Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 27 (25.6.1926)
- Date
- 1926-06-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT denen, wenn möglich, die Republik Schachmatt gesetzt werden soll. Der „Reichswart" fordert daher einen engen Zusammenschluß nicht nur aller arischen Studenten, sondern auch der „deutschfühlend'en" H'ochschiuillehrer auf, „um die ganze H o c h s c h u 1 j u d e nfrage ins Rollen zu bringe n". — Er hält es für unerträglich, daß die akademische Jugend Deutschlands von internationalistischen Juden materialistischer Weltanschauung vergiftet wird". (Soll die akademische Jiuigend etwa von nationalistischen Nichtjuden „idealistischer" Weltanschauung zu monarchisch-reaktionärer Inquisition herangebildet werden?) Der „Reichswart" wünscht ferner, „daß der alte Plan einer Juden st atistik der Hochschulen zur Ausführung gelange". Wie diese Statistik zu machen sei, darüber schreibt er folgendes: „Es handelt sich in der Hauptsache um namentliche Angabe der jüdischenLehr er derbetreffen denHochsch im le, getaufte und im getaufte, und jüdisch verheiratete deutsche Lehrer. Angaben über Alter, Lebensgang, usw., besonders auch über das Lehrfach, über Eigenschaft und Lehrweise, GraJd, der Beliebtheit oder Unbeliebtheit bei den Studenten und — das wäre ebenfalls wichtig — politische Richtung und Betätigung außerhalb der Universität, Einflußbestrebungen des Betreffenden auf das Leben unter den Lehrern, unter den Studenten und in der Bürgerschaft. Es versteht sich von selbst, daß die Namen der Einsender solcher Angaben unbedingt geheim gehalten würden." Selbstverständlich! . . . Es ist klar, daß die Vorgänge an den Hochschulen im Reiche auch an den Österreichizu tun, was man als böse bezeichnet, so strömen sie eilends und in Massen herbei. Wer Liebe predigt, hat leere Bänke, die Prediger des Hasses, der Unduldsamkeit und Rachsucht haben volle Häuser, ein dichtgedrängtes, Kopf an Kopf stehendes Auditorium. Es ist so: zum Bösen laufen die Menschen, zum Guten müssen sie getrieben werden. Wohl um solcher, scheinbar berechtigter, schwarzseherischer Ansicht entgegenzutreten, haben unsere Alten zum Schlüsse ihrer Aufzählung eine beruhigende Versicherung niedergeschrieben: Die Arbeit, die sich Abraham im Dienste Gottes machte, sein Reittier zu satteln, tritt an die Stelle jener, die sich später Bileam im Dienste seiner fluchbringenden Sendung machte — und die Mühe, die Josef hatte, seinen Vater zu ehren, tritt an die Stelle jener, die sich Pharao machte, Israel zu verfolgen. Vielleicht hat dieser Gedankengang den Antrag im Talmud gezeitigt, daß man von Rechts wegen den Abschnitt von Bileam täglich lesen solle. Es ist doch nicht so schlimm um die Welt und Menschheit bestellt. Die Sklaven der Leidenschaft, die sich eifrig und rücksichtslos dem Dienste des Schlechten zur Verfügung stellen, finden noch immer ein Gegengewicht an denen, die leidenschaftlich, eifrig und rücksichtslos für das Gute eintreten. Mögen immerhin Zeiten sein, in denen Pharao und Bileam ihren Eifer zum Schaden entwickeln, es sind noch Restbestände früherer, besserer Zeiten, wie Abraham und Josef vorhanden, deren Wert und Einfluß eine ausgleichende Macht haben. Das Leben ist durchsetzt vom Eifer gärender Leidenschaften, die Altes stürzen, Neues schaffen wollen ohne Rücksicht darauf, ob sie Segen oder Fluch bringen. Die Freude Pharaos und Bileams erfüllt sie, andere zu Sklaven ihres Willens oder zum Fluche ihres Wortes zu zwingen, aber