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Die Wahrheit · 1926-06-11 · Heft 25 (11.6.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 25 (11.6.1926)
Date
1926-06-11
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 25 Seite 5 tum stets eine pathologische Erscheinung, während die Angehörigen anderer Völker kraft eines normalen soziologischen Prozesses von der zahlreicheren oder kulturell und politisch stärkeren Umwelt absorbiert werden. Die Ursachen dieser wie jeder anderen pathologischen Erscheinung können innere oder äußere sein. Aber jede Pathologie hat ihre Therapie und auch ihre Prophylaxe und Hygiene. Nur müssen alle diese Mittel von tüchtigen und gewissenhaften Aerzten gehandhabt werden. Das Wichtigste jedoch ist, daß der unverwüstliche Organismus selber am Ende auf Krankheitserscheinungen reagiert, die ungesunden Keime resorbiert oder ausscheidet, und die Krankheitsherde trocken legt. Wenn der Abfall sich zu häufen anfängt, erwachen sofort in der jüdischen Gemeinschaft Strömungen, die ihm entgegenwirken und ihn zum Stillstand bringen. Infolge des Massenabfalls ist noch nie und nirgends eine größere jüdische Gemeinschaft so spurlos verschwunden, wie dies bei anderen Völkerschaften infolge, des natürlichen Zerschmelzungsprozesses innerhalb eines anderen Milieus zu allen Zeiten geschah und vor unseren Augen in Amerika und Europa geschieht Ja, was in bezug auf die Juden gleich als Massenabfall empfunden wird, kommt anderwärts überhaupt nicht zum Bewußtsein. Zwei Fälle aus der neuesten Zeit mögen als Beispiele1 angeführt werden. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts galt es als ausgemachte Tatsache, daß infolge der Frankistenbewegung „viele zehntausende Juden" ihrer Religion den Rücken gekehrt hatten. In den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts wurden die Kirchenregister durchforscht und es stellte sich heraus, daß die Zahl der Abtrünnigen kaum einige Hundert erreichte. Aber schon diese Zahl allein machte einen so starken Eindruck, daß sie unendlich übertrieben wurde. Lange Zeit ging in ernsten Geschichtswerken die Fabel um, daß in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Hälfte einiger großer Gemeinden Preußens (Berlin, Königsberg) das Judentum verlassen hätte; auch diese Fabel wurde erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts auf das wahre — sehr bescheidene — Maß zurückgeführt. Der Abfall, so schmerzlich er ist, hat die Existenz des Judentums zu bedrohen keine Kraft. Von der Verfolgung der Juden. Von Franz von Puttkamer. Die „Illustrierte Reichsbanner-Zeltung", Berlin verfolgt mit ihrem soeben erschienenen Hefte Nr. 22 die Absicht, der, wie die Erfährung täglich zeigt, gerade in den Kreisen der reichsdeutschen Parteien herrschenden Unkenntnis über Wesen und Geschichte des deutschen Judentums und die Gefahren der völkischen Ideologie zu steuern. Die reich ausgestattete Zeitung enthält als Leitartikel einen Aufsatz des Direktors des Centrai-Vereines Ludwig Holländer: „Die kulturelle Verwilderung durch die deutschvölkische Bewegung." An drei typischen Erscheinungsformen stellt Dr. Ludwig Holländer die Gefährdung der deutschen Kultur durch die völkischen Methoden dar: die überhandnehmenden Friedhofsschändungen, die bewußte oder unbewußte Verkennung des jüdschen- Wesens, wie sie sich besonders beim gesellschaftlichen Boykott und bei der Ausübung der Rechtsprechung nachweisen läßt, und schließlich die Mißstände in den Schulen, an deren Kritik er, in die Zukunft weisend, die Forderung nach der Erfüllung vor allem der Schule mit dem Geiste des neuen Staates knüpft. Professor Dr. Erik Nölting (Frankfurt a. M.) gibt „Glossen zur Rassenfrage", und Franz v. Puttkammer schildert unter Verwendung zahlreicher zeitgenössischer Bilder die Verfolgung der Juden im Mittelalter und die durch das Ghetto bewirkten Folgen ihrer körperlichen und seelischen Struktur Diesen Artikel veröffentlichen wir im folgenden. Der Kampf gegen den Antisemitismus unserer Tage stützt sich meistens nur auf die Beobachtungen der Gegenwart, auf Lächerlichkeiten und Gemeinheiten „unserer" Hakenkreuzler. Da Antisemitismus und Korruption wie Bruder