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Die Wahrheit · 1926-06-04 · Heft 24 (4.6.1926) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 24 (4.6.1926)
Date
1926-06-04
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 24 jüdischen Herzen, das nunmehr für immer zu schlagen aufgehört hat. Dabei verlor er niemals die großen weltpolitischen Zusammenhänge aus dem Auge und war trotz seines zahlenmäßig geringen Anhanges kraft seiner Persönlichkeit ein Faktor im innerpolitischen Leben Ungarns, der nicht übergangen werden konnte. Erst jüngst, als die unselige Francsiälscheraifäre das Ansehen und den Ruf seines Vaterlandes bedrohte, wies er offen und furchtlos auf die schweren inneren Mängel hin, die ein solches Verbrechen überhaupt möglich machen konnten, und riß denen, die unter der Maske des Patriotismus ihre eigenen Geschäfte besorgen wollten, diese Maske unerbittlich vom Gesichte. Sie konnten die Wahrheit nicht vertragen. Der Jude mußte unschädlich gemacht werden. Es folgte ein Attentatsversuch, der mit einer Verletzung des bereits schwer herzleidenden Mannes endete. Vazsonyi sagte weiter die Wahrheit, deren Durchsetzung ihm im Interesse des Wiederaufbaues seines durch Krieg, Revolution und Gegenrevolution schwer erschütterten Vaterlandes dringend notwendig erschien. Es folgte eine Anklage, welche ihn beschuldigte, das Ansehen der Nation herabgesetzt zu haben. Diese scheint nun den durch Krankheit und Aufregungen der letzten Wochen und durch das Attentat Zermürbten vollständig gebrochen zu haben. So starb einer der größten ungarischen Patrioten, ein Mann, der sein Bestes für das Vaterland gegeben hat, unter der schweren Beschuldigung, das Ansehen dieses seines heißgeliebten Vaterlandes herabgesetzt zu haben. Die Nachricht von dem Hinscheiden Vazsonyis, welches Samstag, den 29. v. M. in den frühen Morgenstunden erfolgt war, verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Baden und rief in der dortfeen Judeascfaaft große Bestürzung hervor; herrschte doch allgemein die Meinung, daß der ungarische Parlamentarier, der sich in den letzten Tagen wohler gefühlt hatte, die Krise bereits überstanden habe. Umso unvermittelter kam die Nachricht von seinem Tode, Mit Rücksicht auf die Sabbatruhe konnte die Ueberführung der Leiche vom Sanatorium Gutenbrunn, wo Vazsonyi seine letzten Tage verbracht hatte, in die /Totenkammer des Friedhofes der Badener israel. Kultusgemeinde erst in den späten Abendstunden durchgeführt werden. Trotzdem fand die Ueberführung, die von der Badener Kultusgemeinde gemeinsam mit der dortigen Chewra Kadischa besorgt wurde, unter ungeheurer Beteiligung statt. Während der Nacht hielten Mitglieder des Badener KultusvorStandes am Sarge des Verstorbenen Ehrenwache. t Sonntag, den 30. v. M., um 11 Uhr vormittags, fand in der Friedhofshalle eine ergreifende Trauerfeier statt, welcher die Witwe, der Sohn und die nächsten Anverwandten des Verstorbenen, zahlreiche Trauergäste aus Wien und Budapest sowie viele offizielle Persönlichkeiten beiwohnten. Erschienen waren unter anderen der Gesamtvorstand der Badener Kultusgemeinde unter Führung des Präsidenten Braun, der Vorstand der Badener Chewra Kadischa unter Führung des Präsidenten Lackenbacher, in Vertretung der Wiener Kultusgemeinde kondolierte Vizepräsident Dr.Jakob Ornstein, in Vertretung der Stadtgemeinde Baden Bürgermeister A. Brusatti, ferner die aus Budapest gekommenen Retehstagsabgeordneten Dr. Brody, Dr. F a b i a n, und Josef Dr. Pakots. Nachdem Oberkantor Heinrich Fischer aus Wien mit großem Chore die Trauergesänge in ergreifender Weise zum Vortrage gebracht hatte, hielt Oberrabbiner Reich eine so tief empfundene Trauerrede, daß sich seine eigene innere Ergriffenheit der nach Hunderten zählenden Trauergemeinde übertrug. Die Zöglinge des Badener jüdischen Waisenhauses bildeten an der Bahre Spalier. Am Nachmittag wurden die sterblichen Ueberreste Vazsonyis in einen von der Sta4tgemeinde Budapest gesendeten Trauerwagen gehoben und nach Budapest überführt, woselbst