Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 23 (28.5.1926)
- Date
- 1926-05-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 23 Seite 9 jj Wahrheiten vom Tage Hl Sklaverei scheint manchem völkischen Schriftsteller ein unerreichbarer Idealzustand zu sein. Nicht allein, daß sie ihrem Volke geistige Ketten des Rassenvorurteils, des Menschen- und Völkerhasses wieder anlegen möchten, ihnen geht vielmehr die ganze Entwicklung, welche die Weltgeschichte in den letzen Jahrhunderten genommen hat, wider den Strich. Diese freien Bürger wider Willen machen aher auch uns Juden wie für alles Schlechte, so auch dafür verantwortlich, daß aus Sklaven, Unfreien, Untertanen und Hörigen freie Menschen geworden sind, die über ihr Schicksal nach eigenem Gutdünken verfügen können und nicht deT Laune und Willkür von Despoten, Autokraten oder Selbstherrscher ausgesetzt sind. Wenn Herr Theodor Fritsch im „Hammer" vom 1. Mai unter dem Titel „Der Stern Jflufldflafls" in dem Satze im Pessacha r t i k e 1 der „W a h r h-e i t", der die Befreiung aus der ägyptischen Knechtschaft mit den Revolutionen von 1789. 1848 und 1918 vergleicht, das Eingeständnis erblickt, daß wir Juden die ..Hauptschuld" an allen Revolutionen tragen, dann wäre ihm darauf zu sagen: Schuld an den meisten Revolutionen, insbesondere an den genannten sind nicht die Unterdrückten gewiesen, die sich gegen Rechtlosigkeit und Gewaltherrschaft aufgebäumt haben, sondern die Unterdrücker, welche mit ihrer Macht Mißbrauch getrieben haben. Die Juden aber haben stets zu den Unterdrückten gehört und die Macht der Herrschenden immer am schwersten zu spüren bekommen. Wenn Herr Fritsch hehauntet, „daß die nationalem Zusammenbrüche seiner WirtsvölkerÜ) die glorreichen Höhepunkte in der Geschichte des jüdischen Volkes bilden", dann wäre das auch dann nicht richtis:. wenn Herr Fritsch, wie es scheint, die Zusammenbrüche der Dynastien mit denen der von ihnen beherrschten Nationen identifiziert. Kein vernünftiger Mensch wird Revolutionen, die immer unter den schwersten Erschütterungen des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens vor sich gehen und selbstverständlich auch die Juden schwer in Mitleidenschaft ziehen müssen, als „glorreiche Höhepunkte ihrer Geschichte" bezeichnen. Doch in gewissem Sinne kann man Herrn Fritsch nicht unrecht geben, wenn er von einer „Schuld" des Judentums an der allmählichen Befreiung der Menschen aus den Ketten der Sklaverei spricht. Es war der Geist des Sinai, der Geist der Zehngebote, der, von Juden gehegt und verbreitet, vom Christentum übernommen, sich langsam, aber unaufhaltsam Bahn gebrochen hat. es war der Gedanke des Widerstandes gegen Tyrannenmacht der in der Offenbarung am Sinai und besonders im ersten Gebote zum Ausdrucke kommt. „Sehr mit Recht", schreibt Herr Fritsch, „beruft er (nämlich der Verfasser des Pessachartikels) sich auf den Stamme^götzen seiner nomadischen Horde, der ihr die Verheißung gegeben hat, daß er ihr alle Völker zum Fräße vorwerfen werde". So spiegelt sich das gewaltige Ereignis der Offenbarung in dem Gehirn derer, welche die Ueberwindung der Sklaverei als ein „nationales" Unglück betrachten und die knechtische Gesinnung von ehemals wieder herstellen möchten. Alles von den Juden — nichts für die Juden! Wie im Vorjahre, so wollen auch jetzt wieder die Zionisten beim Völkerbund Beschwerde über die merkwürdige Art führen, mit der England die Versprechungen der Balfour-Deklaration erfüllt. Das neue zionistische Memorandum unterstreicht die Ungerechtigkeit, daß der Ertrag der allgemeinen Besteuerung Palästinas fast ausschließlich für die Errichtung und Aufrechterhaltung arabischer Schulen verwendet werde, während die Juden die Unkosten der hebräischen Schulen selbst decken müssen. Ferner weist das Memorandum darauf hin, daß obwohl das Mandat bereits längere Zeit in Kraft ist, der Paragraph 6 des Mandats, der die dichte Ansiedlung der Juden auf dem Lande, einschließlich Staatsboden und Oedland, das nicht für öffentliche Zwecke gebraucht wird, vorsieht, noch immer fast gänzlich unwirksam geblieben ist. — In der Antwort der englischen Regierung ist von moralischen Rechten der jetzigen Bewohner der palästinensischen Staatsländereien die Rede. Ueber die moralischen Rechte der Juden, die für das britische Mandatland Gelder in der ganzen Welt sammeln, schweigt sich die Regierungsnote aus. Caveant consules. Adolf Hitler hat eine politische Broschüre „Die Südtiroler Frage und das deutsche Bündnisprobiem" geschrieben, in der er sich von der Höhe eigener Weltanschauung mit der Zeitlage abzufinden trachtet und den ganzen Rummel wie immer in die eine zwingende Formel von der