Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 25 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 DIE WAHRHEIT Seit« 7 ein Strick, statt des Lockenwerkes eine Cäatze und statt der Festgewänder ein härener Gurt, Brandfleck statt der Schönheit! Deine Männer fallen durch das Schwert und deine Macht im Kriege. Es ächzen1 und trauern ihre Tore und ausgeräumt sitzt sie auf der Erde". Daß eine Ausschreitung der Prunksucht, wie wir sie in diesem übergroßen Toilettehregister vor uns sehen, das Elend übet eine Nation heraufbeschwören muß, ist leicht ersichtlich. Zum Heil der Nation währte dieser Zustand nicht allzulange. Die Regierung des Königs Jotham, der als Knabe auf den Thron kam und von Weibern beherrscht wurde, nahm mit seinem frühen Tode ein Ende und es traten bessere Zeiten unter dessen Enkel Hiskia ein, der das Unheil, welches Jesaia vor sich sah, glücklich abwandte. Im bürgerlichen Leben indessen herrschte einfache Sitte; in dieser wurde auch die edle Weisheit der Frau hochgeschätzt. Daß aber auch so manche Schwächen zum Vorschein kamen, davon gibt uns ein lehrreiches Buch der Bibel nähere Kenntnis. Das Buch, welches wir meinen, führt den Titel „Die Sprüche Salomos". In diesen Sprüchen spiegelt sich das Bild des Frauenlebens in sehr mannigfaltigen Urteilen ab. Gefallsucht und Verführung werden gegeißelt, edle Tugend verherrlicht. Hier wird die Frau „die Krone des Stammes" genannt. „Die Weisheit der Frau bauet das Haus, ihre Torheit zertrümmert es". Die Stärke des Mannes ist die Quelle des Wohles, die Anmut der Frau die Stütze seiner Ehre." — Auch kleine Untugenden, wie Zanksucht und Klatsch, finden sich charakterisiert. Eine schmollende »Frau, die tagelang schweigt und dann plötzlich losbricht, wird mit folgendem Gleichnis beehrt: „Wie die gefrorenen Dachrinnen im Tauwetter, so die Schweigende, wenn sie zu reden beginnt", das heißt: es poltert dann alles mit einem Male heraus. Aber das Buch versöhnt sicherlich in seinem Schlußkapitel jeden Frauenfreund. Es ist dies ganz und gar dem vollsten Frauenlobe gewidmet. Das edle Weib wird als wertvoller wie jeder Perlenschatz gepriesen. „Es vertraut auf sie das Herz des Gatten. Sie erweist ihm Güte all die Tage ihres Daseins. Sie sieht sich um nach Wolle und Leinen und arbeitet mit munterer Hand. Sie steht auf, wenn es noch dunkel ist und bereitet Speise dem Hause und das Tagewerk für die Mägde. Ihre Hände streckt sie aus nach dem Rocken und ihre Finger fassen die Spindel. Sie bricht das Brot den Armen und reicht die Handhabe den Dürftigen. Ihren Mund tut sie auf mit Weisheit und liebevolle Lehre ist auf ihrer Zunge. Gerühmt wird ihr Mann im Tore* wenn er sitzt im Rate der Aeltesten. Es treten auf ihre Söhne und preisen sie, ihr Mann nur rühmet sie. Trügerisch ist Anmut und vergänglich die Schönheit; die Gottesfürchtige werde gepriesen. Lasset sie genießen die Frucht ihrer Hände und rühmet in den Toren ihre Taten." Solche Stimmen des Altertums verhallen nicht in Jahrtausenden. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Von all den ergreifenden und erschütternden Reden, die am Grabe Vazsonyis gehalten wurden, hat vielleicht keine einen tieferen Eindruck ausgelöst, als die kurze Rede des christlichen Abgeordneten Vinzenz Nagy. Dieser hatte den Mut. in einer Zeit, da die antisemitische Welle in Ungarn wieder hochgeht, auszurufen, Wilhelm Vazsonyi wäre, wenn die mittelalterlichen Vorurteile nicht in der Gegenwart, die Köpfe verwirrten, berufen gewesen, der Führer der ganzen Nation zu