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Die Wahrheit · 1926-06-25 · Heft 27 (25.6.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 27 (25.6.1926)
Date
1926-06-25
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAfiRMT Nr. 27 zwar in einer Schrift: „Der Staat als Uebermensch, eine Abrechnung mit Kelsens Staatslehre". Im Vorworte dieser Schrift wird der völkischen Studentenschaft bereits ausgiebiges „Material" geliefert: „Was Kelsen lehrt, sind furchtbare Lehren, .die geeignet sind, jegliche Achtung vor Recht und Staat zu untergraben". Gemeint ist offenbar jene Achtung, welche die völkischen Studenten in so ausgiebigem Maße besitzen, daß sie die Grundgesetze des Staates, in welchem die Gleichheit aller Staatsbürger ausgesprochen ist, täglich und stündlich übertreten. Nachdem; nun Hold die Parole ausgegeben hatte, hat nun die Hetze gegen Kelsen in solcher Form eingesetzt, daß sich sogar das Professorenkollegium der juristischen Fakultät veranlaßt ge- 0 sehen hat Professor Kelsen das Vertrauen auszusprechen und die unwissenschaftliche Art, mit der Kelsen bekämpft wird, zu verurteilen. Vier Professoren, und zwar ' die Herren G1 e i s p a c h S c h ö n b a tu e r, Schwind und Spann, haben sich jedoch geweigert, die Vertrauenskundgeibung zu unterschreiben. Das alles sind nur Streiflichter, einzelne Details, welche zeigen sollen, daß bei uns in Oesterreich der Hochschulkampf mit der gleichen Entschiedenheit und ähnlichen Mitteln geführt wird, wie im Reiche, was bei der engen Verbindung zwischen den österreichischen und reichsdeutschen hakenkreuzlerischen Stuldentenorganisationen selbstverständlich ist. Aber täuschen wir uns nicht darüber: Nicht die „J u d e n f r a g e" ist es, die das eigentliche Objekt des Kampfes darstellt, mögen auch die Drahtzieher der völkischen Bewegung die ihr ergebene Studentenschaft geflissentlich in antisemitischem Sinne orientieren. Hinter den antisemitischem Hochschulsturm lauert die Reaktion, lauern die Feinde eines republikanischen, freien und demokratischen Deutschland auf die Gelegenheit, sich wieder in den Besitz der Macht zu setzen. Darum vorwärts Studenten, haut's die Juden nieder! Bei dieser Gelegenheit könnt ihr dann auch die junge Freiheit erschlagen! _ Der wirtschaftliche Kern der Judenfrage. Von Binjamin Segel. Es ist die Gewohnheit der Menschen, ihre natürlichen, realen, alltäglichen Bedürfnisse und Nöten in hochtönende, idealistische Phrasen zu kleiden. Theologen und Philosophen mögen darin einen Beweis erblicken, daß der Mensch sich seiner Niedrigkeit schäme und zum Höheren emporstrebe. Tatsache ist daß diese unbewußte, in der Menschennatur steckende Heuchelei das Verständnis der historischen Vorgänge wesentlich erschwert indem sie über die wahren Motive der Handlungen und Stimmungen täuscht. Das konnte man am besten in diesem wüsten Weltkriege beobachten. Wenn man die Kriegsreden und begeisterten Kundgebungen las, mußte man glauben, daß es sich hier um einen Riesenkampf für die idealsten, Heiligsten Güter handelte, um einen Kampf der Weltanschauungen, der ethischen Prinzipien, um einen Kampf der Kulturen und der Kunstformen, ja nur um einen Kampf der--Volkslieder. Sollen auf diesem oder jenem Fleckchen Erde in Europa deutsche oder slawische oder romanische Lieder aius dem Munde des Volkes ertönen? Darauf komme es an. Und merkwürdigerweise redeten sich die Völker das ein und glaubten auch daran, ohne sich zu fragen, wozu denn um ideale Güter mit solch derb-realen Mitteln wie Kanonenkugeln, Dynamitbomben und Giftgasen gekämpft werden müsse, wozu man Weltanschauungen mit Muskelkraft einbläiuen solle, anstatt sie durch Lehre und persönliches Leben zu verbreiten. Aber so oft in diesem Kriege von den Bedingungen eines möglichen Friedens die Rede war. trat die wahre Natur des Kampfes zutage. Da verlangte man nicht etwa, daß die Ententevölker Goethe bewundern, an ihren Universitäten Lehrstühle für Kantsche Philosophie errichten und sich von der deutschen Musik durchdringen lassen sollten. Anderseits wurde auch von den Deutschen nicht gefordert, daß sie Shakespeare als größten Dramatiker anerkennen, sich in Humes Gedankenwelt vertiefen und Darwin und Spencer in ihre Sprache übersetzen. Alle diese Dinge sind bekanntlich auch ohne Krieg und Politik vor sich gegangen, ohne Mitwirkung jener Massenmörder, die man Feldherrn nennt, und ohne jene Spitzbuben. Fälscher und Betrüger, die das Handwerk der Diplomaten betreiben Als es zum Frieden kam. da entpuppte sich der Idealismus zunächst als Kriegsentschädigung von hundert, zweihundert dreihundert Milliarden in Gold, Gold, Gold. Nie hat sich die gemeine Gier nach Gold in den edelsten Rassen Europas so grell enthüllt wie in diesem Kriege der Weltanschauungen und der höchsten Kulturwerte. Jeder kämpfte für sein Vaterland, begehrte aber das Vaterland des andern. Liebe den Boden deines Nächsten, als gehörte er dir selbst. Siedlungsland brauchen wir für unsere Bauern. Der fremdvölkische Bauer muß sich von seiner Scholle, die er seit Urzeiten bestellt, hinwegheben, um dem meinigen Platz zu machen. Der fremdvölkische Bauer muß auch leben? Erstens sehe ich das nicht ein; zweitens, wenn er leben will, mag er nach Sibirien auswandern oder nach Uganda. Ich werde den jetzt von ihm bestellten Boden in einen Garten Gottes verwandeln, denn ich allein bin die höhere Kultur. Ich brauche Raum,, ich muß mich ausdehnen. Dadurch veredle ich die Gattung Mensch. Patriotismus hieß ins Wirkliche übersetzt: Kohlenbecken, Petroleumquellen, Rohstoff kolonien; die heiligsten Güter der Nation waren Absatzgebiete, vorteilhafte Handelsverträge. Im allgemeünen ist der Eroberungskrieg — und jeder Krieg großer Völker und Staaten ist ein offener oder verhüllter Eroberungskrieg — motiviert durch den nichtswürdigen sadistischen Trieb des Menschen, den Menschen zu quälen, sich an seinem Schmerz zu weiden. Innerhalb des eigenen Volkes oder Sprachstammes kann man dies nur den wirtschaftlich Schwächeren gegenüber tun, hat man aber ein fremdes Volk unterjocht, so darf man auch Gleichgestellte oder gar Höherstehende peinigen, indem man sie zwingt, ihren ererbten Kulturgütern, wie Sprache, Sitte, Einrichtungen, zu entsagen, sie minderen Rechts macht und erniedrigt, indem man sie, die Besiegten, für inferior und unebenbürtig erklärt. Aber hierin liegt noch immer ein gewisser Idealismus (mit umgekehrten Vorzeichen); ein viel

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