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Die Wahrheit · 1926-06-25 · Heft 27 (25.6.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 27 (25.6.1926)
Date
1926-06-25
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 27 DIE WAHRHEIT realerer Antrieb ist die Gier nach dem materiellen Besitz des Niedergeworfenen, den man sich nach dem „Rechte" des Siegers aneignen darf. „Le conquerant va d'abord au coffre-fort", sagt Voltaire. Wie jedoch bekanntlich der Krieg nur eine Fortsetzung der Politik, aber mit anderen Mitteln ist, so wird auch die internationale Politik im Frieden von denselben Motiven geleitet, wie der Krieg, der aus ihr entspringt. Die ungarischen Großgrundbesitzer verschlossen durch hohe Getrei'dezölle ihr Land der serbischen Einfuhr, sie fühlten sich als edlere Kulturrasse dem Schweinehirtenvolk der Serben gegenüber, dem sie auch das Recht auf einen Ausgang zum Meere absprachen, der ihnen erlaubt hätte, ihre Bodenprodukte anderwärts vorteilhaft zu verwerten. Diese engherzige Wirtschaftspolitik des ungarischen Adels trieb die Serben gewaltsam in die Arme Rußlands, bei dem sie im Namen des „höheren Ideals" der Rassen- und Glaubensgemeinschaft warme Aufnahme fanden und zum' Werkzeug der zaristischen Expansionspolitik: wurden, bis sie schließleh den ersten Austoß zum Weltkriege gaben. Wie in den großen weltpolitischen Fragen, so muß man auch in der kleinen Judenfrage nach den treibenden realen Kräften suchen. Die Juden wurden zwar immer im Namen „höherer Ideale" drangsaliert, verfolgt, vertrieben, ausgerottet und wiederum im Namen höherer Ideale toleriert, beschützt, emanzipiert. Indessen war das Wesentliche im Prozesse der jüdischen Geschichte während des Mittelalters die Fernhaltung und Abdrängung der Juden von allen gewinnbringenden und ehrenhaften Beschäftigungen, düe einen sozialen Aufstieg ermöglichten aund Rang bedeuteten: Landwirtschaft. Kriegführung, Handwerk, Großhandel. Die Juden mußten für ihre wirtschaftliche Betätigung neue Zweige ausfindig machen oder neue Länder aufsuchen. Als wehrlose Minderheit, ohne Organisation, ohne staatlichen Schutz, konnten sie sich weder in der einen noch in der anderen Richtung den Platz an der Sonne wählen, darum waren es weder die besten Wirtschaftszweige, noch die schönsten Länder, in die sie hineingerieten. Der mittelalterliche Kastengeist, noch verstärkt durch das religiöse Vorurteil, verhinderte es, daß man die wirtschaftlichen Fähigkeiten und Tatkraft der Juden richtig einschätzte und nutzbar machte. — Man sah in ihnen nur unbequeme Konkurrenten, die man entfernen mußte, anstatt wertvolle Mitarbeiter, mit denen man sich verbinden konnte. Die Fürsten und die anderen Gewaltigen, die schärfer sahen, erblickten in ihnen wehrlose, bequeme Werkzeuge, die sie verwendeten, um aus dem Volk so viel Steuern als möglich herauszupressen, ohne dessen Groll auf sich zu ziehen, der sich auf die Juden ablud. Erst in der Neuzeit mit dem Erstarken des industriellen «und kommerziellen Großbürgertums in Westeuropa, besonders in Holland, mit der Entfaltung des überseeischen Kolonialhandels, als sich vor den seefahrenden Nationen die weitesten wirtschaftlichen Horizonte in Amerika und Indien erschlossen, begann für die Juden eine neue Epoche in ihrer Stellung zu den europäischen Völkern. Damals begann eigentlich schon die Bewegung zur Emanzipation der Juden, die formal in der französischen Revolution ihren Abschluß fand, die ja den Sieg des Bürgertums bedeutete. Aber ebenso wie die französische Revolution nur denjenigen Stand staatsrechtlich emanzipierte, der Wirtschaftlich längst emanzipiert war und das Staatsgebäude auf seinen Schultern trug, so kam die Emanzipation der Juden diesen nur in dem Maße zugute, in welchem alle sie betreffenden wirtschaftlichen Probleme längst zu ihren Gunsten gelöst waren und ihrem kulturellen Aufstieg nichts im