Alleinschuld der Juden bringt Er hat allerdings Routine, wenn auch seine Argumente nicht originell sind und er mit einer groben Beflegeliung der beutigen deutschen Politiker beginnt, die natürlich samt und sonders Sklaven einer großzügig angelegten jüdischen Verschwörung mit bolschewistischen Endzielen sind. Nur der deutsche Michel merkt's noch immer nicht! Wozu nehmen sie sich eigentlich der Südtiroler Deutschen an? Um das demonstrieren zu können, muß — Japan gut genug sein. Was hat nun allerdings dieses fernöstliche Inselreich mit dem Alpenland Tirol zu tun? Sehr einfach und geradezu mit zwingender Logik argumentiert Hitler: ..Der Jude... scheut in seinem tausendjährigen Judenreich einen japanischen Nationalstaat und wünscht deshalb seine Vernichtung noch vor Begründung seiner eigenen Diktatur. So hetzt er heute die Völker gegen Japan wie gegen Deutschland" und Deutschland gegen das üaszistische Italien, das „der überstaatlichen Macht des Judentums die Giftzähne ausgebrochen hat." Also lackiert der deutsche Mussolini in spe seine biedere Gefolgschaft; man erinnert sich, daß der gute Mann bekanntlich von Haus aus Anstreicher und Lackverergeselle in Oberösterreich war. Die Berliner Repräsendantenwahl. Die am Sonntag, den 16. d. M. in Berlin stattgehabten Neuwahlen in den Vorstand der jüdischen Gemeinde ergaben das folgende Resultat: von insgesamt etwa 50.000 Stimmen haben die L i b e r a 1 e n 23.500. die Zionisten („Jüdische Volkspartei") 16.000, die religiöse Mittelpartei 5500, die Konservativen 3000, die Poale-Zionisten 2000 Stimmen erhalten. Nach dem Skrutinium des Wahl- Driifungsausschusses steht fest, daß die Liberalen 10 (wie bisher), die Zionisten 8 (bisher 5), die religiöse Mittelpartei 2 (wie bisher) und die Konservativen 1 (bisher 4) Mandate erhalten haben, während Poale-Zion ausgefallen ist. Der Besitzstand der Liberalen ist somit erhalten geblieben. Die Konservativen und Mittelparteiler haben außerordentlich schlecht abgeschnitten und werden, zugunsten der Zionisten gewaltig geschwächt, in die neue Versammlung einziehen. Interessant war die nicht in allen Stadtbezirken gleiche Wahlbeeiligung. Während in den von Ostjuden stark bewohnten Berliner Bezirken 80 bis 90 Prozent Wahlbeteiligung festgestellt wurde, betrug sie im Berliner Westen und in den Außenbezirken teilweise nicht einmal 30 Prozent. Viel geklagt wird über die Art und Weise, in der der amtliche Wahlleiter, der Zionist Kareski, die Wahlen organisiert hat. Darüber schreibt die .Jüd.-Lib.-Zeitung": Es gibt kaum eine Vorschrift des Statuts der Berliner jüdischen Gemeinde, das ein amtlicher Wahlvorsteher doch kennen sollte, die nicht in der flagrantesten Weise verletzt worden wäre... Da ist nichts versäumt worden, um durch „günstige" Legung der Wahllokale, eigenartiee Einteilung der Bezirke und willkürliche Nachtragungen in die Wählerlisten ein wenig „corriger la fortune" zu spielen. Die Berliner Wählerschaft wird sich bei ihm und bei seinen zionistischen Freunden bedanken müssen, wenn sie in einiger Zeit nochmals zur Wahl schreiten muß. Bereits in der Sitzung der WahlDrüfungskommission sind zahlreiche vorläufige Rügen zu Protokoll gegeben worden. Es besteht aber, wie von gut unterrichteter Seite verlautet, sogar die Absicht, die gesamte Wahl wegen der zahlreichen schweren Vorstöße, die den Willen der Wähler völlig zu entstellen geeignet waren, bei der Aufsichtsbehörde anzufechten." — Besonders eigenartig war die Berichterstattung der „Wiener Morgenzeitung" über das Ergebnis der Wahlen. Sie faselt da etwas von einer „Verschiebung der Majoratsverhältnisse", da nach ihr den zehn neugewählten liberalen Repräsentanten elf Oppositionelle gegenüberstehen, „während bisher das Verhältnis ein umgekehrtes war." Eine einfache Addition der von dem jüdischnationalen Organ selbst angegebenen bisherigen oppositionellen Mandatsziffern und ein Vergleich dieser Summe mit der der neugewählten oppositionellen Mandatare muß selbst dem oberflächlichsten Leser des Blattes die falsche Rechnung erweisen. Aber schlechte Rechner waren die Herren immer, sonst könnten sie auch trotz der großen Verbrüderung bei den Wahlkämnfen nicht mit solcher Bestimmtheit damit rechnen, daß in allen Fragen ein fester Block gegen die Liberalen geschmiedet werden wird, zumal wir wissen, daß unter den Mittelparteilern auch Persönlichkeiten sich befinden, die in Fragen des Kultus und der Stellung zum Nationaljudentum sich vom liberalen Standpunkt nicht viel unterscheiden. Auch der fast völlige Ausfall des orthodoxen Flügels in der Repräsentantenversammlung wird den Konservativen tehren, daß ein Großteil ihrer Anhänger nur wegen der Verbrüderung mit den