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Die Wahrheit · 1926-06-11 · Heft 25 (11.6.1926) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 25 (11.6.1926)
Date
1926-06-11
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 25 Dffi WAffi&RlT Seite 9 seiner Gemeinde gefährdet wäre, wenn es ihm nicht gelingen sollte, ihr einen Kantor zu beschaffen, da er nur durch einen tüchtigen Kantor die Gemeinde ferner noch zusammenhalten könnte. Die Gemeinden sind bei dem gegenwärigen Notstände eben gezwungen, unzulängliche, für den Beruf überhaupt nicht geeignete, oftmals auch für dieses Amt unwürdige Personen zu berufen, zumal heute noch kein offizieller Befähigungsnachweis von einem stellesuchenden Kantor verlangt wird. Von Wien ging einst die Einführung des „Morenu"- Diploms für die Rabbiner aus. Der Urheber derselben war der, vor etwa 550 Jahren, als Wiener Judenmeister hier amtierende Rabbi Mehr ben Rabbi Baruch Haie vi, der das Rabbinat durch die damaligen trostlosen Zustände in ähnlicher Weise bedroht sah, wie es unter den heutigen Verhältnissen das Kantorat ist. Es ist daher lebhaft zu begrüßen, daß zwei wackere Wiener Kantoren die ungeheuer wichtige und schwierige Aufgabe übernommen haben, in Wien eine mustergültige Kantorenschule, als Fortbildungsanstalt und Hochschule des Kantora^es, zu gründen, in der der Unterricht bereits im Herbste dieses Jahres beginnen wird. Das Programm dieser Anstalt ist das reichhaltigste. Hauptunterrichtsgegenstände sind: Modernes Kantorat, traditionelles Chasonos, moderne Vortragsweise, Liturgie (Hebräisch, Krioh, Pajit, Dinim, Tnach), Stimmbildung, allgemeine Musiklehre usw. Es ist für fremde, der deutschen Sprache nicht mächtige Schüler auch ein Kurs in dieser Sprache in Aussicht genommen. Auch wird daran gedacht, für Schüler, die ins Ausland zu gehen beabsichtigen, einen Kurs zur Erlernung einer Weltsprache abzuhalten. Die Lokalitäten für das Institut sind bereits sichergestellt und eine reichhaltige Fachbibliothek wird angelegt. Den Unterricht in den kantoralen Fächern werden die Oberkantoren Müller und Margulies versehen. Auch für die anderen in Betracht kommenden Unterrichtsfächer wird mit erstklassigen Lehrkräften verhandelt Ueber die angeführten liturgischen Gegenstände, wie auch über die religiöse Lebensweise der Schüler wird das Wiener Rabbinat die Oberaufsicht führen und die Prüfung der Kandidaten findet durch Se. Ehrwürden, Herrn Oberrabbiner Dr. H. P. C h a j e s, statt, so daß die von dieser Schule ausgestellten Reifezeugnisse bei allen jüdischen Gemeinden der Welt autoritative Kraft haben werden. Die Unterrichtsmethode ist individuell gedacht. Dementsprechend werden auch Kurse für Fortgeschrittene eingeführt. Anmeldungen für die „Wiener Kantoren-Schule" können bereits jetzt erfolgen, doch müssen die Schüler sich einer Aufnahmsprüfung unterziehen, die bisherige Führung einer religiösen Lebensweise und entsprechendes, hebräisches Wissen nachweisen. (Siehe Annoncenrubrik dieses Blattes.) Es ist kein Zweifel, daß die große jüdische Oeffentlichkeit dieses Unternehmen, als ein Ereignis von bedeutender kultureller Tragweite, nicht nur auf das wärmste begrüßen, sondern, wie wir fest überzeugt sind, auch tatkräftigst unterstützen wird. Handelt es sich doch darum, das von unseren Ahnen ererbte und seit Jahrhunderten auf das sorgfältigste gepflegte und gehütete Erbgut jüdischer Kultur und Kunst, das soviel zur Hebung des Gottesdienstes und zur Steigerung der Andacht beitrug, zu erhalten. Und gerade Wien — es ist dies eine historische Notwendigkeit — soll seiner Tradition auf diesem Gebiete treu bleiben, zumal keine jüdische Gemeinde Europas so berufen und berechtigt ist, ein solches Institut zu besitzen und aufrechtzuerhalten. Bietet sich doch hier dem Schüler die außergewöhnliche Möglichkeit, neben dem in der Schule genossenen Unterrichte, auch .noch in stattlicher Anzahl Großmeister dieser Kunst in praktischer Ausübung derselben zu hören und zu sehen und dadurch seinen Wissensschatz zu bereichern. Gewiß ist die Aufgabe, die sich die „Wiener Kantoren- Schule" stellt, eine verantwortungsvolle und überaus schwierige; desto schöner und ruhmvoller wird aber auch der Erfolg sein. Durch die Förderung und Unterstützung dieses Unternehmens wird die Geschichte der Wiener Judenschaft um ein neues