Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 25 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 25 DIE WAHRHEIT Seite 3 Recht zu schaffen, annd. wenn er hundertmal der Meinung wäre, daß es für politische Abenteurer heutzutage keinen ordentlichen Gerichtshof gebe, also nur die Waffe eines Bruders oder auch Sohnes eines der Opfer eines Unmenschen übrig bliebe. Vor kurzem ging die Erinnerung an die Märtyrer der Kreuzzüge durch unsere Seelen. Wie ganz andes war damals das Verhalten unserer Väter! In der äußersten Notwehr, im Kampfe Mann gegen Mann, haben auch sie wohl die Waffe gehandhabt, wie es den Nachkommen der Makkabäer ziemte. Aber von Taten wie der des Schwarzbarth hört man nichts. Man klagte sein Leid in der Selicha und Kina, man rief. die vergeltende Macht des Himmels an. Vielleicht glaubt manch einer, die Zeiten haben sich eben geändert; wir haben wieder gelernt, die modernen Waffen zu führen und zu »gebrauchen und niemand darf uns ungestraft verletzen. Für diese Art'der Assimilation b e dankenwiruns. Wir können uns nicht einmal vorstellen, daß d i eT a t bei den ukrainischen Juden etwas anderes als b a n g e B e s o r g n i s a u s 1 ö s t. Aber ganz davon abgesehen; dies brauchte Schwarzbarth nicht zu bedenken, und doch durfte er als Jude die Tat nicht tun. Es ist der einzig versöhnende Zug in dem Drama, daß er auf die Schonung von Frau undTochter Petljuras bedacht war. Aber hat er sie denn geschont? Dürfte seine Tat Nachahmung finden? Nimmermehr! Das Judentum weist sie von sich; Schwarzbarth hat in sittlicher Verblendung gehandelt. Möge er immerhin müde Richter finden; seine Tat muß und soll durchaus vereinzelt bleiben. Werbet und verbreitet die „Wahrheit"! und Forderungen in die brauchbare, der Allgemeinheit nutzbringende Form zu leiten und zu lenken. Der Dichter Immanuel Rorhi sagt ein schönes Wort: „Wie schwer ist es. eine Sache allen recht auszuführen, wie leicht jedoch, die Fehler anderer aufzuspüren." Wer daher Korachgelüste in sich verspürt, soll an die kupfernen Platten denken, „daß er nicht sei wie Korach" und sich selbst erst von seinen Unebenheiten und Verkrümmungen freimachen, damit seine Räucherpfanne nicht zur Altarplattd „geschlagen" werden muß. Die Anekdote von der klugen Frau des On findet aber eine Ergänzung in einer anderen Koracherzählung, die beweist, daß des On Frau nicht nur gegenüber dem Gatten, sondern auch den Reden Korachs klug war. „In meiner Nachbarschaft", so hub Korach einmal seine Rede an das Volk an, „wohnt eine Witwe, die sich mit ihren beiden Kindern von dem Ertrag ihres Feldes recht und schlecht ernährt. Zur Erntezeit kommt Aron, verlangt die Hebe. Die Frau gibt sie, beschließt aber, das Feld zu verkaufen, um der Steuer zu entgehen. Sie kauft für den Erlös aus dem Felde zwei Schafe. Zur Zeit der Schur fordert Aron seinen Teil an der Wolle. Die Frau gibt ihm. Die Schafe werfen Junge; Aron kommt und fordert die Erstlinge. Die Frau ist der Abgaben müde und schlachtet die Schafe. Wieder ist Aron zur Stelle und fordert die dem Priester gebührenden Teile. Voll Groll verwünscht die Frau den ganzen Besitz, worauf Aron die Tiere als Banngut für das Heiligtum nimmt und geht". „Seht ihr", schloß dann Korach seine Rede, „so ist Aron" und gewann die Frauen für sich, die nun die Männer gegen Aron hetzten. Die Frau des On gewann er nicht; sie war die klügste von allen. Ihr gebührt darum das Denkmal, das ihr Salomo errichtet hat; und das die Weisen für sie in Anspruch nehmen, es heißt: „Die Klugheit der Frauen baut das Haus auf!1' K. Brief ans Palästina. Ein persönlicher Freund und Berufskollege unseres Schriftleiters, der sich derzeit in Palästina befindet, berichtet ihm öfters objektiv über die dortigen Verhältnisse. Da viele dieser launigen Briefe sicherlich einem allgemeinen Interesse begegnen, wollen wir sie in der Folge fallweise zur Veröffentlichung bringen. Die Redaktion. An Bord. Lieber Freund! Dein