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Die Wahrheit · 1926-05-28 · Heft 23 (28.5.1926) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 23 (28.5.1926)
Date
1926-05-28
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 10 DIE WAHRHEIT Nr. 23 Zionisten ganz ferngeblieben ist. In Deutschland wird sich eben das gesetzestreue Judentum, wenn es sich als selbständiger Faktor im deutschen jüdischen Leben erhalten will, darauf besinnen müssen, daß es, wenn es mit national jüdischen Ideen zu paktieren anfängt, zu einem bloßen Anhängsel der zionistischen Organisation werden wird. Gegen den Numerus clausus. Die letzte Nummer des „Magyar Szemt" (Ungarische Rundschau), des Organs der •ungarischen Kolonien in Deutschland, beschäftigt sich mit der Frage des Numerus clausus. Das Blatt enthält sehr wertvolle Beiträge deutscher Literaten, z. B. solche von Theodor W o 1 f f und Georg Bernhard. Der Präsident des Deutschen Reichstags, der Sozialdemokrat Lobe, hat sich mit folgenden bemerkenswerten Sätzen geäußert: „Die Universitäten müßten ohne Ansehen der Herkunft und des Geldbeutels jedem offenstehen, der die nötige Begabung besitzt. Dann würden dort nicht so viele eingebildete junge Leute herumlaufen, die glauben, auf ihre Abstammung stolz sein zu dürfen und die ihr Vaterland mit politischen Albernheiten blamieren. Ein Vorschlag, die Zulassung zum Hochschulstudium irgendwie von Religion oder Rasse abhängig zu machen, würde hierzulande von der ungeheuren Mehrheit dies Volkes als unsinnig und eines Kulturstaates unwürdig abgelehnt werden." Ein französischer Antisemit aus Wien ausgewiesen. Der Wiener Korrespondent der Pariser „Action frangaise" Fernand Dagron ist auf Gerichtsbeschluß von der Wiener Polizeidirektion als lästiger Ausländer ausgewiesen worden. Er hat gegen die Verfügung Einspruch erhoben. Die „Action francaise" ist ein exzessiv antisemitisches Organ und seine Aeußenungen werden gerne von der deutschen Hakenkreuzpresse zitiert. Dagron war vor etwa anderthalb Jahren in eine Betrugsaffäre verwickelt. Verbannung der Bettler aus Jerusalem.' Jerusalem soll jetzt mit dem Fortschritt der Zivilisation ein Element verlieren, das dem Straßenbild, ein malerisches, wenn auch häufig freilich ein unerwünschtes Aussehen verlieh. Die Bettler, die ja im Orient überhaupt bisher eine so große Rolle gespielt haben, und in Jerusalem besonders zahlreich zusammenströmten, sollen aus der Stadt verbannt werden. Bisher bildeten sie eine große Klasse, die gewisse Privilegien genoß, und die ihre „Rechte" ausgiebig benützte. Die Behörden von Jerusalem haben aber jetzt ein Gesetz erlassen, nach dem jeder, der in der Mauern von Jerusalem bettelnd ertappt wird, mit einer schweren Geldstrafe belegt wird. Von dieser Verordnung werden nicht nur Bettler betroffen, sondern auch die zahlreichen, die nach irgend einer Leistung einen gehörigen „Bakschich" fordern oder sonst durch ihre Zudringlichkeit den Fremden lästig fallen. Diese strenge Maßnahme ist auf die vielen Beschwerden der Touristen zurückzuführen, die sich der Zahl der Bettelnden und ihre Dienste Anbietenden nicht mehr erwehren konnten. Die Ladenbesitzer dürfen also nicht mehr die vorübergehenden Fremden mit „eiserner Hand" zur Besichtigung ihrer Herrlichkeiten auffordern und ihnen irgend etwas aufdrängen. Die Führer dürfen nicht mehr ihre Dienste in marktschreierischer Form anbieten; überhaupt wird jede Belästigung des Publikums bestraft Beschleunigt wurde diese behördliche Maßnahme durch mehrfache Intervention der jüdischen Organisationen, die durch Schaffung sozialfürsorgj icher Anstalten dem jüdischen Straßenbettel an den Leib rücken. Die Fremdenführer sind gewerkschaftlich organisiert, hingegen waren die. arabischen und christlichen Straßenbettler nicht anders von den Gassen Jerusalems zu verbannen als durch ein Strafgesetz gegen Bettelei. Professor Hans Driesch, über die „Protokolle der Weisen von Zion". Einer der berühmtesten deutschen Philosophen der Gegenwart Professor Hans Driesch in Leipzig, der Nachfolger von Wilhelm Wundt auf dem Lehrstuhl der Philosophie an der dortigen Universität der erste, welcher nach dem Kriege berufen wurde, an englischen Universitäten über die gegenwärtige deutsehe Philosophie Vorträge zu halten, richtete an Benjamin Segel, den Verfasser des Buches „Die Protokolle der Weisen von Zion kritisch beleuchtet eine Erledigung" (Philo-Verlag, Berlin, 1924) folgendes Schreiben: Leipzig, 13. V. 26. Sehr geehrter Herr Segel! Das Buch, welches Sie vor einigen Wochen mir zuzusenden die Freundlichkeit