Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 25 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 25 Das Blatt weiß aber noch Grauenhafteres zu enthüllen, um seinen ohnehin unsäglich schwachen Leserkreis das Gruseln zu lehren. Vor einiger Zeit wäre gegen den jüdischen Professor 'Kelsen eine Anzeige erstattet worden, „weil er in einer Vorlesung die Bemerkung machte, daß man Ratzel entschuldigen müsse, da er ja doch ein „'deutscher Patriot" gewesen". Selbst dem „eiligsten Leser" der „Dötz" dürfte die geradezu trottelhaft unklare Stilisierung dieser „Enthüllung" einigermaßen auffallen. Wer hat eine Anzeige gegen Professor Kelsen erstattet? Wem wurde sie erstattet? Welcher Schandtat wurde Kelsen durch die Beschuldigung bezichtigt, er habe die ungeheuerliche Bemerkung gemacht, man müsse Ratzel „entschuldigen"? Was hat denn Ratzel angestellt, daß er überhaupt irgendeiner Entschuldigung bedürftig wurde? Man hat von „ungarischen Patrioten" gehört, die aus Vaterlandstiebe falsches Geld fabrizierten. Aber wer versteht die mysteriöse Anspielung auf Ratzels „deutschen Patriotismus"? Wenn sich die Leser der„Dötz" vergeblich den Kopf über all diese Ratzel betreffenden Rätsel zerbrechen, dringt der donnernde Ruf an ihr Ohren: Doch noch mehr! Vor einiger Zeit erschien ein Buch eines hervorragenden Rechtsgelehrten der Wiener Universität über „Der Staat als Uebermensch", in dem im Vorworte folgendes steht: „Was Kelsen lehrt sind furchtbare Lehren, die geeignet sind, jegliche Achtung vor Recht und Staat zu untergraben." Man erfährt nicht, worin diese „furchtbaren Lehren" Kelsens bestehen, genug, ein Wiener Professor hat es in dem Vorwort seines gegen Kelsen polemisierendien Biuches gesagt. Basta! Und da stürzt die Welt nicht ein? Nein. Die „Dötz" ist zwar naiv genug, selbst hinzuzufügen, es werde — offenbar in dem zitierten Vorworte — in vornehmer Weise angenommen, daß sich der Jude Kelsen seiner furchtbaren Lehren nicht bewußt wäre, denn sonst hätte er gewisse Bedenken gehabt, sie in einem Buche vorzutragen, das auch für die akademische Jugend bestimmt ist. Die „Dötz" ist offenbar gekränkt darüber, daß der Kritiker, den sie gegen Kelsen zu Hilfe ruft, sich nicht in gemeinen Beschimpfungen gegen den Juden, sondern in „vornehmer" Weise gegen den Gelehrten wendet. Die „Dötz" hütet sich auch nur mit einem Worte anzudeuten, worin denn eigentlich das „Furchtbare" der Kelsenschen Lehre besteht, so daß dem Leser jede Möglichkeit genommen ist, sich ein Urteil darüber zu bilden, wer im Rechte ist: Kelsen oder sein „vornehmer" Kritiker. Aber es ist wirklich zu lächerlich, von der „Dötz" auch nur eine Ahnung von wissenschaftlichem Ernst, von geistigem Verständnis zu erwarten,. Sie ist auch m albern und zu plump, um ihrem Hetzbedürfnis auch nur ein fadenscheiniges Mäntelchen umzuhängen. Dümmer noch als böswillig ruft sie aus: „Dies ist eine derartig unge^ure wissenschaftliche Enthüllung, daß es unmöglich ist, diesen Mann weiter als Lehrer der deutschen Jugend zu belassen" — und glaubt damit genug getan zu. haben. Erinnert das nicht an die kleinen'Köter, die mit lautem Gebell -sich von dem Sockel eines mächtigen Monumentes entfernen; wo sie sich ein wenig aufzuhalten das Bedürfnis hatten? * * - * - .i- Welchem Leser antisemitischer Blätter ist es unbekannt geblieben, daß die Juden eigentlich' nur ein für den Schacher geeignetes Volk sind, daher sie auch richtig alle Lehrstühle an den Universitäten besetzen und um jeden Preis, selbst wenn sie hungern müssen, den Künsten sich widmen usw. usw.? Wer hat nicht