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Die Wahrheit · 1926-06-25 · Heft 27 (25.6.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 27 (25.6.1926)
Date
1926-06-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 ^__DIE WAHRHEIT_______Nr. 27 Der Fall Lessing ist eben nur ein Anlaß! „Begnügen wir uns festzustellen", schreibt der „Reichswart" in dem angeführten Artikel, „daß der Hochschullehrer Lessing ein Jude ist, der uns aus seiner internationalen pazifistischen Gesinnung (welch furchtbares Verbrechen!) ebensowenig ein Hehl gemacht hat, (was sagt der „Reichswart" aber zu einem gewissen Immanuel Kant, ehemals Professor der Philosophie an der Universität Königsberg, der sich erdreistet hat, ein Werk „Zum ewigen Frieden" zu schreiben?) wie aus seinem giftigen Haß gegen alles, was deutsch ist". Wenn sich die Herren, welche der „Reichswart" vertritt, als die Vertreter des Deiu/tschtuirns ansehen, dann wäre der Haß nicht ganz unberechtigt. Denn sie sind es, die sich der friedlichen, fortschrittlichen und freiheitlichen Entwicklung des (Deutschen Volkes immer wieder entgegenstellen. Diese Entwicklung wollen nun die reaktionären Kreise dadurch hemmen, daß sie alles Fortschrittliche, Freiheitliche und Pazifistische als „jüdisch", als dem deutschen Wesen zuwiderlaufend diskreditieren. „Das jüdische Ziel ist", schreibt der „Reichswart" daher folgerichtig, „den deutschen Hochschulen den jüdischen Stempel aufzudrücken, sie zu beherrschen und möglichst ganz mit jüdischem (soll heißen demokratischem, pazifistischem oder republikanischem!) Geiste zu vergiften, jedenfalls mit, dem jüdischen Willen zu durchdringen". Man könnte sich wundern, daß sich der „Reichswart" nicht vor sich selbst schämt, indem er so schreibt. Erkennt er denn nicht, welches Armutszeugnis er dem deutschen Volke ausstellt, wenn er seine geistige und moralische Widerstandskraft so gering einschätzt, daß es sich von einer verschwindenden Minderzahl von „volks- und rassefremden" Menschen „vergiften" lassen könnte, ahnt er denn nicht, wie sehr er das Prestige der deutschen Hochschulen, deren wissenschaftlicher Ruf trotz alledem unerschüttert ist, vor aller Welt herabsetzt, wenn er davon spricht, daß die wenigen jüdischen Professoren ihnen den „jüdischen Stempel" aufdrücken? Wenn er darunter den Stempel der Vorurteilslosigkeit und Unvoreingenommenheit und unter „jüdischem Geist" den Geist der freien Lehre und der freien unbeeinflußten Forschung versteht, dann muß man sagen, solange dieser Stempel den deutschen Hochschulen aufgedrückt ist, braucht einem um das Schicksal der Wissenschaft und geistigen Kultur Deutschlands nicht bange zu sein! Gibt es eine jüdische und eine arische Mathematik? Sind die Gesetze der Physik irgendwie dadurch unterschieden, daß sie von einem jüdischen oder arischen Universitätsprofessor gelehrt werden? Sind die Seruminjektionen jüdischer Kliniker weniger wirksam als die ihrer arischen Kolleigen?- Gibt es eine arische Heilmethode für Diphteritis oder irgendeine andere von den vielen (Krankheiten, welche die Menschheit ohne Unterschied von Konfession und Abstammung heimsuchen? Ist es nicht eine Sünde wider den Qeiist der Wissenschaft, wienn die Leistungen von Gelehrten nicht an ihrem Inhalte, sondern nach der Abstammung ihrer Schöpfer beurteilt werden? Solche von echt jüdischem Zersetzungstrieb diktierte Fragen weist der „R e i chsw a r t" weit von sich weg. Was kümmert ihn Lehre, Wissenschaft und Forschung, was kümmert ihn der Geist, der an den Hochschulen herrscht, für ihn sind die Hochschulen nur Steine auf dem! Schachbrett der Politik, und zwar sehr wichtige Steine, mit HÜll Feuilleton \wm s Sklaven der Leidenschaft. Bileam machte sich des Morgen auf und sattelte seine Eselin und ging mit den Fürsten Moabs. IV, 22, 21 Unsere Alten zählen vier Fälle auf, in denen Männer von Rang und Stand mit Freude gerne selbst eine