Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 26 (18.6.1926)
- Date
- 1926-06-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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ffc.2? __________JMg_WAJjjgH£Ii;__________ _S«to.3 Reihe. Das Primäre und Hauptsächliche ist, daß die Juden die Idee der Gerechtigkeit im Völkerleben, der absoluten Gerechtigkeit als Grundlage des Verkehrs zwischen Volk und Volk den Nationen übermitteln, nicht müde werden, sie der Welt zu verkünden. Und hierin sind die Juden nicht Mittler zwischen den Nationen, sondern Verkünder einer ureigenen Schöpfung ihres Nationalgeistes, oder wie es in theologischer Ausdrucks w eise heißt, einer Offenbarung, die ihnen zuerst geworden ist. Das Wort „Mittler" erinnert unliebsam an „Vermittler" und erweckt die Vorstellung, daß da einer mit fremden Erzeugnissen von Volk zu Volk hausieren geht, in Wirklichkeit jedoch handelt es sich um die Verkündung und Verbreitung eines Grundgedankens der eigentümlichen jüdischen Lehre. Und diese Idee, nämlich die Idee der Völkergerechtigkeit, steht im innigsten Zusammenhange mit der jüdischen Gottesidee, „in der sich alle religiös gesinnten Menschen zusammenfinden können." Man kann es ruhig den Geschichtsphilosophen und Religionspsychologen überlassen, darüber zu streiten, ob die Erkenntnis Gottes den Juden aus der Idee der Weltgerechtigkeit aufgegangen, oder umgekehrt, die Idee der Weltgerechtigkeit uus der Gattesidee geboren wurde. Tatsache ist, daß die Gerechtigkeit nur dann einen Sinn hat, wenn sie als Verwirklichung und Erfüllung eines Weltwillens aufgefaßt wird. Dann ist es aber auch gleichgültig, daß „radikale Denker auch vor der Gottesidee nicht halt gemacht haben." Diese radikalen Denker mögen von reinstem Wahrheitsdrang beseelt und von den edelsten ethischen Motiven geleitet sein; sicher ist eines: wenn es ihnen-gelänge, (was jedoch nach menschlichem Ermessen ausgeschlossen ist) die „Gottesidee" aus dem Bewußtsein der Kulturaber auch Schuldbewußtsein, Reue, Selbstvorwürfe, Einbuße an Selbstachtung u. dgl. Darin liegt das Rechenexempel! Moralischer Schaden, moralischer Gewinn auf d©reinen Seite — realer Gewinn, realer Schaden auf der anderen. Realer Gewinn ist das, was unserem Körper und seinen Bedürfnissen zugute kommt. Er ist greifbar, konkret, ein Wert, der sich in Zahlen ausdrücken, der sich sehen läßt und den man andere sehen lassen kann. Moralischer Gewinn ist das Gegenteil dessen. Wie die Seele nichts Greifbares ist, so ist auch der moralische Gewinn keine Größe, die in die Augen springt, die man sichtbar und auffällig den Menschen präsentieren kann. Realer Gewinn und moralischer Gewinn, bzw. deren Gegenteile stehen aber n i e einander als gleichwertige Größen ■-■egenüber. Wer das nicht beachtet, verfällt in den schlimmsten Rechenfehler' und wer die Rechnung der Welt aufstellen will,' muß diesen Fehler unbedingt vermeiden. Das Gleichgewicht der Welt wird nicht hergestellt, wenn gute und schlechte Taten einander zahlenmäßig gegenübergestellt werden; die Moral ist nicht gerettet, wenn es schließlich und endlich noch ein Plus an guten Taten in der Menschheit gibt: der Wert von Erziehung, Bildung, Bürgertugend und Wohlanständigkeit ist nicht bewiesen, wenn die Zahl der Verbrechen auf ein geringes Maß herabsinkt. Die Rechnung stimmt erst dann, wenn die Ucberzeugung durchdringt, daß der größte reale Gewinn durch eine schlechte Tat nicht den bescheidensten moralischen Schaden, der durch sie entsteht, aufwiegt, und umgekehrt, daD der größte reale Schaden, den eine gute Tat verursacht, nicht annähernd gegenüber ihrem moralischen Nutzen ins Gewicht fällt. Wird