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Die Wahrheit · 1926-06-18 · Heft 26 (18.6.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 26 (18.6.1926)
Date
1926-06-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 26 ben; sie begnügen sich mit ihrem bürgerlichen Beruf, der von Amts wegen genehmigt und von der Steuerbehörde registriert ist, und darüber hinaus tragen sie kein Verlangen. Sie werden in Ehren, grau als „nützliche Mitglieder der Gesellschaft", und wenn sie vom Schauplätze abtreten, betrüben sie keinen Mitbürger, ebensowenig wie sie durch ihr Leben jemanden sonderlieh beglücken. So gibt es auch geschichtslose Völker, die in den blauen Tag hineinleben,'sich in die Händel dieser Welt nur mischen, insofern es gilt, sich das Futter zum Fristen des AHtagsdaseins zu holen. Doch ist das nun einmal nicht allen gegeben; es gibt manche, die an den Dingen dieser Welt noch ein höheres Interesse nehmen und den Menschen etwas zu verkünden haben; sie können es nicht anders, und sie nennen sich darum die auserwählten Völker, eine Bezeichnung, jn der freilich viel Hochmut, aber auch viel Demut liegen kann. Es kommt nur darauf an, wozu man sich für auserwählt hält, was man als seine Mission auf Erden ansieht. Eduard B e r n s t e i n geht nun die verschiedenen Auffassungen von der Mission der Juden durch. Es gab eine Zeit, wo viele Juden die Meinung hegten, es sei der Beruf ihres Volkes, den Nationen der Welt die Pflege des reinen Gottesglaubens zu vermitteln. Freilich war ihnen eine religiöse Propaganda, wie Christen und Mohammedaner sie betrieben, verboten. Darum konnte das Judentum nicht durch Bekehrung zum Glaubenswechsel, sondern nur durch Anstoß zur Glaubensreinigung eine Einwirkung auf die Bekenner der in den zivilisierten Staaten anerkannten Religionen ausüben. Der Jude sah in den Dogmen der christlichen und mohammedanischen Religion Verunreinigungen der großen Idee eines einzigen, die ganze Welt umfassenden Wesens. In dieser Idee konnten sich alle religiös gesinnten Menschen zusammenfinden. „Sein von allen heidnischen Dogmen freier Gottesglaube machte den Juden zum geborenen Mittler in der religiösen Welt . . . Ein bestechender Gedanke, der aber nur in Ausnahmefällen Verwirklichung fand." Denn einerseits verlegte das Judentum durch seine rituelle Abschließung sich selbst die Möglichkeit einer tieferen Beeinflussung der außerjüdischen Welt, anderseits ging die Abschleifung und Abwerfung religiöser Dogmen einen änderen Weg und machte außerdem bei radikalen Denkern auch vor der Gottesideei nicht halt. „Insoferne sind. vor dem Zeitgeist die Juden als religiöse Mittler überflüssig geworden." Dagegen erwachse den Juden jetzt die Aufgabe, „Mittler zwischen den Völkern'.' zu sein, „das zu pflegen, was die Völker verbindet, und dem entgegenzuwirken, was sie trennt und Haß zwischen ihnen säet." Eine hohe, und edle Aufgabe, weiche Bernstein hier den Juden zuweist. Nur ist es ein Irrtum, wenn er meint, daß sie so grundverschieden sei von der vorhergehenden, von ihm als überlebt bezeichneten „Mission der Juden'*, den reinen Gottesglauben den Völkern der Welt zu übermitteln. Im Gegenteil, sie hängt mit ihr aufs innigste zusammen, ja, sie ist nichts als deren* moderne, zeitgemäße Ausgestaltung. Nur hat Bernstein nicht die passende Terminologie gewählt. Es handelt sich hier in erster Reihe nicht darum, daß die Juden zwischen den Nationen vermitteln, indem sie dasjenige pflegen, was sie alle verbindet, und dasjenige bekämpfen, was Haß und Zwietracht zwischen ihnen säet; dieser Teil der Aufgabe kommt erst in zweiter MM Feuilleton '.]