Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 26 (18.6.1926)
- Date
- 1926-06-18
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT schürterlichen Gesundheit erfreute, litt seit Weihnachten des verflossenen Jahres an den Folgen eines Ueberfalles, der auf ihn von Hakenkreuzlern gemacht wurde. Am Weihnachtsabend kam es auf dem Kurfürstendamm vor dem antisemitischen Vereinshause „Wilhelmina" zu schweren antisemitischen Ausschreitungen gegen jüdische Passanten, in deren Verlauf der ..Rittergutsbesitzer" Baron von Engelhardt mit den Worten: „Schlagt den Juden tot!" auf den 74jährigen Greis so lange einhieb, bis derselbe blutüberströmt und schwer verwundet auf der Straße liegen blieb. Den direkten und indirekten Folgen der erlittenen Verletzungen ist Prof. Itelsohn nun erlegen. Mit ihm scheidet ein Gelehrter von umfassendem allgemeinen und jüdischen Wissen aus einer Welt, in der brutale Gewalt mehr gilt als Geist und Gelehrsamkeit. Prof. Itelsolm wurde im Jahre 1852 in Schitomir geboren und in traditionellem jüdischen Sinne erzogen. Nachdem er sich große talmudische Kenntnisse angeeignet hatte, besuchte er das Rabbinerseminar in seiner Heimatgemeinde. Bei großer Frömmigkeit und großem Verständnis für die jüdische Wissenschaft fühlte er sich doch mehr zu den Naturwissenschaften hingezogen. Fr bezog daher die Universität in Petersburg, woselbst er sich als Schüler der um diese Zeit dort lehrenden bedeutenden Mathematiker und Physiker in diesen Disziplinen ausbildete und eine anerkannte Autorität in seinem Fache wurde. Während seiner Petersburger Studienzeit pflegte er persönlichen Verkehr mit den großen russischen Schriftstellern wie Turgenjew. P o 1 o n s k i, Solowjew und Dostojewski, von denen besonders der letztere viel Eindruck auf ihn gemacht zu haben scheint. Denn nach seiner im Jahre 1884 erfolgten Uebersiedlung nach Berlin, woselbst er seither lebte, wandte er sich besonders dem Studium der Philosophie, speziell der jüdischen Religionsphilosophie zu. Seine Schriften über Logik und Erkenntnistheorie werden fast in allen einschlägigen Büchern angeführt. Er verkehrte in Berlin mit zahlreichen hervorragenden Gelehrten und war ein persönlicher Freund von Lazarus, Hermann Cohen und zuletzt von Albert Einstein, dessen Werke er auch ins Russische übersetzte. So starb ein bedeutender jüdischer Gelehrter, ein Philosoph und Mathematiker von anerkanntem Rufe, erschlagen von den verbrecherischen Werkzeugen blinden Hasses und einer grenzenlosen Brutalität. Ein Judenschicksal! Verständnis für jüdisches Wesen in nichtjüdischen Kreisen zu verbreiten, Aufklärung über jüdische Sitten und Gebräuche, jüdisches Denken und Fühlen zu schaffen, ist eine umso dringendere Pflicht, als Judenfeinde in allen Ländern am Werke sind, um das Judentum in falschem Lichte darzustellen, zu verleumden und herabzusetzen. Doch mit aufklärenden Schriften allein dürfte dieses Ziel, Verständnis für das Judentum zu verbreiten, nicht zu erreichen sein. Deshalb ist der Weg, den die kluge und gebildete Gattin des Kölner Oberrabbiners Dr. K o b e r. Frau Klara K o b e r, beschritten hat, besonders zur Nachahmung zu empfehlen. Genannte Dame ließ es sich angelegen sein, Nichtjuden mit den Formen des jüdischen Rituels bekanntzumachen und vernnstaltete zu diesem Zwecke Führungen in jüdischen Gotteshäusern. Die zweite Führung von Hörern der Kölner Volkshochschule, die kürzlich stattfand, war noch r^ger besucht.?ls die erste. Mit großem Interesse lauschten die Teilnehmer den Erklärungen über den jüdischen Kultus, die soziale und ethische Bedeutung des Sabbats und der Erläuterung der Sabbatgebete. Die Synagoge, die Thorarollen und Kultusgegenstände, die zum Teil auch durch die Jahrtausend-Ausstellung bekannt waren, erregten Bewunderung. Rabbiner Dr. Kober ließ es sich nicht nehmen, die Erschienenen zu begrüßen. Nach der Führung nahmen alle, Männer und Frauen.?n dem Freitagabendgottes-, d 5 c n s t teil. Das einmal entfache Interesse in den nichtiüdischen Kreisen ist so groß daß auf allgemeinen Wunsch Frau Cnro an einem Sonderabend in der Volkshochschule über: ..Die Lehren, das Zeremoniell und die Feste des Judentums" referiereu so!!. Diese Führungen mit dem sich daran anschließenden Sonder-Vortragsabend. der auch der Beantwortung aller Fragen dienen soll, dürften zu einer ständigen Einrichtung der Volkshochschule werden. Die Brechung der jüdischen Zinsknechtschaft ist einer der wichtigsten Programmpunkte der Nationalsozialisten. Wie »-■teilt sich nun der Erzantisemit und Hakenkreuzler Hans Kipper. der Herausgeber des in Graz erscheinenden ,.M i c h e 1". die Brechung der jüdischen Zinsknechtschaft, unter der bekanntlich das