diese Anschauung die Grundlage für Weltanschauung, Lebensauffassung und -führung, so wird auch die Rechnung der Welt stimmen. So lange diese Rechnung nicht stimmt, werden die Menschen nicht glücklich sein. Die Gleichung unserer Alten muß man richtig erfassen, für d.en realen Vorteil seinen richtigen Wert und für den moralischen Gewinn die richtige Größe einsetzen. Merkt das, ihr Rechenkünstler der Welt! K. menschheit auszutilgen, und die Ueberzeugung zu vernichten, daß das menschliche und geschichtliche Leben und Weben in einem Ueberweltlichen, Ewigen verankert ist, dann wäre ihre ganze Ethik lezten Endes sinnlos: alle sittliche und Kulturarbeit des Menschengeschlechtes würde sich in einem Streben nach „plattem, materiellem Wohlergehen", nach „bloßem Gelderwerb und persönlichem Wohlbefinden", auflösen, — was gerade Bernstein aus tiefster Seele verabscheut und mit kräftigen Worten als „Bourgeoisiegesinnung" brandmarkt. So betrachtet, erscheint der Beruf der Juden zum „Mittler zwischen den Nationen" nicht als Gegensatz zu der hergebrachten Mission, sondern als deren Fortsetzung und Vollendung. Man darf wohl sagen, daß es der jüdischen Propaganda und Pflege der „reinen Gottesidee" im großen und ganzen nicht übel gelungen ist, ihr zum Siege unter der Kulturmenschheit zu verhelfen, — trotz der „Vermischung der großen, erhabenen Idee eines einzigen, die ganze Welt umfassenden höchsten W'esens mit heidnischen Vorstellungen", was beim Uebergang dieser Idee in die Heidenwelt unvermeidlich war. So dürfen wir mit Zuversicht hoffen, daß die Arbeit im Dienste der Idee der Völkergerechtigkeit mit der Zeit schon ihre Früchte tragen, wenngleich sie vor „heidnischen Vermischungen" kaum zu verhüten sein wird. Man vergesse auch nicht, daß die Mission der Juden im Dienste der „reinen Gottesidee" auch historisch nie von jener im Dienste der Völkergerechtigkeit getrennt wurde. Man denke an das Ideal des Völkerfriedens und der Völker Versöhnung, das Jesaja und Micha aufgestellt haben. Vielleicht noch bezeichnender sind die letzten acht Verse des 19. Kap. des Jesajas, wo das Zukunftsverhältnis zwischen Israel und seinen gefährlichsten Erbfeinden, Aegyptern und Assyrern, ausgemalt wird. Da haben sich die beiden großen, erzheidnischen Nationen zum einigen Gott bekehrt, sie rufen ihn an und er schickt ihnen Vorkämpfer und Erlöser, er züchtigt sie und heilt sie, ganz wie er es mit seinem Volke Israel macht. Von Aegypten führt eine Verkehrsstraße nach Assyrien. Israel ist das Verbindungsglied zwischen beiden zum Segen für die Erde. Und Gott spricht: „Gesegnet sei mein Volk Aegypten, das Werk meiner Hände Assur und mein Erbe Israel." Hier findet der Universalismus den höchsten und verklärtesten Ausdruck, die beiden schlimmsten Bedränger sind ausgesöhnt und in den segensvollen Bund aufgenommen.^Wenn die radikale Bibelkritik recht hätte mit der Hypothese, daß diese Verse in der makkabäischen Zeit des „Spätjudentums" abgefaßt worden seien, so würden sie dem viel verlästerten Spätjudentum das Zeugnis einer GottesL und Weltanschauung ausstellen, wie sie reiner und edler nicht gedacht werden kann). Wrenn sich derart im jüdischen Bewußtsein die Gottesidee mit der Idee der Völkergerechtigkeit und des Völkerfriedens innig verwoben hat, so erscheint die Aufgabe, das Verbindende zwischen den Völkern zu pflegen und das Trennende zu bekämpfen, nur als etwas Abgeleitetes. Das gilt namentlich von der Bekämpfung des Nationalismus. Bernstein unterscheidet sehr fein zwischen dem natürlich-nationalen Empfinden und dem nationalistischen Denken. Ersteres, ein Produkt der Geschichte der Menschheit, stelle sich ein, „sobald