Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 25 (11.6.1926)
- Date
- 1926-06-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Rohling scheint an der fixen Idee zu leiden, die Juden brauchten Christenbhit. Und das möchte er gerne aus allen möglichen Schartheken herauslesen. Doch trösten sie sich. Wir haben hier Barmherzige Brüder, einen Orden, der nicht müde wird. Gutes zu tun. Und doch herrscht hier im gemeinen Volke ein gewisses Vorurteil geigen sie. Ich habe nämlich Leute getroffen, die steif und fest behaupten, die Barmherzigen brächten jährlich viele Menschen um, damit sie Menschenschmalz bekommjen. Also wieder ein Analogos. Es gibt eben so manchen haarsträubenden Unsinn, der in den Köpfen der Leute spukt. Und vier Jahrzehnte später spukt der Unsinn noch immer. Oskar Hirschfeld Das Judentum und der politische Mord. Im Hamburger „Israelitischen FamÜienblatt" schreibt Rabbiner Dr. S. Samuel. Essen: Als vor einigen Jahren die Kunde von den entsetzlichen Judenpogromen in der Ukraine zu uns drang, die sich an den Namen des Generals P e 11jura knüpften, war die Welt infolge des großen Mordens im Weltkrieg beinahe zu stumpf geworden, um davon entsprechend Notiz zu nehmen. Wir Juden freilich konnten die Schreckensnachrichten nicht so leicht zum Uebrigen legen. Aber in der allgemeinen Ohnmacht blieb uns nichts übrig, als an Hilfe für die Ueberlebenden. die Vertriebenen, Witwen und Waisen zu schreiten, 'da an politische Aktionen nicht zu denken war,. Die Zeiten des Hetmans Chelmnitzki waren wiedergekommen, die unseligen Ereignisse von 1648 wiederholten sich. Aber wer hätte gedacht, daß jetzt ein Ostjude den neuen Haman auf offener Straße überfallen und durch wohlgezielte Revolverschüsse niederstrecken würde? Dieser Mord ist für die meisten Zeitungsleser eine Sensation unter andern, für uns aber eine schwerwiegende Nachricht. Es wäre menschlich, wenn wir bei dem ersten Oedanken an die Person des Gemordeten etwas wie Genugtuung fühlten und wohl gar in dem Mörder das Werkzeug 'gerechter Vergeltung erblickten. Aber vom Standpunkt des Judentums aus sieht die Tat ganz anders aus und muß von uns verurteilt werden. Es ist viel zu wenig, wenn wir sagen, daß wir jeden Mord verabscheue n, aulch den aus politischen Motiven. Das steht schon im Dekalog, und noch hat niemand gewagt, dies Urwort nur auf den jüdischen Glaubensgenossen zu beziehen. Mag sein, daß Petljura den Tod um der niedergemetzelten Juden willen vielfach verdient hat (unter denen sich auch die Eltern des Schwarzbarth befunden haben), auch wenn mur der tausendste Teil von dem darüber bekannt Gewordenen traurige Wahrheit sein sollte. Aber unsere Religion und Ethik kennt nur das R e c h t d e r N o t w. e h r. wenn das eigene Leben unmittelbar vom Gegner bedroht ist. Niemand darf seinem ordentlichen Richter entzogen werden. Todesurteile gibt es nach rabbinischer Lehre nur durch einen ordentlichen irdischen Gerichtshof oder durch die Hand Gottes. „Wer als Richter dem Rechte1 zur Geltung verhilft, ist ein willkommener Genosse göttlicher Wirksamkeit." Kein Mensch hat die Vollmacht, sich selber Zwei merkwürdige Denkmäler. „Der Priester Eleasar nahm die kupfernen Rauchpfannen, mit welchen die Verbrannten dargebracht hatten, und man plattete sie rum Überzug des Altares." IV, 17, 4 Die Ereignisse, von denen die Tora berichtet, fallen entweder in die Zeit vor der Wüstenwanderung oder in das letzte Jahr vor Ende der Wüstenwanderung. Die 39 Jahre, während welcher das Volk in der Wüste umherirrte, sind eigentlich ereignislos. Nichts von Bedeutung scheint sich zugetragen zu haben. Das einzige Vorkommnis, das verzeichnet ist, ist die Empörung Korachs. