klingt. Wir geben ihn im folgenden auszugsweise wieder: „Nach dem Erhalt Ihrer furchtbaren Nachricht bin ich ganz erschüttert und kann jetzt nicht einmal richtig nach meinem Kinde fragen, denn ich bin meiner Sinne nicht mächt i g. Ein Bekannter schrieb mir, daß mein Kind jetzt getauft wurde. Ich muß mein Kind nach Hause nehmen, ich weiß aber nicht, wie ich es machen soll, helfen Sie mir, bitte, haben Sie mit mir Mitleid. Mit mir und mit meinen drei Kindern, damit sie nicht Doppelwaisen werden, denn ich bin zu schwach, um dieses große Unglück zu ertragen. Antworten Sie mir, bitte, schnell, ob mein Kind nur vom Glauben sich abgekehrt hat, oder ob es auch seine Mutter und seine Schwestern nicht mehr kennen will. Und wer hat Jankaie denn dazu gebracht?-- Helfen Sie mir, mein Kind zurückgewinnen, antworten Sie mir schnell, was das Kind Ihnen sagen wird. Uebergeben Sie ihm meinen Brief und senden Sie mir seine Antwort! Achten Sie dcTüi, daß man das Kind nicht verschleppt. Ist er jetzt noch in Maria-Lanzendorf? Haben die Leute dort das Recht, so etwas zu machen? Schreiben Sie mir alles!" Es sind wahrhaft mittelalterliche Zustände, die uns hier entgegentreten, und Vorgänge aus längstvergangenen düsteren Zeiten tauchen vor unserer Seele auf, wenn wir an die traurigen Vorkommnisse denken, die sich in Maria-Lanzendorf abgespielt haben: Finstere Judengassen, verschleppte Judenkinder, die ihren Eltern entrissen und zwangsweise zur Taufe geführt wurden, weinende gramgebeugte Mütter, fassungslose Väter. . . . Es hat keinen Sinn, jetzt, nachdem die Sache bereits geschehen ist, Vorwürfe zu machen und darüber nachzuforschen, ob und von wem Fehler und Versäumnisse gemacht wurden, durch die das Geschehene möglich geworden ist. Darum stellen wir an die maßgebenden Faktoren, vor allem an das Städtische Jugendamt, das die Ueberwachung dieser Heime zu besorgen hat, sowie an das Jugendamt der israelitischen Kultusgemeinde mit allem Ernste und aller Entschiedenheit folgende Frage: Was wird veranlaßt werden, um Vorkommnisse wie die geschilderten für die Zukunft unmöglich zu machen? Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max G r u n w a 1 d. (Fortsetzung.) Die Frauen der talmudischen Zeit. Wohltätige Frauen. Hillel hatte einen Kollegen zu Tisch geladen. Die beiden Gelehrten waren gar bald in ein wissenschaftliches Gespräch vertieft und vergaßen des Essens. Doch als Stunde um Stunde verrann, ohne daß das Essen aufgetragen wurde, wurde Hillel besorgt. Schon wollte er sehen, wo seine Frau bleibe und weshalb sie den Tisch nicht anrichte. Da er aber ihre Gewissenhaftigkeit kannte, dachte er sich: sie wird Wichtiges zu tun haben; ich warte lieber. Endlich tritt seine Frau ganz verlegen ein und läßt auftragen. Als er sie freundlich nach der Ursache der Verzögerung fragt, antwortet sie: „Entschuldiget! Aber als ich gerade die Schüsseln hineinschicken wollte, trat weinend ein Armer herein und klagte: Ich heirate heute, habe aber nichts zum Hochzeitsmahl. Da gab ich ihm, was für euch bereitet war und richtete eine neue Mahlzeit her. Habe ich unrecht getan?" Hillel strahlte vor Freude und sprach: „Du hast wie eine verständige und gottesfürchtige Frau gehandelt." * Sammler von Beiträgen zur Unterstützung armer Schüler kamen zu einem Manne namens Barbutin, der für seine Person und sein Haus ausgesprochenen Geiz an den Tag legte. Sie erhofften sich deshalb nichts von ihm und waren um so mehr erstaunt, als er sie freundlich aufnahm und nach Anhören ihres Anliegens sogleich antwortete: „Dann geht nur zu meiner Frau hinein, sie verteilt bei uns die Almosen; bestellet ihr in meinem Namen, sie möchte euch ein Maß voll Denaren geben." Die Männer trauten ihren Ohren nicht. Die Frau aber zeigte sich, als sie den Auftrag ihres Mannes vernahm, gar nicht überrascht. Vielmehr fragte

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