und Schwester zusammengehören, bietet sich den Republikanern, die im Antisemitismus den abgefeimtesten Schwindel ihrer politischen Feinde erkennen, immer wieder neuer ergiebiger Stoff zum Kampf gegen die Antisemiten. Neben diesem aktuellen und gewiß immer notwendigen Kampfmaterial sollten wir uns viel mehr als bisher auch auf die grauenvollen und entsetzlichen geschichtlichen Tatsachen der Judenverfolgungen stützen, die leider nicht nur, wie man gern annehmen möchte, im „finsteren Mittelalter" üblich waren, sondern noch bis in unsere Tage hinein fortgesetzt werden. Es ist seltsam, daß von diesen Dingen den meisten politisch Interessierten so gut wie nichts bekannt ist. Die Schulbücher schweigen über diese Schande deutscher Vergangenheit, unsere jüdischen Freunde wissen natürlich sehr genau Bescheid, schweigen aber ebenfalls, da ihnen die Erinnerungen an Demütigungen und körperliche und seelische Qualen gräßlichster Art zu peinlich sind, als daß sie darüber reden mögen.*) Den nichtjüdischen Gegnern des Antisemitismus obliegt es deshalb, diese Seite der antisemitischen „Tradition" aufzuschlagen, um der Gegenwart zu zeigen, wohin antisemitische Hetze, religiöses Vorurteil, unsinniges Rassevorurteil die Menschen geführt haben und auch heute noch führen können. Im Rahmen eines kurzen Aufsatzes können hier nur Bruchstücke gegeben werden. Ich stütze mich dabei am wesentlichen auf das in Diederichs Verlag erschienene Buch von Georg Liebe: „Das Judentum in der deutschen Vergangenheit". Schon im 11. und 12. Jahrhundert sind Judenverfolgungen festgestellt. Einen größeren Umfang nehmen die Schrecknisse der Folter und des Mordes an Juden im 14. Jahrhundert ein. Für alle Nöte, Hungersnot, Pest und Seuchen wurden mit Vorliebe Juden verantwortlich gemacht. Die Obrigkeiten bedienten sich gern dieses schändlichen Ablenkungsmittels und benutzten für ihre eigene Unfähigkeit und Schuld an den schlechten sozialen und hygienischen Verhältnisse die Juden mit Vorliebe als Sündenböcke. Die sozialen Umwälzungen des Frühkapitalismus machten die Juden, die die Träger der neuen zur Marktproduktion zielenden Geldwirtschaft waren, verhaßt, da sich das Volk in der entstehenden wirtschaftlichen Unsicherheit im Banne einer fremden unheimlichen Macht fühlte. Mit vollem Recht nennt Liebe die Voraussetzung der Pogrome den allgemeinen Haß, der im Mittelalter gegen Andersgläubige herrschte. Aber ebenso richtig ist Liebes Feststellung, daß diese religiöse Grundstimmung des Hasses gegen Andersgläubige nicht die bewegende Ursache der Judenverfolgungen war, sondern die schon entflammten Gluten nur geschürt hat. Zwei Anschuldigungen religiösen Charakters ließen immer wieder den angesammelten Haß auflodern: Die Beschuldigung, christliche Kinder zu töten, um ihr Blut zu gewinnen, und die Beschuldgung der Hostienschändung. Immer wieder wird die mystisch-schauervolle Geschichte erzählt, daß die Juden eine gestohlene Hostie durchstochen hätten, bis Blut floß. Es ist verständlich, daß in einer Zeit der dumpfen Unbildung der breiten Volksmassen solche Gerüchte geglaubt wurden und ebenso wie der Glaube an den bösen Blick, an Hexen und ähnlichen Aberglauben zu Mord, Folter und Verbrennung führten. Da noch heute das Märchen von Ritualmorden geglaubt wird, und sogar Prozesse stattfinden, denen solche Anschuldigungen zugrundeliegen, müssen wir tief beschämt erkennen, daß wir noch im tiefsten Mittelalter stecken geblieben sind. Im ganzen Mittelalter mußten die Juden vielfach sich durch besondere Kleidung kenntlich machen, teils durch einen oben zugespitzten Hut von gelber Farbe, teils später durch einen auf die Kleidung aufgenähten Ring von gelbem Stoff. An Feiertagen, besonders zur Osterzeit, durften Juden nicht *) Diese Behauptung des geschätzten Verfassers ist woh! nicht allgemein gültig: wir verweisen nur auf das eben erschienene Buch von Rabb. Dr. Max G r u n w a 1 d, Geschichte der Wiener Juden", das eine eingehende Schilderung der entsetzlichen Leiden unserer Vorfahren im Mittelalter enthält und Grauenhaftes über diese Geschehnisse zu berichten weiß. "'■<^ Die Redaktion, •vr* •*•*

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