gleichfalls durch die Lektüre der dem Dienst der Wahrheit mmd der Aufklärung gewidmeten antisemitischen Presse die Erkenntnis gewonnen, daß die Juden ein von jeher im Schlamme des Materialismus versunkenes Volk, keine Ahnung von Sittlichkeit, Idealismus und Erhebung zum Göttlichen hatten, daher sie begreiflicherweise auch die Mission an sich gerissen, der Welt zuerst die Lehre von einem einzigen Gott zu verkündigen, dessen zehn Gebote der Menschheit die ehernen Fundamente der Ethik und des Rechtes gaben. Der antisemitischen Presse verdanken wir schließlich die unerschütterlich feststehende Tatsache, daß die Juden einer degenerierten „Rasse" angehören, und in allem, wozu körperliche Kraft und Geschmeidigkeit gehört, eine jämmerliche Rolle spielen müssen, wofür natürlich auch die großen Siege zeugen, die neuerdings durch die außerordentlichen sportlichen Leistungen der „Hakoah" in Amerika errungen wurden. / Ego. „Wiener Kantoren-Scbule." „Denn von Wien ging die neue Lehre aus und c"er synagogale Gesang von Sulzer." Eine sich seit Jahrzehnten im Judentums auf dem'Gebiete des Kultus empfindlich fühlbar machende Lücke soll jetzt ausgefüllt werden. Die politische Umwälzung hat hinsichtlich der Versorgung der jüdischen Gemeinden mit Kultusfunktionären und speziell mit Kantoren eine Lage geschaffen, die für den Fortbestand und die Erhaltung des Gottesdienstes in der überlieferten und zur Zeit bestehenden Form als bedrohlich bezeichnet werden kann. War doch bisher das Judentum des Ostens, speziell auf diesem Gebiete als produzierendes Element ausschlaggebend, während, die westlichen jüdischen Zentren in dieser Richtung fast gar nicht produktiv waren. Nun scheint durch die geänderten politischen Verhältnisse das bisherige Reservoir vollständig zu versiegen. Die Kinder werden dort nicht mehr in dem bisherigem Geiste erzogen, das gegenwärtige Milieu erweist sich für eine solche Erziehung als ungeeignet und der Ausspruch im Talmud: „Im en gedojim-en tejoschrm" (Wenn keine Zicklein, auch keine Böcke), findet hier seine berechtigte Anwendung. Es dürfte der allgemeinen jüdischen Oeffentlichkeit nicht bekannt sein, daß in den letzen Jahren jüdische Gemeinden aus allen Weltteilen sich an die Wiener Kultusgemeinde, das Rabbinat, den Kantorenverein, an jüdische Zeitschriften, wie auch an private Persönlichkeiten mit der Bitte wandten, ihnen zur Besetzung eines bei ihnen vakant gewordenen Kantorpostens zu verhelfen, in der begründeten Voraussetzung, daß Wien; die Stadt, in der der große Sulzer seinen für die ganze Welt mustergültigen Synagogal-Gesang schuf, eine Institution zur Ausbildung solcher Funktionäre gewiß schon seit langem besitzt. Genießt doch die Wiener Gemeinde seit den letzten 100 Jahren den Ruf, ein Zentrum und eine Pflegestätte des jüdischen Synagogal-Gesanges zu sein. Den Glauben an diese Tradition hält. die jüdische Welt noch immer fest und wie enttäuscht muß sie sein, wenn sie erfährt, daß Wien eine solche Anstalt nie besaß und bis heute noch entbehren muß. Wenn wir diese Frage sachverhaltsgötreu und objektiv beurteilen, so ergibt sich leider ein sehr beklagenswerter Zustand; denn sehr häufig kommt bei einem solchen von auswärts nach Wien gerichteten Ersuchen, die Existenz- und Lebensfrage der betreffenden Gemeinde in Betracht. So wandte sich letzthin ein Rabbiner einer großen, b'etbutenden deutschen Gemeinde an den Oberrabbiner von Wien mit der Bitte, seiner Gemeinde einen tüchtigen; Kantor zu empfehlen und er wartdte sich deshalb an ihnj-weil,/.wie er bemerkte, der einheitliche Bestand