hatten, habe ich jetzt vollständig gelesen. Ich kannte die „Protokolle" schon teilweise durch einen Bekannten, aber es war mir sehr wertvoll, Ihr Buch einmal vollständg im Zusammenhange durchzustudieren. Sie haben mit Ihrer Beweisführung vollkommen Recht, und Sie haben auch Recht, wenn Sie sagen, daß. es eine Schande für unsere Zeit ist, daß eine kritische sorgfältige Arbeit über einen so blödsinnigen Gegenstand nötig war. Sie war nötig und Sie haben sie geleistet und damit der Vernunft einen wirklich Dienst erwiesen, In aufrichtiger Hochachtung Ihr ergebenster Hans Driesch. Klassische Bildung. Wäre sie nicht von den größten deutschen Denker und Dichter dem deutschen Volke als Urquell des Geistes geschenkt worden, man müsse sie rein für eine — jüdische Erfindung halten, einzig uild allein dazu bestimmt, dem stolzen arischen Jüngling Schwierigkeiten zu schaffen, ihm Schlingen vom die Füße zu werfen, in denen er sich rettungslos verfängt. Warum haben auch Schiller und Goethe ausgerechnet die Griechen und Römer so geschätzt, zwei Völker, deren Feindschaft gegen den arischen Qeist bereits in der komplizierten Natur ihrer Grammatik zum Ausdruck kommt? (Man denke nur an die unregelmäßigen Zeitwörter im Lateinischen oder an den gefürchteten griechischen Aorist, der wahrscheinlich auch eine jüdische Erfindung ist). Und gar die griechische Mythologie mit ihren zahlreichen leicht zu verwechselnden Namen, sie stellt, wie sich später zeigen wird, eine schwere Belastungsprobe für arische Gehirne dar. Doch es gehört einmal zum guten Ton mit klassischen Zitaten, auch wenn diese gerade ehrenrührigen Inhaltes sind, bei allen möglichen (und unmöglichen) Gelegenheiten herumzuwerfen, und wer außerdem noch einen Beweis seines Geistes und seiner hohen Bildung ablegen will, braucht nur den Namen eines griechischen Gottes oder einer Göttin zu nennen und — alles ist überwältigt. Ob der Name auch richtig gewählt oder überhaupt am Platze ist, solche rein jüdischen Zersetzungstrieben entspringend© Fragen werden in Hakenkreuzlerkreisen natürlich nicht gestellt. Wozu auch? „Der Nationalsozialist" bringt in seiner Nummer vom 8. Mai den Bericht eines arischen „Geisteshelden" über „Jüdischen Heldengeist", der mit einigen von wahrhaft klassischer Bildung zeugenden Stellen geschmückt ist: „Doch mit des Geschickes Mächten ist kein e/w'ger Bund zu flechten — und der Jud ist überall." Armer Schiller! Das hättest du dir wohl nicht träumen lassen, wie einst dein herrliches „Lied von der Glocke" von rassestolzen Ariern veranstaltet werden wird. Doch, weil gerade von „träumen" die Rede ist, sei auch folgende Stelle angeführt, eine Stelle, an der nämlich gerade der Einsender .^nichts ahnend in Orpheus Arme versinkt". Wohlgemerkt: „Nichts ahnend" (was wir ihm gerne glauben wollen) versinkt der Schreiber in die Arme des berühtmen griechischen Sängers „Orpheus", den er offenbar mit dem Gotte des Schlafes, beziehungsweise Traumes „Morpheus" verwechselt. Schließlich ist das Uebel kein so großes, wenn man bedenkt, daß der Sohn der Kalliope, der durch seinen Gesang selbst Tiere, Bäume und Steine bezaubert haben soll, sich vom griechischen Traumgott nur durch einen einzigen Buchstaben, nämlich das „M", unterscheidet. Doch vielleicht sind auch an dieser Verwechslung die verdammten Juden schuld, insofer.ne nämlich als Meister Offenbach, der bekanntlich ein Jude war, durch seine komische Oper „Orpheus in der Unterwelt" sehr zur Popularisierung des griechischen Sängers beigetragen und so mittelbar diese Verwechslung verursacht hat. Also haben die Antisemiten doch wieder recht, wenn sie behaupten, daß die Juden an allem Schuld seien. Auch eine Richtigstellung. Aus einem Prozeßberichte der ' letzten Nummer des Organs der „nationaldeutschen Juden": „Und wieder tauchte die völlig unwahre Behauptung auf, daß ein prominentes Mitglied unseres (des nationaldeutsch-jüdischen) Vorstandes selbst Ostjude und in Lodz geboren sei, eine Behauptung, die auf den Zwischenruf .Lüge!' dahin richtiggestellt wurde, daß die Vorfahren dieses Herrn aus der Gegend um Lodz stammen." Also 1. nicht der Prominente selbst, sondern seine Vorfahren, und 2. nicht aus Lodz, sondern aus der (wohl nationaldeutlschen) Gegend um Lodz. Heiteres aus ernster Zeit. Israelitischer Jugendgottesdienst Am Samstag, den 29. Mai d. J., um 3 Uhr nachmittags findet der Jugendgottesdien&t für die israelitische Schuljugend in den Gemeinde- und Bezirkssynagogen des I., IL, IX. und XX. Bezirkes statt.

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