Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 25 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3063996--14629-3082198- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr, 25 Emigranten sitzen die Passagiere der höheren Klassen, der englische Fabrikant, der mit seiner Familie nach Tel-Aviv übersiedelt, der Professor an der hebräischen Universität, der Verleger aus Warschau und — der katholische Priester mit seinen Schwestern. Und so liegt man ohne seelische Erschütterung — nur der Magen hat sich noch nicht dem Rhythmus der Wogen angepaßt — im Strecksessel an Bord, gibt sich einem köstlichen Nichtstun hin, und zu faul ein Buch zu lesen, starrt man in das wundervolle, weite, unendliche Blau. So geht es vorbei an den griechischen Inseln«, vorbei an Kreta mit den schneebedeckten Bergen dem Lande entgegen, das den meisten an Bord das Land der Erfüllung bedeuten soll. g. Das Volkstum der Juden und das der nichtjüdischen Volker. Von Benjamin W. Segel. (Schluß.) Aber das Amerikanertum hat das angestammte Volkstum, im Gegensatz zu jenen, nicht zerfressen und aufgelöst, sondern sich wie ein frisches Gewand, eine schützende Hülle dar übergelegt. Der Kern ist unversehrt geblieben. Die 60 Kinder der neuen Generation haben dreißig Familien gebildet, aus denen, ein halbes Menschenalter später, neunzig hervorgehen, und so weiter. Nach einem bestimmten Zeitraum ist aus der unbedeutenden Zwerggemeinde kraft natürlichen innern Wachstums, ohne Zuwanderung von außen, eine stattliche „Congregation" geworden. Diese errichtet alle überlieferten jüdischen Kultur- und Wohlfartsinstitutionen (Chebra Kaddischa, Bikkur Cholim, Malbisch Arumim, Hachassath Kallah, Gemiluth Chassadim usw., vor allem aber Thalmud Thora), aber in großem Maßstab und mit modernen Mitteln, sie nimmt hervorragenden Anteil am Gesamtleben der Judenheit — ja sie entsendet sogar ein paar Delegierte zum Zionistenkongreß, der jüdische Nationalfonds hält hier reiche Ernte, die Shares der Nationalbank finden großen Absatz. So ungefähr pflegt sich die Sache zu entwickeln. Die Auswanderung, die Zerstreuung durch weite Länder bedeutet nicht den Untergang, sondern die Verbreitung und das Wachsen des jüdischen Volkstums. Das „portative Vaterland", über das so viel gespottet wurde, ist gar keine schlechte Erfindung gewesen. Worin aber besteht der Wesensunterschied zwischen dem Volkstum jener Litauer, Finnländer, Norweger usw., das auf fremden Boden dem Untergange geweiht ist und dem Volkstum der Juden, welches unter allen Himmelsstrichen und in allen Zeiten unter den schwierigsten Umständen sich nicht nur erhalten hat und sogar wuchs und gedieh? Der Wesensunterschied besteht darin, daß die anderen Volkstümer Daseinsformen sind, die die Menschen mit anderen, gleichwertigen oder gar höheren leicht vertauschen. Das Judentum dagegen ist eine Aufgabe, eine Verpflichtung, ein Befehl, ein Auftrag, eine Tradition, eine Lehre, eine Bestimmung, eine Mission, ein Bekenntnis. Jedes andere Volkstum ist ein Sein, das Judentum ist ein Sollen. Der Mensch schlüpft leicht, schmerzlos, unmerklich aus einer Daseinsform in eine andere. Eine bestimmte Aufgabe, eine ausgeprägte Lehre, einen Auftrag kann er nicht mit einem anderen vertauschen, auch wenn dieser dem seiniigen vollkommen gleichwertig, ja auch wenn er höher als der seinige ist. Das Volkstum des Litauers, Finnländers oder Norwegers wird im amerikanischen Milieu langsam stückweise aufgelöst und Stück für Stück diuirch das amerikanische ersetzt. Die soziale, wirtschafthühe und politische Interessengemeinschaft mit dem Heimatlande löst sich in der Ferne von selber auf. Die Jugenderinnerungen an die heimatliche Landschaft und die heimatlichen Menschen verblassen, die Muttersprache muß den Klängen des energischen, knappen Englisch weichen, die unaufhörlich das Ohr umrauschen .und in die Seele dringen. Sogar die deutsche Sprache, obwohl sie in Europa selber von etwa 80 Millionen gesprochen und weiteren 20 oder 30 Millionen verstanden wird, obgleich sie eine der ersten Kultursprachen der Welt und an geistigen Schätzen unermeßlich reich ist, wird in Amerika durch das Englische verunstaltet und schließlich ganz verdrängt. Schon die erste Einwanderergeneration wird nach einem oder zwei Jahrzehnten zweisprachig, die zweite und vollends die dritte Generation spricht schon nur noch englisch allein. Die kleineren Sprachen und Mundarten halten noch weniger stand. Wenn der Einwandererzustrom aus den verschiedenen Sprachgebieten Europas aufhören sollte, würde in Amerika binnen weniger Jahre das Englische alleinherrschend werden. Das Volkstum der europäischen Völker ist etwas Unbewußtes, und unbewußt, ohne es zu merken, legen es seine Träger nach und nach ab, bis es am Ende gänzlich verwittert, verduftet. . Das Judentum ist etwas Bewußtes; jede Generation übernimmt es von der vorhergehenden und überliefert es der nachfolgenden. Jeder Jude kann, je nach Maßgabe seiner allgemeinen Kulturstufe, jeder anderen Lehre, dem Christentum, dem Isiärn^, dem Buddhismus, mit größter ^Ehrfurcht,1; sogaV'mtf tiefer Sympathie gegenüberstehen; Salömo Gabirul, MaimUni, Jehuda Halewi und Jakob Emden haben die hohe kulturelle Bedeutung und welthistorische Mission, der beiden Tochterreligionen des Judentums voll anerkannt. Philo hat sogar im antiken Heidentum den göttlichen Kernfunken wahrgenommen und hochgeschätzt. Aber darum gewann das Judentum in ihren Augen nur noch erhöhten Wert. Bei einem modernen Menschen muß dies noch aus ganz anderen Motiven, in einem ungleich weiteren Gesichtskreis und Von einem viel höheren Standpunkt der Fall sei». Das Judentum steht da als eine ebenbürtige, aber disparate Erscheinung neben den anderen Völkstümern, die ihm nichts anhaben, es nicht verdrängen, nicht ersetzen können, weil es einen anderen Inhalt hat, ebensowenig wie eine Grundfarbe die andere aufheben oder überflüssig machen kann. Da das Judentum nichts Unbewußtes ist, kann man es auch nicht unbewußt verlieren, sondern nur durch einen Akt be wußter Abtrünnigkeit ablegen, sich von ihm aus freiem Entschluß lossagen. Um aufzuhören Jude zu sein, muß man aus der jüdischen Gemeinschaft wissentlich austreten, vorsätzlich alle Bande zerreißen, die einen mit ihrer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verknüpfen. Das ist der Abfall. Nun hat ja der Abfall zu allen Zeiten vom jüdischen Volke zahlreiche Opfer gefordert, mächtige Lücken in seinen Reihen gerissen. Allein, sozialpsychologisch betrachtet, ist der Abfall vom Juden-