Arbeit verrichteten, die sie sonst ihren Dienern überließen. Als Abraham seinen Sohn Isak auf göttliches Geheiß opfern sollte, da „stand Abraham zeitlich auf und sattelte seinen Esel", wie die heilige Schrift vermerkt. Er, der ausreichend Dienerschaft hatte, besorgte diese Arbeit selbst. Es geschah: Gott zu Ehren. Als Josef seinem alten Vater Jakob entgegeneilte, um ihn nach Gosen in die neue Heimat zu führen, da spannte Josef seinen Wagen an. Der Sohn vergaß in diesem Augenblick seine hohe Stellung und die Rücksichten auf sie, verrichtete selbst eine Arbeit, für die ein Wort, ein Wink an seine Diener genügt hätte und sie wäre geschehen. Er tat es: seinem Vater zu Ehren. — Als Pharao, der König von Aegypten, Israel nachsetzte, um die Ausziehenden zurückzuholen und nötigenfalls mit Waffengewalt wieder in die Knechtschaft zu zwingen, spannte er selbst seinen Kriegswagen an und tat es, wie die Alten sagen, mit Freude. Als schließlich Bileam, der heidnische Zauberer, gedungen von dem Könige von Moab, aufbrach, um Israel zu verfluchen, stand auch er zeitlich auf und sattelte seine Eselin. Auch er tat es mit Freude. „Liebe und Haß" überschreiten die Grenze", sagt der Talmud. Diese beiden Leidenschaften sind so stark im Menschen, daß sie Rücksichten und Zurückhaltung, die sich ein Mann von Stellung und Bildung, Rang und Ansehen auferlegen müßte, wie hier so oft im Leben vergessen lassen. Die Liebe kennt kein Gebot und ebensowenig der Haß. Abraham, der von Liebe zu Gott, von dem Wunsche, Gott zu dienen erfüllt ist: Josef, der die große, brennende Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit dem greisen Vater im Herzen trägt — sie vergessen, vom Gefühl übermannt, die Mitwelt und was man ihr schuldig ist. Pharao und Bileam beherrscht der Haß gegen Israel; sie tiaben nur ein Ziel vor Augen, ihm zu schaden, und werden Sklaven, botmäßige Diener dieser ihrer übermächtigen Leidenschaft, ohne Rücksicht auf ihren sonstigen Stolz und ihre bevorzugte Stellung. Alle vier aber — das wird von unseren Alten betont — handelten aus Freude. Ja, was man gerne tut, tut man schnell, und die Freude an der Arbeit macht flinke Hände. Leider aber ist die Freude ein Doppelwesen, das einmal erscheint als der Engel des Guten, das anderemal die Gestalt des Verführers Satan annimmt. Denn es gibt eine Freude am Guten und eine Freude am Schlechten. „Trügerisch ist das Herz, mehr als alles", sagt der Prophet und er hat recht, denn in dem Menschenherzen thront ein gottbegnadeter Sendbote des Himmels, die Freude am Guten, oder haust ein Tyrann, entsprungen der Hölle, die Freude am Schlechten. „Ihre Füße laufen zum Bösen", sagt der weise Salomo und kennzeichnet damit den Eifer der Frevler, mit dem sie ihre schlechten, verderblichen Werke ausführen. „Die Frommen eilen zum guten Werke", sagt der Talmud und kennzeichnet die Guten, die rücksichtslos das gute Ziel als erste erreichen wollen. Gegensätze berühren sich und auch die Freude am Guten berührt sich mit der am Schlechten in dem Eifer, der Eilfertigkeit, mit der sie ihren Aufgaben obliegen. Betrachtet man aber die Menschen und das Leben, so könnte man leicht zu dem traurigen Ergebnis gelangen, daß hinsichtlich des Effektes, der tatsächlich erreichten Erfolge die Freude am Schlechten, der Eifer für das Böse numerisch stärker, wirksamer dasteht. Mit einer gewissen Bitterkeit wird mancher beipflichten, daß die Fälle Bileam und Pharao sich leichter, öfter, einstellen als die Abraham und Josef. Handelt es sich darum, für eine gute Sache, einen edlen Zweck, rasch und energisch einzutreten, so werden die Pferde nicht so rasch gesattelt, sind die Früaufsteher kaum zu finden und die, die selbst Hand anlegen, so rar wie schwarze Perlen. Ruft man aber die Menschen auf, Gsetze zu übertreten, Gehorsam zu verweigern, Leidenschaften zu frönen, kurz das

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