Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 26 (18.6.1926)
- Date
- 1926-06-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 eine bestimmte Höhe der sozialen Entwicklung erreicht" ist, es sei etwas, „das nicht aus der Welt verschwinden wird, solange Nationen mit ihren Besonderheiten von Sprache, Sitten, ökonomischen Interessen bestehen." Das „nationalistische Denken" dagegen „ist nicht naiv, nicht das natürliche Ergebnis der gesellschaftlichen Entwicklung. Es ist die bewußte Uebertreibung des natürlichen Nationalgefühles im Interesse der bestimmten, politischen Zwecke, welche entweder direkt im Widerspruch stehen mit der allgemeinen Entwicklung, oder sie dadurch gefährden, daß sie auf eine ungesunde Verteilung der Säfte des Gesellschaftskörpers hinzielen." Dieses verstiegene nationalistische Denken nennt Bernstein ein Krankheitsprodukt und einen Auswuchs am großen sozialen Körper der Kulturmenschheit. In unserer Zeit hat es die schlimmsten Orgien gefeiert und zum großen Teil den Ausbruch des Weltkrieges mitverschuldet. Und gegen die Juden erhebt Bernstein den Vorwurf, daß sie den Nationalismus nicht nur nicht bekämpft haben, wie es ihre Aufgabe sei, sondern während des Krieges noch gefördert hätten. Damit tut Bernstein namentlich den deutschen Juden gewiß unrecht. — Aus den Reihen der deutschen Juden kamen nur Stimmen zur Verteidigung des Deutschtums gegen die unerhörten Verleumdungen und Beschimpfungen, die nach Kriegsausbruch plötzlich von allen Seiten sich erhoben und die Weltathmosphäre mit Gift erfüllten. Da traten deutsche Juden hervor, zum Protest und zur Zeugenschaft. Damit haben sie friedenstiftend gewirkt und dem Haß gewehrt. Den Haß der Deutschen gegen andere Nationen zu schüren, diese Aufgabe nahmen die antisemitischen und alldeutschen Organe auf sich, die nicht müde wurden, den „ethisch berechtigten Völkerhaß" zu predigen. Kein geistig hervorragender deutscher Jude hat, bei aller Energie in der Verteidigung des Deutschtums, zu solch wilder, durch ihre kalte Vernünftelei um so abstoßender wirkenden Rechtfertigung und Heiligsprechung des Hasses gegen den Feind sich verstiegen, wie es auf der anderen Seite geschehen. Ganz undenkbar ist es, daß eine jüdische Frau solche Töne unbändiger, kalt unversöhnlicher Rachsucht gefunden hätte, wie jene strengfrommen, christichen Damen, die sogar von einem „heiligen1" Haß" redeten. Zur Verleumdung fremder Nationen haben sich jüdische Männer nirgends hergegeben, auch nicht in der größten Hitze des Kampfes für die angegriffene Ehre ihres Vaterlandes. Die „Hymne des Hasses," in der „dem deutschen Volke ewiger Haß gegen England schlechthin gepredigt wurde", hat allerdings ein Dichter jüdischer Abstammung geschrieben. Und jeder wird den schönen Worten Bernsteins zustimmen, daß ihm das „nicht hätte möglich sein können, wenn er einen Begriff davon gehabt hätte, daß dem Abkömmling von Juden in dieser, von nationalem Hader zerrissenen Welt durch die Geschichte seines Volkes eine besondere Mission zugewiesen ist." Dem ist aber entgegenzuhalten, daß Ernst L i s s a u e r mehr dem Zorn als dem Haß poetischen Ausdruck gab und daß er sich nie zu Grausamkeiten verstiegen hat, wie dies die nichtjüdischen Haßpoeten z. B. Alfons Petzold und Heinrich Vierorth getan, wie dies die englischen Haßpoeten rein arischen Blutes getan, von denen einer acht Tage nach Kriegsausbruch in schwungvollen Versen das Ausstechen der Augen und Aufschneiden der Bäuche des Feindes besungen hat. Lissauer hat gerade in jüdischen Kreisen entschiedene Ablehnung gefunden, während von nichtjüdischer Seite sein Haßgesang in Millionen von Exemplaren verbreitet wurde und ein christlicher Geistlicher ihn geradezu heilig gesprochen hat. Das hat natürlich nicht gehindert, daß ein ebenso strengnationalistisches wie christliches Organ, „Die Grenzboten", den Dichter an sein von ihm selbst vergessenes Judentum unsanft erinnerte und darauf eine ganz abstruse Psychologie aufbaute von der besonderen Begabung der Juden zum Haß. Die von Bernstein angeführten Fälle, in denen Juden zum Haß gegen andere Nationen aufreizten, „als wären sie fanatische Rassenpolitiker" oder in dem Bündnis Englands mit Rußland „einen Verrat, nicht an der Sache der Freiheit und des Fortschrittes — nein, an der germanischen Rasse" erblickten, betreffen keineswegs Persönlichkeiten, deren Meinungen für das aufgeklärte deutsche Judentum bezeichnend sind. Es sei übrigens hervorgehoben, daß in allen diesen Beispielen der furor teutonicus sich zuvörderst gegen die „feindlichen Ausländer" jüdischen Glaubens ausgetobt hat. Derartige „Auswüchse des Uebernationalismus" waren übrigens eine Begleiterscheinung jener Raserei, die zu Anfang des Krieges beinahe alle Völker Europas ergriff. Bei den Juden in den Ländern der Gegenseite ist, im Gegenteil zu Bernsteins Ansicht, hierin noch ärger gesündigt worden als in Deutschland. Doch ließen sich von dieser Raserei nur jene Elemente unter den Juden hinreißen, die aus innerer Unsicherheit und Haltlosigkeit sich angetrieben fühlten, in dieser stürmischen Zeit ihren Patriotismuß durch grellen Aufstrich besonders bemerkbar zu machen. Es ist begreiflich, daß auch diese wenigen und verhältnismäßig milden Erscheinungen einen Mann wie Bernstein mit Betrübnis erfüllen. Wie wenig die Juden es übrigens der Welt recht machen können, möge man daraus ersehen, daß während Bernstein ihren Uebernationalismus tadelt, ihnen von der anderen Seite der Vorwurf gemacht ^wird, sie täten hierin viel zu wenig „ihre Pflicht".! Es bewährt sich auch hier die alte Regel: „So oder so, der Jude wird verbrannt." Nun täte der Jude vielleicht am besten, sich zu sagen: wenn ich schon verbrannt werden soll, will ich mich lieber für eine gute als für eine schlechte Sache verbrennen lassen. Gäbe es eine bessere Sache, für die es sich lohnt, sich verbrennen zu lassen, als die jüdische Idee der Völkergerechtigkeit? Es ist nämlich zu weit hergeholt, wenn B e r nstein die Verpflichtung der Juden, Frieden zwischen den Völkern zu vermitteln, daraus herleiten will, daß sie unter allen Völkern zerstreut, keinem von ihnen Sympathien vorenthalten können. Der Gedanke ist freilich hübsch: Wenn ich in mehreren Städten Blutsverwandte wohnen habe, wünsche ich allen diesen Städten das beste Wohlergehen. Allein der Gedanke ist zugleich auch ziemlich engherzig. Der Gedanke der Einheit und tiefen Verwandtschaft des Menschengeschlechtes ist in den edelsten unserer Vorfahren lebendig gewesen, zu einer Zeit, als