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Die Wahrheit · 1926-06-04 · Heft 24 (4.6.1926) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 24 (4.6.1926)
Date
1926-06-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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OestcrreicMsche Wocliensdulil für (fidisdie Interessen __ Uli dem Beiblatt; VeröffentUfflangen der ..Union deniscüösterreidilsdia Juden Redaktion und Administration: Wies» Heslnesstfratt« 13. - Fernruf 42-2-16 XLII. Jahrgang Wien, 4. Juni 1926 Nummer 24 Wilhelm Vazsonyi. Samstag, den 29. Mai ist in Baden bei Wien der ungarische Abgeordnete und ehemalige Justizminister, Geheimrat Dr. Wilhelm Vazsonyi an den Folgen eines Herzleidens, an dem er schon lange litt, im Alter von 58 Jahren gestorben. Fern seiner geliebten Heimat, fern von Ungarn, an dem er mit allen Fasern seines Herzens hing, hat Vaszonyi für immer die Augen geschlossen, physisch schwer getroffen durch das Attentat, das zwei rassenschützlerische Mordgesellen auf ihn verübten, und psychisch noch schwerer getroffen durch all den Undank, mit dem sein Land die große Liebe erwiderte, die er ihm entgegenbrachte. Wilhelm Vazsonyi war Politiker: ein leidenschaftlicher Politiker und ein Politiker von großem Zuschnitt. Sein Leben und Wirken war ein gewaltiger Protest gegen diejenigen, die da behaupten, daß Politik mit Moral nichts zu tun habe. Für ihn flössen diese beiden Begriffe in einen zusammen, denn für ihn war Politik nicht ein Mittel, nämlich das Mittel zur Erringung der Gewalt über die Massen und im Staate, für ihn war Politik vielmehr Selbstzweck, die Verwirklichung des Guten, des sozial Richtigen im Staate und in der Gesellschaft. Und was ihn als Politiker auszeichnete und auch das Geheimnis seines Erfolges, seiner geradezu beispielslosen Karriere, es war: Wahrhaftigkeit, eine Tugend, die heute freilich von den meisten führenden Politikern seines Vaterlandes gering geachtet wird. Diese einzigartige, unbeugsame, abselute Wahrhaftigkeit, sie entsprang der unwandelbaren Treue gegen sich selbst, seine Ueberzeugung und den Glauben seiner Väter. Ob er nun, der Sohn eines armen jüdischen Lehrers in S ü m e g, in Not und Entbehrungen seine Universitätsstudien vollzog oder an der Spitze der von ihm gegründeten demokratischen Partei den Einzug in die Budapester Kommune hielt, ob er als Justizminister eine der höchsten und einflußreichsten Stellen in seinem Vaterlande bekleidete, oder während der Räteregierung, zu deren entschiedensten Gegnern er zählte, fern der Heimat in selbstgewählter Verbannung lebte, immer blieb er ein aufrechter und stolzer Sohn des Judentums. Als nach dem Sturze Stephan Tiszas, mit dem der Demokrat Vazsonyi in erbittertem Kampfe gestanden war, Graf Moriz Eszterhäzy von König Karl mit der Kabinettsbildung beauftragt wurde und Wilhelm Vazsonyi das Justizportefeuille, mit welchem die Geheimratswürde verbunden ist, anbot, da zeigte sich der aufrechte Charakter des jüdischen Demokraten. Der Geheimratseid war ein streng kirchlich-katholisches Gelöbnis und Wilhelm Vazsonyi erklärte sich nur unter der Bedingung bereit, die Geheimratswürde anzunehmen, daß er einen Eid leisten dürfe, der sein jüdischreligiöses Empfinden nicht verletze, eine Bedingung, welche damals Hof und Kirche herausfordern mußte; doch Vazsonyi siegte: für ihn wurde ein eigener Geheimratseid formuliert. Diesem Eid ist Vazsonyi bis an sein Lebensende treugeblieben; er war L e g i t i m i s t und befand sich in entschiedener Opposition zur gegenwärtigen Regierung, der er es niemals verzeihen konnte, daß sie den gekrönten König von Ungarn mit Kanonen und Maschinengewehren aus seinem Lande vertrieben hatte. Man kann über Legitimismus verschiedener Ansicht sein, dennoch aber wird man dem Manne den Zoll der Achtung nicht versagen können, der dem geschworenen Eide ebenso unter allen Umständen treu geblieben ist, wie er in der Treue zu seinem Glauben niemals wankend wurde. Und gerade wegen seines Glaubens und seiner jüdischen Abstammung wurde Vazsonyi furchtbar angefeindet, nachdem er aus der Verbannung wieder nach Ungarn zurückgekehrt war. Kein Tag verging ohne offene oder versteckte Drohung gegen seine Person. Doch die da glaubten, ihn auf diese Weise einschüchtern zu können, kannten Vazsonyi schlecht. Unerschrocken und furchtlos trat er für Recht und Gerechtigkeit ein, unablässig kämpfte er für seine bedrohten und entrechteten Glaubensbrüder. Und er wurde von ihnen geliebt wie ein Vater von seinen Kindern. Sie blickten zu ihm empor in Not und Bedrängnis, sie folgten seinem weisen Rat und vertrauten sich voll und ganz seinem Schutze an. So wurde Vazsonyi zum Führer des ungarischen Judentums und Vorkämpfer für dessen Rechte. Er kämpfte für diese Rechte in und außerhalb des Parlamentes, dessen Mitglied er war, er kämpfte für sie mit der ganzen Kraft seiner Ueber- ^eugung, mit seiner unübertrefflichen Rednergabe, mit seinem ungewöhnlichen politischen Scharfblick und der meisterhaften Beherrschung des ungarischen und internationalen Rechtes; er kämpfte für seine Glaubensbrüder mit seiner ganzen Seele und seinen ganzen Herzen, mit jenem wackeren

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