es ist dafür gesorgt, daß "ihr Eifer und ihre Freude stark gedämpft werden, ehe sie das Ziel erreichen. Die Räder fielen von dem Kriegswagen Pharaos ab und er konnte nur mühselig fahren und den Fluch Bileams wandelte Gott in Segen. Sie, die Sklaven der Leidenschaft im Schlechten, kamen beide nicht ans Ziel. So seltsam es klingt: Die Sklaven der Leidenschaft im Guten haben das Ziel erericht! K. sehen Hochschulen ihr Echo finden. Ist docii an ihnen die Gefahr einer „V e r j u d u n g" eine nicht minder große, wenn nicht größere. Zwar werden schon seit Jahren fast keine jüdischen Assistenten mehr angestellt, zwar ist es jüdischen Habilitationswerbern selbst auf Grund noch so hervorragender wissenschaftlicher Leistungen nahezu unmöglich geworden, eine Dozentur zu erhalten, zwar sind in der letzten Zeit keine Ernennungen jüdischer Professoren, keine Berufungen jüdischer Gelehrter erfolgt, trotz alledem ist, wie die Hakenkreuzpresse Tag für Tag schreibt, „die jüdische Gefahr nicht geschwunden". Was verschlägt es, daß die Wände unserer Hochschulen mit antisemitischen Aufrufen austapeziert sind, daß sich in den Anschlagkästen ein wilder Judenhaß austobt, daß sich (man durchschreite nur die Gänge des Juristentraktes der Wiener Universität!) Hakenkreuz an Hakenkreuz reiht, daß eine nur eine Minderheit von Hochschülern vertretende völkisch-antisemitische Clique, die sich den Titel „Deutsche Studentenschaft" arrogiert hat, als offizielle Vertretung der Hochschüler von den Hochschillbehörden anerkannt wird — „die jüdische Gefahr muß endgültig gebannt werden". Jene „jüdische Gefahr", die in den Köpfen der Hakenkreuzstudenten herumspuikt und, ohne tatsächlich zu existieren, in ihren Gehirnen die ärgsten Verheerungen angerichtet hat. Ueberall und bei jeder Gelegenheit wird dieselbe gewittert, einfache, aber gediegene Fachgelehrte, die bisher in Keiner Weise in die Oeffentlichkeit hervorgetreten sind, werden, wenn es sich um die Erlangung einer akademischen Würde handelt, einer eingehenden Untersuchung ihres Stammbaumes unterworfen. Entspricht diese nicht vollkommen den völkischen Anforderungen, dann wird ein wüstes Hetzgeschrei erhoben, dann regnet es förmlich Proteste und Resolutionen, wie zum Beispiel die folgende, welche die „Deutsche Studentenschaft" anläßlich der letzten Dekanswahlen an der Wiener Universität gefaßt hat: „Die deutsche Studentenschaft steht fest, daß sie es nach wie vor als ihre vaterländische und völkische Pflicht betrachtet, dagegen anzukämpfen, daß Juden — also Nichtdeutsche — Amtswalter an einer deutschen Kulturstätte werden. Die Vertretung Deutscher kann auf Grund des Selbstbestimmungsrechtes des deutschen Volkes nur durch Deutsche erfolgen. Die Wahl jüdischer Amtswalter widerspricht dem gesetzlich festgelegten deutschen Charakter unserer Hochschule." Wozu der Lärm? Es soll die Wahl des Professors Hupka zum Dekan der juristischen Fakultät auf diese, allerdings im' HochschuTstatut nicht vorgesehene Weise hintertrieben werden, nachdem bereits Professor Kelsen seine Wahl dankend abgelehnt hatte. Dieser Gelehrte von Weltruf, der Schöpfer der „reinen Rechtslehre", ist den Hakenkreuzlern wegen seiner jüdischen Abstammung aund demokratischen Gesinnung schon längst ein Dorn im Auge und so wünschten sie nichts sehnlicher, als daß mit ihm endlich einmal „abgerechnet" werde. Diese „Abrechnung" hat nun ein wegen seiner völkischen Gesinnung bekannter „Völkerreehtslehrer"(!) Professor Dr. Hold, vollzogen, und