Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-06-18 · Heft 26 (18.6.1926) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 26 (18.6.1926)
Date
1926-06-18
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063997--14647-3082217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

DIE WAHRHEIT Dauerwellen Haarfärben Schönheitspflege Perücken u. Scheiteln erstklassig und zu bürgerlichen Preisen bei S. PESSL Wien I., Kärntnerstr. 28 / Budapest, Vaczl utca 19 Baden, Beethovengasse 2 SEHENSWERTES HAARLASERI wir noch nicht unter allen Völkern zerstreut wohnten, und hat nicht aufgehört lebendig zu sein, als Jahrhunderte nachher die Hoffnung in die Herzen einkehrte, daß die Verstreuten von allen Ecken und Enden der Welt gesammelt und heimgeführt würden. Das „weltbürgerliche Gefühl" der Juden kommt also nicht daher, weil die Angehörigen des jüdischen Volkes mit allen (oder den meisten) Völkern der Welt in nachbarliche Berührung gekommen sind. Es entspringt dem Bewußtsein, daß alle Völker der Erde Glieder einer großen Familie sind, die in gemeinsamer Arbeit ein großes, übernationales Werk zu vollbringen haben: die Erfüllung des göttlichen Willens auf Erden, oder das Reich Gottes, das messianische Zeitalter, wie es in der theologischen Sprache heißt, heraufzuführen. Glieder derselben Familie mögen verschieden geartet sein, sie mögen an geistigem und sittlichem Wert ein verschiedenes Höhenmaß erreichen: in einem Punkte gleichen sie alle einander, nämlich, daß jedes ein Recht zum Dasein hat und keines im besonderen, auch nicht alle vereint, sich dazu hergeben dürfen, einem von ihnen, und sei es das geringste von allen, das Lebenslicht auszublasen. Glieder derselben Familie mögen sich untereinander heftig streiten, sie mögen einander bedrängen, aber am Ende werden sie sich doch versöhnen, wenn sie nur erfüllt sind von der Ehrfurcht vor dem gemeinsamen Ursprung und von dem Willen zur Gerechtigkeit gegeneinander. Goethe und die Mendelssohns. Von Dr. Richard S i l b e r g l e i t, Berlin. Es gibt wohl keine andere Familie in Berlin oder überhaupt in Deutschland und darüber hinaus, als die Familie Mendelssohn in verschiedenen Generationen, mit der der Altmeister Goethe und seine Familienangehörigen andauernd in so innig-sympathischen gegenseitigen Beziehungen gestanden hat. Es ist dies aus verschiedenen Gründen recht bemerkenswert, und es verlohnt sich, an der Hand authentischen Quellenmaterials, zusammenhängend, wenn auch kurz, darüber zu berichten. Goethe und Mendlssohn, diese beiden Namen schon allein, rechtfertigen diesen Bericht. Die erste Beziehung zwischen Goethe und der Familie Mendelssohn reicht auf Abraham Mendelssohn, dem Sohn von Moses Mendelssohn, den Begründer der Berliner Familie Mendelssohn, zurück. Die bekannte, jetzt längst vergessene Dichterin Karschin erzählt zwar, Goethe habe Moses Mendelssohn in Berlin besucht; doch ist ein solcher Besuch historisch nicht verbürgt. Es ist vielmehr nur bei einer von Goethe der Karschin gegenüber geäußerten Absicht geblieben. Abraham Mendelssohn, geboren 1776 und gestorben 1835 in Berlin, war es, der mit seinem älteren Bruder Josef das Bankhaus Mendelssohn & Co. begründete. Er ist der Vater von Felix Mendelssohn-Bartholdy, der 180J? geboren und bereits 1847 gestorben ist. Er ist desgleichen der Vater von Fanny Cäcilie Mendelssohn, die 1805 geboren, wenigen Monate vor Felix gestorben ist und mit dem bekannten Maler Wilhelm Hensel verheiratet war. Sie galt als vortreffliche Klavierspielerin und begabte Komponistin. Verheiratet war Abraham Mendelssohn mit Lea, Tochter des Bankiers Salomon in Berlin. Die Bekanntschaft zwischen Goethe und Abraham Mendelssohn wurde durch Zelter (Karl Friedrich, geboren 1758, gestorben 1832 in Berlin), mit dem Goethe in treuester Freundschaft durch mehr als 30 Jahre verbunden war und mit dem er einen äußerst regen Briefwechsel pflegte, vermittelt. Man hat Zelter