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Die Wahrheit · 1926-06-11 · Heft 25 (11.6.1926) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 25 (11.6.1926)
Date
1926-06-11
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 25 amerikanischen Juden haben nämlich eine Hilfsorganisation ins Leben gerufen, durch welche innerhalb kurzer Zeit 15 Millionen Dollar aufgebracht werden sollen. Die Sammlungen schreiten glänzend vorwärts und es ist interessant, mit welchem Eifersich die amerikanischen Tageszeitunsen dieses Hilfswerkes annehmen. Fast täglich erscheinen Listen über den Fortgang der Sammlung. Diese wird übrigens so geführt, daß nicht nur jeder jüdischen Gemeinde in Amerika], sondern, nach eingehendem 'Brancheverzeichnis, auch jeder Branche bestimmte Beträge vorgeschrieben sind, die sie durch Sammlungen zu erreichen haben. Ueber den Stand der Sammlung in den einzelnen Branchen wird alle paar Tage Auskunft gegeben. Die amerikanischen Zeitungen veröffentlichen alltäglich Berichte über die schrecklichen Zustände, die unter der polnischen Judenschaft herrschen. So brachten verschiedene New Yorker Tageszeitungen einen Brief einer jüdischen Mutter, in Polen an den Landesvorsitzenden der United Jewish Compagny M. David A Brown, in englischer Uebersetzung zum Abdruck, den auch wir als erschütterndes Zeitdokument nachfolgend wiedergeben: „Wann, o wann, o Herr? Warum werden wir heimgesucht? Womit haben wir solch Leiden verdient? Wir hungern, aber ihr könnt solchen Hunger wie den unserigen nicht verstehen. Es ist Hunger ohne Hoffnung. Gestern fragte mein Michele mich: Wird es jemals in der Welt genug zu essen geben? Er denkt, die ganze Welt hungert wie wir, aber ich sage ihm nicht, daß es viele in der Welt gibt, die nicht hungern, sonst würde er mich fragen: Warum sucht Gott uns mehr heim als die anderen? Ich sage ihm: Mit Gottes Hilfe wird es zur rechten Zeit viel' Nahrung geben. Aber in meinem Herzen sage ich, wann, o wann, o Herr? Warum werden wir heimgesucht, womit haben wir dieses Leiden verdient? Vorige Woche starb -die Witwe vom Schuhmacher Hirsche!. Sie war noch eine junge Frau, dennoch sagten manche von uns: Vielleich ist es besser, daß sie starb. Wofür sollte sie weiter leben? Für dieses Elend? Für diesen Hunger? Seht Ihr? Schon ist es soweit, daß manche von uns den Gestorbenen beneiden, für den alle Qualen aufgehört haben. Meine kleine Sara ist lungenkrank geworden, und jede Nacht hustet sie. Es ist kein bißchen Kraft in ihr, seit es so wenig zu essen gibt, und mit jedem Tage wird sie vom Husten schwächer. So wie ich zu Michele spreche, so spricht mein Mann zu mir. Er sagt zu mir: Wir dürfen Gottes Güte nicht vergessen. In den dunkelsten Stunden hat er uns immer errettet Aber in seinem Gesicht sehe ich seine Hoffnungslosigkeit und seinen Schmerz, besonders in der Nacht, wenn Sara hustet" Eine besonders erfreuliche Tatsache in diesen trüben Zeiten des Menschenhasses und des Antisemitismus ist es, daß sich auch hervorragende christliche Persönlichkeiten Amerikas zusammengefunden haben, um auch ihrerseits eine Summe von 15 Millionen Dollar aufzubringen, um die Hungersnot unter den Juden Osteuropas zu bekämpfen. Ein leuchtendes Vorbild wahrster Menschenliebe! Dem Komitee gehören unter anderem an: Dr. Samuel Harden Church, Präsident des Carnegie-Institut, Pittsburg, Pa. Rev. Dr. Charles P. F a gnani, Professor der Literatur des Alten Testaments im Union Theological Seminary, New York, Dr. Nathaniel Schmidt, Professor der semitischen Sprachen an der Cornell Universität, Ithaca, N. Y. Frau Vida D. Scudder, Professor der englischen Literatur am Wellesley College, Wellesley, Mass. George F. Moore, Professor der Religionsgeschichte an der Harvard Universität Rev. Dr. Frederic Lynch, früherer Chefredakteur der Zeitschrift „Christian Work", Rev. Doktor John Haynes Holms, Pastor der Comunity Churclu Der Fürsterzbischof von New York, Kardinal Patrick! Hayes war einer der ersten, welcher eine namhafte Summe gespendet hat. An die verehrlichen Mitglieder der ,,Wohlfahrt44! Die „Wohlfahrt" — Israelitische Kinderbewahranstalt — hat einen neuen Inkassanten, Herrn Bernhard Koch, aufgenommen und ersucht die verehrlichen Mitglieder, dessen Arbeit im Interesse der schwierigen Finanzlage des Vereines nach Kräften zu unterstutzen. Von Woche zu Woche Gastspiel der Habima. Wie wir bereits in der letzten