Wege stand. In allen Ländern, wo dies nicht der Fall war, blieb die rechtliche Emanzipation diu toter Buchstabe. (Schluß folgt.) Mittelalterliches. Der Menschheit Jammer und Elend an einem Orte vereinigt, namenloses, furchtbares und unheilbares Siechtum in einem engen Räume zusammengedrängt, das sieht man im „Elisabeth-Heim für verkrüppelte Kinder" in Maria Lanzendorf, und es ist ein Anblick, wie ihn grauenvoller auch kein Dante hätte schildern können: Menschenkinder, die besser nie geboren wären; denn manche von ihnen zählen zwölf und mehr Jahre und sehen aus, wie wenn sie kaum das vierte Lebensjahr erreicht hätten; Füße wie Zündhölzchen so dünn, Arme, unbrauchbar für irgendeine Arbeit, ein unförmig großer Kopf, den der kleine Rumpf kaum zu tragen imstande ist, so sehen sie aus, die Kinder von Maria Lanzendorf: verbogen, verkrüppelt und verkrümmt, wahrhafte Karikaturen menschlicher Wesen. Und unter dieseti Kindern befinden sich auch jüdische Kinder, ebenso wie sich im Kuratorium und unter den Erhaltern des Heimes viele menschenfreundliche Glaubensgenossen befinden. Die Obsorge für die armen verkrüppelten Kinder aber ist den Klosterschwestern von Maria Lanzendorf anvertraut. In diesem Heime herrschen nun Zustände, welchen die Oeffentlichkeit, und besonders die jüdische Oeffentlichkeit, die größte Aufmerksamkeit zuwenden mußte. Drei von den vier jüdischen Kindern, welche im Elisabeth- Heim untergebracht sind, wurden getauft, das vierte soll nach Vollendung seines 14. Lebensjahres getauft werden. Besonders krass ist der Fall des 14jährigen vollständig gelähmten Jakob K 1 e i n m a n n, der sich nur mühselig auf einem kleinen Handwägelchen vorwärts schieben kann. Jakob Kleinmann wurde mit sieben Jahren von seiner Mutter nach Wien gebracht, damit seine kranken Beinchen geheilt werden. Er wurde in verschiedenen Spitälern erfolglos behandelt und kam schließlich in das Elisabeth-Heim, da es für schwere und — wie man leider annehmen muß — hoffnungslose Fälle von kindlicher Krüppelhaftigkeit keine andere Unterbringungsmöglichkeit gibt. Die Wiener israelitische Kultusgemeinde zahlte die Unterhaltskosten für den kleinen Jungen, da die Mutter, eine arme Witwe namens Schewa Kleinmann, dieselben nicht bestreiten kann. Sie wohnt in Sanatow bei Katnenec, einem kleinen russischen Städtchen, und wurde von einem Freunde der Familie, einen Herrn Salomon Kupfermann, der sich um den Jungen kümmerte, über das Schicksal ihres heißgeliebten Kindes ständig auf dem Laufenden erhalten. Herr Kupfermann brachte dem Kinde, das aus streng religiösem Hause stammt, über den Wunsch der Mutter ein Gebetbuch und alljährlich zu Pessach Mazzoth. Er konnte feststellen, daß der kleine Junge an seinem Judentum ebenso fest hing wie an seinen Angehörigen, insbesondere an seiner Mutter, von der er immerfort sprach. Ja er freute sich sogar schon auf seine Barmizwah, zu welcher er gerne vorbereitet werden wollte. Als aber ein jüdischer Religionslehrer, der von Herrn Kupfermann mit der Unterweisung des Jungen betraut worden war, das Heim betreten wollte, wurde ihm der Eintritt verwehrt. „In dieses Haus darf kein jüdischer Religionslehrer kommen" bedeutete man ihm mit größter Entschiedenheit. Nichtsdestoweniger hatte der kleine Jakob eingedenk des Wunsches seiner Mutter am Versöhnungstage gefastet, ein Zeichen, daß er zu dieser Zeit noch am Judentum festhielt. Als nun anläßlich der jüngsten Osterfeiertage Herr Kupfermann wieder nach Maria Lanzendorf kam, um seinem Schützling Mazzoth zu bringen, war der Kleine wortkarg und verlegen, wagte aber nicht, seinem väterlichen Freunde von dem Mitteilung zu machen, was sich inzwischen ereignet hatte. Und in der Zwischenzeit hatte sich so manches ereignet. Jakob Kleinmann war kein Jude mehr. Die Klosterschwestern hatten die Seele des armen krüppei-

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