Verlangen, haargenau über alles, was ich erlebe, zu berichten, will ich erfüllen, obwohl ich fürchte, daß Deine druckerschwarze Seele mit diesen Zeilen miessen Brauchtreiben und sie einem zu großen „Freundeskreis" zur Kenntnis bringen wird. Ich wasche auf alle Fälle meine Hände in Unschuld. (Mit Seewasser werden sie nämlich nicht ganz rein.) Wie Dir noch erinnerlich sein dürfte, war ich zuerst beim englischen Konsulat, um ein Journalistenvisum zu bekommen. Nach der Frage, ob ich Jude oder Christ wäre, sandte mich die Lady in das Palästinaamt der Zionistischen Organisation, da dieses nur die Juden erledige. Und siehe, es ging tatsächlich. Du wirst geprüft auf Herz und Nieren, besonders ob Du 500 Pfund Sterling hast. Dann kannst Du als Kapitalist einreisen. Wenn nicht . . . ., doch das ist zu langweilig, denn es gibt eine Menge von Kategorien. Also mit dem Visum in der Tasche begab ich mich nach Triest, wo ich im Hafen unser Schiff an der blau-weißen Fahne mit dem Davidstern bald erkannte. Ein Diener des Triester Palästinaamtes schaffte unser Gepäck von der Bahn an Bord. Wie Du weißt, entschied der Chef, ich müsse, da ich speziell die Emigration§verhältnisse studieren soll, dritter Klasse fahren. Mein Widerspruch und Einwand, daß ich von der zweiten Klasse aus viel objektiver alles betrachten und schildern könne, blieb erfolglos. So begab ich mich denn einigermaßen mißtrauisch als Passagier dritter Klasse an Bord des „Giancolo", eines der drei Schiffe, die der „Lloyd Triestino" für den Palästinaverkehr hatte umbauen lassen. Mißtrauisch war auch mein Magen, der lange Zeit hindurch die Verhältnisse in den Gemeinschaftsküchen sehr subjektiv zu studieren Gelegenheit hatte. Doch bewahrheitet sich auch hier das Wort des großen deutschen Philosophen Wilhelm Busch: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Und so mußte ich, wie so oft, eine Reihe grausamer Enttäuschungen erleben. Zuerst, als ich das Schiff betrat und meinen Kajütenplatz einnahm. Die dritte Klasse nämlich unterscheidet sich nicht wesentlich von der ersten. Nur, daß hier rote Tapeten, dort weiß lackierte Holzwände sind, eventuell auch dadurch, daß in den Kabinen dritter Klasse bis zu zehn Passagiere untergebracht werden können. Dann das Essen. Es wird gute Hausmannskost in reichlichen Portionen gereicht. Daß, in den anderen Klassen etliche Gänge mehr gereicht werden, ist Neptun gleichgültig. Er fordert ohne Klassenunterschied seinen Tribut. A propos, Seekrankheit. Auch eine Enttäuschung. In Wien hatte man mir garantiert, daß ich sie haben werde. Dabei hatte sie mich (doch nur einige Minuten!). Man hat mir alle Stadien geschildert, vom ersten Herzenserguß bis zum Ende, da man nicht mehr die Kraft hat, seinen Lebensüberdruß praktisch zu verwerten. Und nun dauerte dieses Ereignis, dem man mit Spannung entgegensah, nur einige Minuten. Vielleicht wollte sich's Neptun nicht mit den böswilligen Skribenten verderben. Da sieht man wieder die Macht der Presse. Und dann erst die Passagiere. Die bereiteten mir die größte Enttäuschung. Ich hatte gehofft, hier interessante, abenteuerliche Gestalten zu treffen, die man zu Impressionen, seelischen Erlebnissen, zum ersten Kapitel eines Palästina- * buchs verarbeiten kann. Nichts dergleichen; da waren lauter prosaische Menschen. So drei junge deutsche Zionisten, ein Ingenieur und zwei Schlosser, die unten zusammen etwas unternehmen wollen; ein ostpreußischer Jude, dessen Eltern und Großeltern bereits Bauern waren und der nun als Landwirt in das Land der Väter geht; ein Arzt, der seinen Posten im öffentlichen Gesundheitsdienst eines Sukzessionsstaates aufgegeben hat, um die dort gewonnenen Erfahrungen und Kenntnisse «als Arzt und Organisator in den Dienst der alten Heimat zu stellen. Das Bild wird ergänzt durch einen Architekten, eine Röntgenassistentin, durch zwei Palästinenser, die ihre Studien in Berlin und Paris abgeschlossen haben. Zwischen dieser»