Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 26 (18.6.1926)
- Date
- 1926-06-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Oesterretelüsche Wochensdulff für fttdlstiie Interessen Mit dem DetMott: veröffenfUdiungen der ..Unten deufschösferreitiiiscfcer Inden" Redaktion und Administration; Wien MM.. MMdncartraCI«? 13. - Pemrut 42-2-16 XLII. Jahrgang Wien, 18. Juni 1926_Nrnnmer 26 Die Mission des Judentums. Von Binjamin Segel. An das Judentum und die Juden sind in dem letzten Jahrzehnt von innen wie von außen bewegende Fragen herangetreten, die an Wesen, Daseinsberechtigung und Lebensaufgaben rühren. Der Gang der Weltbegebenheiten veranlaßte auch Männer, die dem jüdischen Leben fernstehen, sich mit dem „ewigen jüdischen Rätsel" zu befassen. Was ist der Kern der jüdischen Lehre, in der grellen Beleuchtung dieses Weltbrandes gesehen? Welche Stellung nimmt das Judentum zu den Aufgaben, die unsere Zeit und die jetzt angehende Geschichtsepoche den Völkern stellt? Wie ist vom Standpunkte der jüdischen Weltanschauung der Weltkrieg, wie sind die durch ihn heraufbeschworenen Probleme zu beurteilen? Gebietet das Judentum seinen Bekennern, die in seiner Lehre leben, sie bewahren und entwickeln wollen, ein besonderes Verhalten mitten in diesem wilden und wüsten Völkergetümmel? Und während alles, was bisher in der Welt festzustehen schien, ins Wanken gerät, ist es da ein Wunder, daß mancher von uns im tiefsten Herzen die bange Frage vernimmt: hat nicht das Judentum seine Rolle ausgespielt? Ist es nicht vielleicht eine hohle Kugel, die wir durch die Jahrhunderte mit uns fortschleppen? Ein inhaltleeres Gebilde, aus abgelebten Ueberlieferungen und trügerischen Hoffnungen zusammengesetzt, unfähig, auf die brennenden Fragen des stürmischen Lebens Antwort zu geben, als Leitstern auf den verschlungenen Wegen der Wirklichkeit zu dienen? Worin aber beruht die große seelische Macht, die das Judentum auf seine Bekenner ausübt, daß sie ihm doch im großen und ganzen unerschütterlich anhangen und immer wieder zu ihm zurückkehren, trotz der ungeheuren Opfer, die sie dafürjbrjngen müssen, trotz der lockenden Versuchungen zur Abtrünnigkeit, die an sie jeden Tag und jede Stunde herantreten? Man muß es als einen Beweis für die dem Judentum innewohnende unverwüstliche Lebenskraft ansehen, daß seine Gegner sich nicht damit begnügen, ruhig seinen Zerfall abzuwarten, sondern gerade in unserer Zeit mit alten, neuen Mitteln der Verlockung, Ueberredung, Polemik und Herabsetzung ihm zu Leibe zu rücken. Gemeint ist namentlich die Judenmission in ihren verschiedensten Gestaltungen, die schon während des Weltkrieges, besonders aber in der letzten Zeit eine rege Tätigkeit entfaltet, den angeblichen religiösen Aufschwung benutzen will, um einen Abfall in großem Stil unter den Juden herbeizuführen, indem ihnen dargetan wird, daß die lebendigen Quellen unter ihnen versiegt seien und den gesteigerten Durst nach dem Göttlichen im Leben und im Fühlen nicht zu befriedigen vermögen. Nicht alle, die das „Judenproblem" in der letzten Zeit behandelt, haben die Frage „Sein oder Nichtsein" so schroff und klar gestellt.' Aber sie ist das bewegende Motiv auch z. B. der Schrift von Eduard Bernstein „Von den Aufgaben der Juden im Weltkrieg", die nur einen Teil des Problems behandelt. Diese Schrift, die schon im Jahre 1917 (bei Erich Reiß, Berlin) herauskam, ist jetzt aus Anlaß des Jubiläums ihres Verfassers wieder in den Mittelpunkt der Diskussion gerückt und erheischt in der Tat eine eingehende Erörterung, nicht allein wegen der großen Fülle der Ideen, die sie auf kleinem Raum bietet, und der Kühnheit, mit der hier einige der meist umstrittenen Fragen unserer Zeit erfaßt und beantwortet werden. Schon der im Titel der Schrift ausgedrückte Gedanke, daß den Juden als solchen eine besondere Aufgabe obliege, ist merkwürdig. Seitdem die Juden am Anfange des 19. Jahrhunderts über ihre Geschichte und ihr Wesen nach moderner Methode nachzudenken begannen, sprach man immer von einer Mission des Judentums. Seit etwa dreißig Jahren ist dieses Wort in Verruf gekommen und zum Gespött jedes „gebildeten" Spießers geworden. Es roch nach „Theologie". Eine „Mission" wäre ja gewissermaßen ein Auftrag, und ein solcher setzt einen Auftraggeber voraus. „Mission" gründet sich also auf dem Glauben an eine providentielle Leistung der Geschichte, und das widersprach den Geboten der „Aufklärung", in der wir ja alle atmeten. Und nun kommt Eduard Bernstein, den man doch wahrlich keiner Hyperorthodoxie beschuldigen kann, und lehrt, die Juden haben eine besondere Aufgabe in dieser Zeit zu erfüllen; da muß denn doch diese Aufgabe mit ihrer ganzen Stellung in der Geschichte zusammenhängen, sie haben also doch eine Mission. Freilich braucht nicht jedes Volk in der Welt eine Mission zu haben, ebensowenig wie jeder Einzelmensch einer besonderen Aufgabe, dner besonderen Idee zu leben oder ein besonderes Talent zu haben braucht. Aber ebenso wie jeder hervorragende Mensch sich durch eine besondere Eigenart auszeichnet und seine Kraft auf irgendeinem Gebiet betätigt, sein Leben erst dann als wertvoll und inhaltreich betrachtet, wenn es ihm gelungen ist, ein Werk irgendwelcher Art zu schaffen, welches das Gepräge seines Geistes trägt, so ist auch noch kein bedeutenderes Volk über die Erde gegangen, das nicht durch sein Leben und durch seine Taten irgendeinen Gedanken, eine idee, eine Lehre v_erkündet und verwirklicht hat, die dann zum Gemeingut der Kulturmenschheit geworden ist. Das ist seine Mission in der Völkerwelt, die Recntfertigung und Verklärung seines Daseins. Es gibt Einzelmenschen, die nur eine Stunde, eine Gegenwart, aber weder Vergangenheit noch Zukunft ha-