das Leichenbegängnis am Dienstag, den 2. d. M. stattfand. Vor dem Gebäude des Demokratischen Klubs stauten sich schon in den frühen Vormittagsstunden tausende Menschen, um der Ueberführung der Leiche Vazsonyis.. in das Rathaus beizuwohnen. Gegen Mittag wurde die Umgebung des Klubs im weiten Umkreis für jeglichen Verkehr gesperrt. Auch der Straßenbahn- Feuilleton Challa. Es geschehe, wenn ihr esBet von dem Brote des Landes, so liebet ab eine Hebe für Gott. IV. 15, 19 Der ewige Zusammenhang zwischen der Nährmutter Erde und dem lebenspendenden* Brote gibt sich unzweideutig in dem Segensspruche über das Brot kund, der lautet: „Der hervorgehen läßt das Brot aus der E r d e". Ohne Erde — kein Brot!' Aus der brot- und lebenslosen Wüste zieht Israel in ein Land, soll Grund und Boden erhalten, der nährt und ernährt, Brot und Leben spendet. Die Not ums tägliche Brot soll enden, die Arbeit fürs Brot beginnen. So groß und wichtig ist solches, daß später nach vierzigjähriger Wanderung die heil. Schrift ausdrücklich verzeichnet: „Das Manna hörte auf und die Israeliten aßen vom Ertrage deä Bodens." Das ist im Leben eines jeden ernsten Menschen ein großer Tag, da man sein erstes selbstverdientes Geld heimbringt, und ein großer Tag war es für Israel, an dem es der Wüste und dem Angewiesensein auf das Brot des Himmels Abschied nehmen durfte. Dementsprechend war die Seelenstimmung, die innere Einstellung des Volkes, als es an der Schwelle des verheißenen Landes stand und Moses zwölf Fürsten als Kundschafter aussendet, die Güte und Beschaffenheit des neuen Wohnsitzes zu erforschen. Moses sendet die Kundschafter mit dem Auftrage aus: „Achtet auf'.das Land, den Boden, wie er ist" und jeder der Verse, die er spricht, beginnt mit: „Wie das Land ist", was er dreimal wiederholt. Die Kundschafter kommen zurück, bringen Trauben, Granaten und Feigen und erzählen, daß es ein Land fließend von Milch und Honig sei. Nichts aber reden sie vom Brot, das doch das Wichtigste ist* Was nützen Trauben, Granaten und Feigen, wenn das Brot fehlt? Anders hat Moses selbst das Land gekennzeichnet, als er vor seinem Tode davon zu Israel sprach: „Es ist ein Land des Weizens und der Gerste." Für ihn war das erste und wichtigste, daß Brotfrucht im Lande wächst, und der Boden, von fleißiger Hand bearbeitet, seinen Arbeitern Brot gibt, nicht Leckerbissen. Nicht Wein, Granaten und Feigen stehen an erster Stelle, zuerst kommt das Brot! Auch Josua und Kaleb haben gefühlt, daß nur eines dem Volke Mut machen kann, wenn es nämlich weiß, daß im Lande für Brot gesorgt ist, und so sprechen sie, wenn auch' bildlich, das große Wort aus. „Fürchtet nicht das Volk des Landes, sie sind unser Brot" Es gibt' Brot im Lande; woher, ist gleichgültig, aber es gibt und darum soll das Volk Mut haben. So offenbart sich verschiedene Auffassung vom Leben und Lebenskampfe in deu Worten, die man spricht. Moses sucht ein Land, dessen Boden nährt, ehrlich und redlich ernährt; die Kundschafter suchen ein Land der Genüsse, des Luxus und der Behaglichkeit. Josua und Kaleb sind zufrieden, wenn es Brot gibt, selbst wenn dieses erkämpft und erstritten werden muß. Moses gleicht einem Vater, der seinen Kindern eine Versorgung, einen Beruf, eine gesicherte Zukunft geben will; die Kundschafter gleichen den Kindern, die sorglosen, leichten Genuß, Ueppigkeit und Fülle vom Leben verlangen, aber von Mühe, Kampf und Sorgen nichts wissen wollen. Josua und Kaleb gleichen Kindern, die sich selber auf Grund und Boden, in Geschäft und Beruf des Vaters weiter mühen, arbeiten und ernten, verdienen und erkämpfen wollen. Deshalb sagt die Thora von diesen beiden, daß in ihnen ein anerer besserer Geist lebte und sie ins Land einziehen' dürfen, während die Kundschafter und das Geschlecht, das ihre Lebensauffassung teilte, .aussterben mußte. Darum verkündet die Thora im Anschlüsse ah die Geschichte der Kundschafter die Bestimmung von der Challa, das Gebot der Abgabe vom Teige: „Wenn ihr esset

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