Nummer berichtet haben, hat das Gastspiel der hervorragenden hebräischen Künstlertruppe in weitesten auch nichtjüdischen Kreisen derart großes Interesse erweckt, daß dasselbe um acht Tage prolongiert werden mußte; Publikum und Presse sind voll des Lobes über das Dargebotene. Die Schauspiele „Der Dybuk", „Jaakobs Traum", „Der ewige Jude" und „Der Golem" sind Leistungen von ganz hervorragendem künstlerischen Niveau. Die szenischen Bilder und das unübertrefliche Zusammenspiel macht auf die Zuschauer einen so gewaltigen Eindruck, daß nicht endenwallende Beifallsstürme die Darsteller für das Gebotene allabendlich belohnen. Elise Elizza. Mit Elise E1 i z z a, die Donnerstag, den 3. Juni einem langen und schweren Leiden erlegen ist hat uns eine große Künstlerin und eine vornehme und edle Persönlichkeit für immer verlassen. Mit tiefer Wehmut gedenkt das ganze kunstsinnige Wien der großen Meisterin des Gesanges, die, selbst eine Frohnatur, gar manchen in düsteren Stunden Frohsinn und Herzensfreude gespendet hat. Denn ihr edler und reiner Gesang hob diejenigen, die ihn hörten, aus den dämmrigen Tiefen des Alltags empor in die leichten Höhen der Kunst, die dem Hasten und Lärmen der Welt entrückt sind. Aber Elizza war nicht nur vielen eine Freudespenderin, sie war auch eine Segenspenderin für zahllose notleidende Mitmenschen. Denn die Gaben des Talents, mit welchem sie von Gott in so überaus reichlichem Maße beschenkt war, hat sie stets gottgefälligen Werken gewidmet. So hat sie auch durch ihr Singen manche Träne getrocknet, viel Leid gelindert und zahlreichen unglücklichen Mitmenschen glückliche Stunden bereitet. Elise Elizza war im Jahre 1895 als Inez in „Troubadour" zum erstenmal im Operntheater aufgetreten, dem sie 23 Jahre hindurch als eines der am meisten beschäftigten Mitglieder angehörte. Im Jahre 1918 trat sie aus dem Verbände des Operntheaters aus, nachdem sie in mehr als hundert ver< schiedenen Rollen 1365mal aufgetreten war. Doch wurde sie auch nach ihrem Austritte häufig zu Gastspielen an das Operntheater berufen, zu dessen Zierde sie gehört hatte. Daneben war sie mit großem Erfolge als Konzertsängerin tätig und als vielbeschäftigte Gesangspädagogin bildete sie viele junge Talente heran. Die Wiener Israelitische Kultusgem e i n d e hat der Künstlerin, die kein Opfer scheute, um ihren notleidenden Glaubensgenossen hilfreich beizustehen, ein Grab an bevorzugter Stelle gewidmet, das neben den Gräbern Leo Falls und Professor Epsteins gelegen ist. Dem schwergeprüften Gatten der verstorbenen Künstlerin, Dr. Ludwig Frei, wendet sich das Mitgefühl der weitesten Kreise der Wiener Gesellschaft zu. Das Leichenbegängnis Elise E 1 i z z a s fand Sonntag, den 6. Juni, um K» 12 Uhr, auf dem neuen israelitischen Friedhofe unter ungeheurer Beteiligung statt. Die Zeremonienhalle, die bis auf das letzte Plätzchen gefüllt war, erwies sich viel zu klein, um auch nur einen Teil der Trauergäste zu fassen. Viele Hunderte mußten vor der Zeremonienhalle warten. Unter den Erschienenen erblickte man den Präsidenten der Kultu&gemeinde Professor Dr. Alois Pick in Begleitung des Amtsdirektor Guido F u c h s g e 1 b und Kultusvorsteher Bezirksrat E. Hoffmänn, die Delegierten der Chewra Kadischa. Bethausvorsteher Franz Denes, Direktor Paul Schwarzstein und I. Neumann, ferner Polizeirat Dr. Pramer, Kommerzialrat Landesberg e r, Universitätsdozent Dr. Emil Stern, Regierungsrat Weiß, Kommerzialrat Hlavatsch als Delegierter des Kaufmännischen Gesangvereines, Kapellmeister Professor Nilius, Hofrat Roza, Professor Erich Meiler, Kapellmeister Reich en berger, Gräfin Kinsky-Renard. Vom Personal des Operntheaters waren erschienen Kammersängerin Halban-Kurz, ferner die Damen Gerhard, Weidt und P aalen, die Herren Mai kl, Mair, Zec, Dr. Schipper und Wolken; als Vertreter der Philharmoniker Professor Buxbaum, als Vertreter des Burgtheaters Regisseur Max Devrient, als Vertreter des Deutschen Volkstheaters Theodor Weiß.. Ferner sah man Frau Kapellmeister Z i e h r e r, Hof rat Löwe, sowie zahlreiche Angehörige der Wiener Künstlerschaft. Oberkantor Kaufmann trug, unterstützt von einem verstärkten Chor, die Trauergesänge in ergreifender Weise vor, worauf Rabbiner Dr. Bach, ein persönlicher Freund der verstorbenen Künstlerin, eine tiefempfundene Trauerrede hielt, in welcher er .

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