arische Volk schmach-. tet, eigentlich vor? Verba docent, exempla trahunt, sagt der Lateiner: Worte belehren bloß, aber Beispiele reissen mit sich fort. In diesem Sinne hat auch Herr Kipper, der in seinem früheren Leben bereits Holzhändler, Kaufmann und Besitzer einer „arischen Bankstelle" war, es vorgezogen, seine Anhänger nicht bloß theoretisch zu belehren, sondern ihnen mit gutem Beispiel voranzugehen. Er nahm Geld zu 50 Prozent jährlicher Verzinsung von seinen Gläubigern entgegen und verlieh dasselbe zu 120 Prozent weiter, wobei er sich dje Zinsen gleich im Voraus abzog. Als er in den letzten Jahren von seinen Gläubigern, unter denen sich auch einige Juden befanden, mit Pfändungsversuchen verfolgt wurde, sicherte er sich gegen die Verfolgungen, indem er seine Frau als Eigentümerin seines ganzen beweglichen und unbeweglichen Vermögens erklärte. Bei dem Versuch, sein Postscheckkonto zu pfänden, stellte sich heraus, daß über Nacht der Inhaber Hans Kipper zu einem Heinrich Kipper (seinem Bruder) geworden war. Da ist also das ganze Rezept, nach welchem die drückende Zinsknechtschaft der Juden am besten gebrochen werden kann: Man borge sich von ihnen Geld aus, gebe dasselbe nicht zurück und entziehe sich dann auf dem von Hans Kipper gezeigten Wege der Exekution. Im Mittelalter hatte man allerdings ein viel einfacheres Verfahren eingeschlagen: Man hat die Juden, wenn man das ihnen schuldige Geld nicht zurückzahlen konnte, ausgetrieben oder totgeschlagen, ein Zustand, der für arische Zinsknechtschaftsbrecher ein unerreichbares Ideal darstellt. Den jüdisch-arabischen Ausgleich in Palästina behandelt Generalmajor Dr. h. c. Freiherr von Schönaich in einem unter der Ueberschrift „Die Rassenfrage in Palästina" in der „V o s s i s c h e n Zeitung" erschienenen eingehenden Aufsatz, durch den sich der bekannte deutsche Politiker auch als ausgezeichneter Kenner der palästinensischen Verhältnisse entpuppt Freiherr von Schönaich führt unter anderem aus, daß die Frage, ob ein friedliches Nebeneinanderleben der Rassen innerhalb des heutigen Palästina möglich sei, über dem Zukunftsschicksal des Landes steht. Die erste Frage, die heute niemand beantworten kann, ist die, ob das kleine Palästina^ noch für lange Zeit ein in sich abgeschlossenes Wirtschaftsgebiet bleiben soll. Der Unsinn, daß durch die Friedensverträge natürlich zusammengehörige Gebiete künstlich zerrissen worden sind, wird und muß erkannt werden, und dann wird die Frage, ob eine Synthese zwischen Juden und Arabern möglich ist, über die politischen Grenzen hinaus auch für Syrien und Transjordanien an Bedeutung gewinnen. Zunächst aber muß die Frage auf das Palästina, wie es heute ist, beschränkt bleiben. Baron v. Schönaich gibt die Gedankengänge eines antizionistischen Arabers wieder und bemerkt: Die Tatsache, daß die Forderungen der Zionisten anfangs zu hoch gespannt waren, wird heute von den Führern der Bewegung selbst anerkannt. Sie wollen heujte nicht mehr mit dem Kopf durch die Wand, sondern den ehrlichen Ausgleich mit den Arabern, deren Heimatsrechte niemand bestreitet. Der Verfasser widerlegt im einzelnen die Gedankengänge des Arabers und spricht sich zugunsten der Möglichkeit ehrlichen Ausgleichs aus. Ehrlicher Ausgleich verträgt nicht, daß der eine Herr sei über den anderen. Mancher wird umlernen müssen. Er fügt aber hinzu, daß diese falsche Herrenmoral ihm bei Templern und Juden nur je ein einziges Mal begegnet ist. Baron v. Schönaich behandelt zum Schluß das religiöse Problem und glaubt auch hier, daß Christen, Juden und Mohammedaner ehrliche Freunde sein können. Judengeld stinkt nicht! Seit einiger Zeit hat auch der kleine Ort Malchow in Mecklenburg sein seit langem heiß ersehntes Kriegerdenkmal. Zum Aufstellen nationalistischer Kriegerdenkmäler gehört bekanntlich Geld, und das besaßen die wackeren Arier zu Malchow i. M. nicht. Da Geld bekanntlich geruchlos ist, wandten sie sich an einen begüterten Juden, dem man klar machte, daß auch Malchow die Opfer des Krieges durch ein Kriegerdenkmal ehren müsse. Der Mann ließ sich denn auch durchaus nicht lumpen. Durch den von ihm gespendeten Betrag wurde den Malchowern die Erfüllung ihres Herzenswunsches ermöglicht. Ihren Dank brachten sie dem hochherzigen Spender durch das Hakenkreuz deutlich zum Ausdruck. Aber den Gipfel der Frechheit erklommen die „arischen" Schnorrer, indem sie auf die erstaunte Frage des Spenders, warum man ein Zeichen des Hasses auf ein Mal setze, das vereinbarungsgemäß ein Dankbarkeitsbeweds für die Kriegsopfer sein sollte, erwiderten: Die Mitwirkung des Spenders in dieser Sache habe sich lediglich auf die Hergabe der Mittel für die Errichtung jenes Denkmals beschränkt.