•..5« üi: .fi * Iv. f . Rechenkünstler der Welt. Darum sprechen die .Gleichnisdichter: „Kommet nach Cheschbon! gebaut werde und errichtet die Stadt Sithons." IV, 2», i7 A" Im Talmud" deutet R. Samuel b. Nachman im Namen R. Jocbanans das Dichterwort „Kommet nach Cheschbon" in dem Sinne: „Kommet und laßt uns die Rechnung der Welt aufstellen — das Minus durch eine gute Tat gegenüber ihrem Plus, und das Plus der schlechten gegenüber ihrem Minus; tnst du also, so bist du wohl gebaut in dieser Welt und gut gegründet 1ür die zukünftige."' Im den Sprüchen der Väter hat auch Rabbi als;,den rechten Weg" bezeichnet, wenn man den! Verlust, der durch Erfüllung von Pflichten entsteht, dem Gotteslohn, den sie einbringen, und den Gewinn bei ihrer Uebertretung dem entstehenden Verluste solcher Art gegenüberhält. Hört man diesen Grundsatz, sö, könnte es scheinen, als ob das ganze Leben, Diesseits und Jenseits, nichts anderes als ein Rechenexempel wäre und der, der diese Rechenaufgabe am besten löst, den besten Lebensweg gewählt hat. So wenig beliebt die Rechenkunst in der Schule und bei der Jugend Ist, so geschätzt und bewundert ist sie im späteren Leben. Wer also alle Fragen un<f Angelegenheitendes Lebens vom rechnerischen Standpunkte aus^ betrachtet wissen will, wird für seine Lebensanschauung :arri ehesten Freunde gewinnen. Denn* die kaufmännische Behandlung der Tatsachen, das nüchterne Erfassen von Vorteil oder Nachteil, die sichere Bilanz der gesamten .menschlichen Leistung Ist für eine materialistisch eingestellte- Gesellschaft ein i Schlagwort4 vort" faszinierender Kraft. „Zahlen beweisen" — und den Zahlen gegenüber muß jeder Einwand verstummen. Statistiker und Statistik erfreuen sich eines besonderen Kultus und Nimbus, und niemand wagt es, der Zahlensäule statistischer Weisheit die Reverenz zu versagen. Tatsächlich hat sich' die rechnerische Erfassung auf alle Gebiete menschlichen Bereiches erstreckt'. Man berechnet Wolken und Planeten, Höhe und Tiefe, Gesundheit und Krankheit, Arbeit und Besitz, Arbeitslosigkeit und Verbrechen, Sterblichkeit und Teuerung, Weltende und Messias, kurzum: wohin das Auge blickt, stehen Tabellen rechnerischer Kunst zur Verfügung. Nur eines1 gibt es, für! das bis jetzt keine Rechnung gefunden und geglückt ist: das menschliche Glück! Wie viel oder wie wenig braucht der Mensch, um glücklich zu sein? Diese Aufgabe findet sich in keinem Rechehbuche, und kein Rechenkünstler hat siej bisher gelöst. Das klassische Altertum erzählt von Diogenes, der dem König Alexander auf die Frage, was er sich wünsche, antwortete: „Gehe mir ein wenig ausvder Sonne!" Midas, der König von Phrygien, der keine größere Seligkeit als Reichtum kannte und dem seine Bitte, daß sich alles, was er berühre, in Gold verwandle, erfüllt wurde, . ward der Unglücklichste aller Sterblichen. So genügt für den einenV um glücklich zu sein, ein wenig Sohne, während ein anderer bei allem Golde unglücklich ist. Nicht die erfüllten AVünsche machen das Glück aus; es kommt vielmehr darauf an, welcher. Art unsere Wünsche sind und sicher ist richtig, was unsere Alten ^sag'eh, daß niemand stirbt, dem auch nur die Hälfte seiner Wünsche erfüllt worden wäre. So viele Rechnungen über; das Glück schon aufgestellt wurden, so wenige stimmen und bewähren sich. Denn es läßt sich nicht bestreiten; daß in allen ein" Rechenfehler! ist. Das Wort unserer Alten lautet1. „Berechne das Minus durch die gute Tat gegenüber ihrem Plus und das Plusj der schlechten" gegenüber Ihrem Minus]" Jede Handlung ist von einem zweifachen Effekt begleitet Die gute bedingt für ihren Täter einerseits. eine Einbüße' an' Zeit, Kraft,' Vermögen, Ruhe und Bequemlichkeit, bringt aber anderseits Seenscheit Lohn, innere 'Befriedigung; Wohlgefallen und Glücksgefühl. Die schlechte1 wiederum bringt Vorteil, Gewinn, Befriedigung mancher irdischer Wünsche,

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