spaßhaft, aber zutreffend gekennzeichnet, als „Goethes beglaubigten Botschafter in Berlin". Zelter war als Komponist, Dirigent und Lehrer vielleicht die maßgebendste Persönlichkeit Berlins auf dem musikalischen Gebiete, ferner hat er, was sicherlich schon als beredtes Zeugnis für seine tiefe Verehrung Goethes, aber auch für seine musikalische Fruchtbarkeit spricht, sämtliche Lieder, Balladen und Singspiele Goethes — und das will doch etwas bedeuten — komponiert oder, wie man wenig geschmackvoll sagt, „vertont", von welchen Kompositionen doch nur wenige erhalten sind. Nicht uninteressant ist, daß z. B. unter dem 6. März 1810 Goethe an Zeiter über dessen Komposition der „Johanna Senns" schreibt: „Ich müßte sehr weitläufig sein, wenn ich alles sagen wollte, was mir bei dieser Komposition durch den Sinn gegangen ist. Daß auf einem ganz natürlichen Wege in der Musik der Donner rollen und die Wellen brausen können, versteht sich von selbst. Wie glücklich Sie aber die Negation: kein Damm, kein Feld durch den abgerissenen, unterbrochenen Vortrag ausgedrückt haben, ist wirklich überraschend." Auf Empfehlung Zelters also kam Abraham Mendelssohn im April 1810 zu Goethe nach Weimar und dieser schreibt darüber, daß er ihm gesagt habe, was er, Goethe, ihm, Zelter, gesagt haben würde, und daß „Mendelssohn sehr einsichtig gesprochen und manche Hauptpunkte der Wissenschaften, Kunst und des Lebens im Laufe des Gesprächs zur Rede gebracht habe". Dje. Besuche Abrahams, der öfters nach Paris reiste, wiederholten sich in den folgenden Jahren. Er kam auch mit seiner Frau und seiner Schwester Recha, verehelichten Meier, bis endlich der „Kleine", das Wunderkind Felix, 1821, damals 12 Jahre alt, in Weimar bei Goethe erschien. Jeden Tag mußte er vor Goethe vorspielen; es fanden sich auch die beiden Weimarischen Fürstinnen und der Erbgroßherzog von Sachsen-Weimar ein, und die Gräfin Julie Egloffstein, Hofdame der Großherzogin Luise von Sachsen-Weimar, bekannt als Malerin, zeichnete ihn. Er blieb 14 Tage, wie ein Kind im Hause. Felix selbst schreibt über diesen Besuch an seine Eltern: „Nach Tisch bat sich Fräulein Ulrike (das ist die Schwester der Frau von Goethe, Christiane geborene Wulpius) einen Kuß aus, und ich machte es ebenso. Jeden Morgen erhalte ich vom Autor des Faust und des Werther einen Kuß und jeden Nachmittag vom Vater und Freund Goethe zwei Küsse." Goethe ist über die Abreise von Felix, der nicht nur in seiner Kunst, sondern auch nach seinem Geist und seiner Bildung eine beinahe reife Frucht, wirklich ein Wunderkind, war, sehr niedergeschlagen. Er gibt dieser Empfindung in einem Schreiben an den Vater yom 5. Dezember 1821 deutlichen Ausdruck: „Wenn", so heißt es in diesem Briefe, „der talentvolle, fähige und fertige. Felix mich manchmal beim Nachtisch den Kopf umwenden und nach dem Flügel schauen sähe, so würde er fühlen, wie sehr ich ihm vermisse und welches Vergnügen mir seine Gegenwart gewährte. Denn seit dem Scheiden ist es wieder ganz still und stumm bei mir geworden.--Nehmen Sie meinen aufrichtigen Dank, daß Sie uns das liebe Pfand solange anvertraut haben. Es ist nichts Tröstlicheres in älteren Jahren, als aufkommende Talente zu sehen, die eine weite Lebensstrecke mit bedeutenden Schritten auszufüllen versprechen. Empfehlen Sie mich Ihren werten Hausgenossen, wie es mich immer freuen wird, von dem Wachstum unseres jungen Virtuosen durch den trefflichen Zelter das Beste zu erfahren." Adele Schopenhauer, die Schwester des berühmten Philosophen, war mit ihrer Mutter nach Weimar gekommen und wurde die Freundin Ottiliens von Goethe, der Schwiegertochter des Dichierfürsten. Sie schrieb mehrere Romane, war in der Kunst des Silhouettenausschneidens von besonderer Fertigkeit. Sie sendete an Felix eine Silhouette, ein geniales Steckenpferdchen, und Goethe begleitete diese Sendung mit folgenden Versen:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.