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Die Wahrheit · 1926-06-04 · Heft 24 (4.6.1926) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 24 (4.6.1926)
Date
1926-06-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 24 Dg WAHRHEIT Seite 9 rBI»BBi« Wien IX. I "Berggasse 4* „Union Die Geschichte einer „Fälschung46. Seit Wochen bemüht sich die „Wiener Morgenzeitung" systematisch» durch Angriffe, Anrempeleien und andere journalistische Scherze, wohl um das schwindende Interesse ihrer spärlichen Leser wieder zu wecken, unsere Vereinigung in Polemiken mit ihr zu verwickeln. Die Dinge waren aber — offen gestanden — viel zu kleinlich und unbedeutend, um uns zu einer Widerlegung all dieser Falschmeldungen zu veranlassen, da viel belangreichere Angelegenheiten unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen und wir es weiters unter unserer Würde finden, immer wieder auf all die gehässigen Angriffe dieses Blattes zu reagieren. Nun aber hat die „Wiener Morgenzeitung" dadurch, daß sie es für richtig fand, einen bedeutenden, abseits des Parteilebens still wirkenden Gelehrten in den Parteikampf zu zerren, es doch erreicht, daß wir ihr heute eine Antwort erteilen, wenn wir auch nicht hoffen dürfen, daß diese ihren Beifall finden wird. Mit einem groben Geschütz fährt das jüdischnationale Blatt gegen unsere Vereinigung: auf, sie macht unserem Präsidenten, den sie immer wieder zum Zielpunkt ihrer niedrigen Invektiven zu wählen beliebt, keinen geringeren Vorwurf, als daß er „die Mitglieder der „Union" grob beschwindelt", „den Namen eines gefeierten Gelehrten skrupellos mißbraucht", also „einen politischen Betrug frivolster Art" verübt hätte. Was ist geschehen? Herrn Präsident Dr. Jakob Ornstein wurde von einem sehr verläßlichen Vereinsmitgliede der Inhalt eines Schreibens Professor Siegmund Freuds nicht gänzlich wortgetreu, aber sinngemäß mitgeteilt. In dieser ihm bekanntgegebenen Fassung wies Dr. Ornstein anläßlich unserer Delegiertenversammlung, die — wohlgemerkt! — vor dem Erscheinen des Abdruckes des Briefes, durch welchen Herr Dr. Ornstein zum ersten Male seinen genauen Wortlaut erfuhr, stattfand, auf diesen Brief hin, aus dem hervorgehe, daß Professor Freud kein Bekenner des das Judentum „schädigenden" Nationalismus ist. Darin nun soll eine Fälschung der Gesinnung Professor Freuds liegen. Denn die „Morgenzeitung" zitiert Wort für Wort den Text der Freudschen Erklärung, in der es heißt: „Ein nationales Hochgefühl habe ich, wenn ich dazu neigte, zu unterdrücken mich bemüht, als unheilvoll und Ungerecht, erschrecktdurchdiewarnenden Beispiele der Völker, unter denen die Juden wohnen." Aus diesem in der „Morgenzeitung*' selbst wörtlich wiedergegebenen Satze des Originalbriefes geht wohl für jeden Unbefangenen am deutlichsten hervor, daß Dr. Ornstein, respektive sein Gewährsmann, den Inhalt des Briefes richtig ver- U Postsparkassen - Konto H U | Nr. 9484 2 I ffl Te lephon Nr. 19-2-77 | l9HSBSISSS9l9Miarii stand, wenn er die Stellungnahme des Verfassers gegen den Nationalismus hervorhob. Das also ist die „politische Fälschung", das der „grobe Schwindel", das der „politische Betrug frivolster Art". Sie spotten ihrer selbst und wissen nicht wie. Denn es ist vollkommen einleuchtend, daß Professor Freud mit seinen Worten klar und deutlich zum Ausdruck bringt, daß er zum Nationaljudentum nicht nur keine persönliche Einstellung hat, als großer Weiser empfindet er sogar wie ein gleich Großer (Rabindranath Tagore) die Gefahren, weiche das zum Chauvinismus führende nationalistische „Hochgefühl" in sich birgt, das gerade in der „Wiener Morgenzeitung" in seiner niedrigsten Art zu Hause ist. Schließlich sei zu diesen leichtfertigen Beschuldigungen noch gesagt, daß Professor Siegmund Freud, wie wir mit Stolz und Freude hier verzeichnen wollen, seit vielen Jahren zu den — Mitgliedern unseres Vereines zählt. Vereinsversammhuig. Donnerstag, den 27. Mai fand Im Caf6 Ilion eine Versammlung der Mitgliedschaft Landstraße der „Union deutschösterreichischer Juden" unter Vorsitz des Obmannes dieser Ortsgruppe, Herrn Adolf Unger, statt Zu dieser Versammlung hatten sich neben Angehörigen des Bezirkes auch einige Kultusvorsteher, darunter Präsident Professor Dr. A. Pick, wie Mitglieder der Bezirkskommission mit deren Obmann Herrn Max Leo Popper eingefunden. Herr Obmann Adolf Unger eröffnete mit Worten der Begrüßung die Versammlung, die gemäß einem Beschlüsse der Delegiertenversammlung die erste einer Reihe ähnlicher Veranstaltungen in sämtlichen Ortsgruppen der „Union" darstellte. Herr Alexius Salz er erstattete ein eingehendes Referat über die „Bedeutung der Juden im Wirtschaftsleben" das wegen seiner großen Aktualität, aber auch durch die hinreißende Wiedergabe des Redners allgemeinen Beifall fand. Der Referent ging von den historischen Gründen für die anerkannte Position den Juden in der Wirtschaft aus, die er darin fand, daß angesichts der Zusammendrängung der Juden in Ghettos und des Verbotes für sie, lediglich das Geld- und Mäklerwesen zu betreiben, sie ausschließlich in diese wirtschaftliche Stellung gedrängt wurden, die ein1 treuer Familiensinn vom Vater auf den Sohn vererbte. Weiters spielt für die freien geistigen Berufe der Umstand eine große Rolle, daß selbst in der ärmsten jüdischen Familie das Bestreben der oft darbenden Eltern dahin ging, ihre Söhne einen höheren Bildungsgrad erwerben zu lassen, während die begrüßenswerte Zuführung in produktive Handwerkszweige nicht in dem gewünschten raschen Tempo vor sich ging. So haben die Juden kraft ihrer Erfahrung, ihres fachmännischen Wesens, ihrer klugen Berechnung und vor allem ihrer Wahrhaftigkeit in geschäftlichen Dingen sich ihre derzeitige Position in allen wirtschaftlichen Zweigen errungen, in denen ihre geistige Kapazität selbst bei den Gegnern Anerkennung findet Aber der Umstand, daß überhaupt Juden in diese Berufszweige eingedrungen sind, fördert den wirtschaftlichen Antisemitismus, der letzten Endes nichts anderes als Brotneid darstellt Und deshalb ertönt immer wieder das Schlagwort „Kauft nicht beim Juden!", das aber seine Wirkung selbst in der kleinsten Prvoinzstadt verfehlt, wo der Käufer sich lieber an den jüdischen Kaufmann wendet der modernere, billigere und geschmackvollere Waren führt und sich vor allem der Psyche des Käufers vollkommen anpassen kann. Die Bedeutung der Juden im Wirtschaftsleben legt ihnen aber bei all

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