sein. Er hatte den Mut, den patentierten, vor nichts zurückschreckenden Pächtern des „Patriotismus" zuzurufen, sie dürften stolz sein, wenn es ihnen gelingen würde, so selbstlös und ersprießlich für das Vaterland zu arbeiten, wie es Wilhelm Vazsonyi getan. Die sterblichen Reste Vazsonyis ruhen in der Erde des Landes, das er so sehr geliebt, aber es ist zu hoffen, daß der Geist der Wahrhaftigkeit und unerschütterlichen Rechtsliebe, zu deren Vertreter der Verstorbene gehörte, auch in Ungarn wieder seine Auferstehung feiern wird, wenn — die mittelalterlichen Vorurteile nicht mehr die Köpfe verwirren. * * * Die hakenkreuzlerischen Studenten an der Technischen Hochschule in Hannover sind wacker an der Arbeit, nicht nur dem Professor Lessing, sondern auch dem Rektor und der gesamten deutschen Regierung das Verständnis für die wahre Ehre des Deutschtums beizubringen. Bewunderungswürdig ist die Feinfühligkeit, die die antisemitischen Studenten bei ihrem Erziehungswerk an den Tag legen. Sie wissen, daß sie dem Rektor und Senat ihrer Hochschule und schließlich auch dem Unterrichtsminister gegenüber eine andere Sprache führen müssen, als gegenüber dem ihnen schon durch seine Geburt mißliebig gewordenen Professor Lessing. Dieser Herr, der schon durch seinen an den Dichter des „ Nathan" erinnernden Namen jedem Antisemiten verdächtig erscheinen muß, ist ja tatsächlich ein Jude, während Gotthold Ephraim Lessing, was schon der blinde Dübring sofort erkannte, nur ein bezahlter Judenknecht war. Mit dem jüdischen Professor haben also die Hakenkreuzler in ehrlichem antisemitischen Deutsch gesprochen, sie haben ihm angedeutet, daß sie die Einstellung seiner Vorlesungen wünschen, und erst als er in angestammter jüdischer Frechheit diesen Andeutungen gegenüber taub blieb, haben sie dem Gelehrten, der wie angeblich alle Juden, auch mit den Händen spricht, mit Zuhilfenahme ihrer Füße geantwortet, indem sie auf ihm herumtraten. Ganz anders sprechen die jungen Deutschen in ihren Eingaben an den Senat und das Ministerium, die dieses Verhalten gegenüber Professor Lessing mißbilligten und im Disziplinarverfahren gegen die Skandalmacher zunächst die Relegierung von zehn hakenkreuzlerischen Studenten verfügten. In diesen Eingaben beteuern sie, indem sie zur Abwechslung nicht den jüdischen Professor, sondern die Wahrheit mit Füßen treten, daß nicht sie, sondern die Freunde Lessings die schändlichen Ausschreitungen begangen haben. Prächtige Jungen! Für ihr Deutschtum ist ihnen kein Opfer zu groß. Wie bitter schwer muß es ihnen gefallen sein, ihr edles antisemitisches Bekenntnis zu unterdrücken, aber sie taten es doch. * * * Die „Deutschösterreichische Tageszeitung" sieht mit bitterem Neid auf die Vorgänge in Hannover und kann es nicht glauben, daß sich mit einigem bösen Willen nicht auch an einer Wiener Hochschule ähnliche Exzesse arrangieren ließen. Entsetzliche Dinge gehen ivor. Das Professorenkollegium der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät „befaßt sich mit dem Gedanken", Professor Hmpka — einen Juden — zum Dekan zu ernennen! Man bedenke doch, das Professorenkollegium befaßt sich angeblich mit einem solch unfaßbaren Gedanken! Die „Dötz" ist kein Marquis Posa, daß sie auch nur den Gedanken an eine solche weitgehende, nicht nur die Zukunft unserer Universität, sondern vielleicht gar den Bestand Oesterreichs, wenn nicht gar die Ruhe Mitteleuropas bedrohende Gewährung von „Gedankenfreiheit" dulden könnte. Wie erst, wenn das kaum Denkbare zur Verwirklichung käme! * * *