Ruhmesblatt bereichert werden. Fremdenverkehrspropaganda wird jetzt bei uns geradezu leidenschaftlich betrieben. Ausstellungen, Enqueten, Tagungen und andere Mittel sollen dazu dienen, die Propaganda für unser schönes Land reger und wirksamer zu gestalten. Aber leider, wie Penelope den Schleier, den sie während des Tages gesponnen, bei Nacht wieder aufgetrennt hat, so zerreißt man bei uns das Netz, das die für den Fremdenverkehr wirkenden Organe und Organisationen mühevoll gesponnen haben und in dem die Fremden eingefangen werden sollen. Während auf der einen Seite alle Mittel der Ueberredungskunst angewendet werden, um den Fremden und vor allem den valutastarken Ausländern die Annehmlichkeitem eines Aufenthaltes in Oesterreichs lieblichen Tälern in den rosigsten Farben zu schildern, werden auf der anderen Seite geharnischte Proteste, Warnungen und Aufrufe gegen die Vergiftung des biederen Landvolkes durch die sittenlosen Großstädter verbreitet. So werden im Organ der christlichsozialen Bauern Tirols die Gefahren, die der Fremdenstrom mit sich bringt, in den düstersten Farben geschildert und so eine Stimmung gegenüber den Fremden hervorgerufen, die mit der von den Fremdenverkehrspropagandisten so gepriesenen österreichischen Gastfreundschaft nichts mehr gemein hat. Ueberflüssig zu betonen, daß man sich unter den sittenlosen und verderbten Großstädtern vor allem Juden vorstellt, wie denn überhaupt für viele biedere Landbewohner großstädtisch und jüdisch fast synonyme Begriffe sind. Wenn man sich auch heuer in vielen „judenreinen" Sommerfrischen, der Not gehorchend, nicht dem eigenen Willen, zu manchen „Konzessionen" entschlossen hat, das sittenstrenge Tiroler Organ will vom Opportunismus nichts wissen und macht deshalb das in den Tagen der intensiven Fremdenverkehrspropaganda Inopportunste, das sich nur denken läßt. Es schreibt: „Der Fremdenzufluß birgt eine Gefahr in sich. Es kommen Elemente, die die Urwüchsigkeit unseres Landvolkes vergiften; die Verderbtheit vieler Großstädter in ihrer schamlosen Kleidung, das Aufführen der modernen Tänze geben schlechte Beispiele unserer Jugend. Wir benötigen einen Heimatschutz. Der Einfluß der Schützengilden und des Vereines für Heimatschutz ist ncch zu gering, um der Landplage der fremden Elemente entgegen zusteuern. Noch vorhandene Ueberbleibsel von Trachtenstücken werden meistens an spekulative Juden verschachert. Es ist ein Nationalverbrechen, den Juden die Sachen an den Hals zu werfen. Der Kampf gegen die Vergiftung unserer Volksseele muß siegreich aufgenommen werden . . ." Um der „Landplage der fremden Elemente zu steuern" gibt es ein sehr einfaches und probates Mittel: Unterlassung jeglicher Fremdenverkehrspropaganda. Aber eine Propaganda für und gegen den Fremdenverkehr zugleich zu betreiben, ist ebenso unvernünftig wie unökonomisch. Hierdurch können wir höchstens nur das eine ereichen, daß wir uns im Auslande lächerlich machen, und das ist doch sicher nicht beabsichtigt. Die furchtbare Not der Juden in Polen, die durch den Zusammenbruch der polnischen Wirtschaft verursacht und durch judenfeindliche Regierungsmaßnahmen noch gesteigert wurde, macht eine großzügige Rettungsaktion der Judenschaft der ganzen Welt dringend notwendig, damit tausende und abertausende hungernde Glaubensbrüder dem Verderben entrissen werden können. Den Darbenden muß Nahrung und Kleidung verschafft werden, die dem Elend Preisgegebenen müssen wenigstens in ihrer physischen Existenz gesichert werden. Wenn auch die Judenschaft Deutschlands und Oesterreichs, die selbst durch die Wirtschaftskrise schwer getroffen ist, nur in bescheidener Weise ihren polnischen Glaubensbrüdern Hilfe leisten kann, so verfolgt sie doch mit tiefstem Mitgefühl das traurige Los, das ein grausames Geschick den ohnedies niemals mit Glücksgütern besonders gesegneten Glaubensbrüdern bereitet hat. Sie verfolgt aber auch mit dem Gefühle aufrichtigster Genugtuung die ebenso umfassende wie bewunderungswürdige Aktion, die das amerikanische Judentum eingeleitet hat, um die entsetzliche Not des Ostens einigermaßen zu lindern. Die I t i l "f f ■! i Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detaitverkauf: Wien 11., Gloekeagasse 24 Wien 1!., Taborstrafie 44 K«fiä!-:=';?3tstT-~?*f&*sam*mgm--7s

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