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie der wohlverdienten Vergessenheit anheimfallen zu lassen. Indes hat die Schrift das Ereignis der Aufzeichnung für wert befunden und obendrein demselben ein merkwürdiges Denkmal errichtet. Korach, Datan, Abiram und On sammelten 250 Mann um sich und empörten sich gegen Moses und Aron. Das Gottesurteil entschied. Korach und seine Anhänger wurden vom Erdboden verschlungen. So erfreulich das Ende der Bösen und der Sieg der Guten jedermann stimmen muß, so traurig und niederdrückend bleibt die Tatsache, daß es eines solchen Machtmittels Gottes bedurfte, und ferner, daß eine so geringe Minderheit ein ganzes Volk gegen auserlesene, hochstehende, edle, ja göttliche Männer wie Moses und Aron aufzuhetzen vermochte und schließlich, daß dies Volk erst durch ein so außergewöhnliches, gewaltiges Gottesgericht — daß Gott etwas Neues, Unerhörtes schaffen mußte — zur Besinnung und besseren Erkenntnis kam. Das ist ein trauriger Beweis dafür, daß das Böse mehr Anziehungskraft besitzt, als das Gute und das menschliche Ohr besser auf Verleumdung, als auf Wahrheit hören mag. Nun sollten die 250 kupfernen Räucherpfannen der Empörer als Ueberzug für den Altar verwendet werden, „damit kein Unberufener sich künftig erdreiste und wie Korach und sein Anhang sei." Die alten Bibelerklärer stellen hier eine interessante Rechnung auf: Korach, Datan, Abiram, On und 250 Empörer sind zusammen 254, während nur von 250 Pfannen geredet wird. Sie erklären dies also: Korach hatte seine eigene Pfanne, wie aus dem Texte hervorgeht; Datan und Abiram gingen gar nicht zu Moses und waren so trotzig, daß sie selbst dieser Weisung nicht folgten. So bleibt nur On! On ist durch seine Frau abgehalten worden, an der Empörung teilzunehmen. Sie sagte zu ihm: „Was hast du mit diesem Streite zu sohaffen? Ob Aron oder Korach Hoherpriester ist, du wirst immer nur Untergeordneter bleiben!" Sie gab ihm Wein zu triken, daß er einschlief und die Zeit verschlief, da er zur Empörerversammlung hätte gehen sollen. Diese Anekdote und die kupfernen Altarplattett sind zwei hochinteressante Denkmäler; das eine für die Klugheit einer Frau, das andere für den „unsterblichen Korach". Denn Korachwünsche und -bestrebungen gibt es immer und überall. Am eifrigsten wird dieses Feld auf dem Gebiete des religiösen und Gemeindelebens bebaut. Um Unbedeutendes und Nichtiges kann eine ganze Gemeinde streiten, als gälte es den höchsten Gütern des Lebens. Für den sogenannten „Korach" ist nämlich bezeichnend, daß er stets um nebensächlicher Dinge willen den Streit anhebt und wegen Kleinigkeiten eine große Sache stört. Auf dem Altare lagen die schönen, platten Kupferplatten, die 'eine ebene Unterlage für Opfer ohne Hindernisse und Widerstände bildeten. So ist auch der Gemeindefrieden ohne Gegensätze und Reibungen die einzige Basis, auf der sich der Kultus erfreulich entwickelt und erhebt. Wie es aber keine leichte Arbeit war, die Kupferpfannen zu geraden, ebenen Platten zu schlagen, so ist es auch nicht leicht, alle verschiedenen Meinungen und Ansichten, Wünsche