Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 23 (28.5.1926)
- Date
- 1926-05-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 23 DIE WAHRHEIT Seite 3 Literaten. Aus ihrer Mitte gingen im Jahre 1848 die geistigen Führer,-namentlich eine Fülle von Schriftstellern und Journalisten hervor. Nach Erlangung der Freizügigkeit, die durch die oktroyierte Verfassung vom 4. März 1849 gewährt wurde, setzte eine neue Volkswelle von auswärts ein. Es begann ein starker Zuzug aus den Gemeinden Oaliziens sowie der nordungarischen Gebiete (Slovakei). Diese Elemente begannen den inneren Aufbau und die äußere Gestalt der Wiener Kultusgemeinde zu beeinflussen. Die Zuzügler waren fast durchgehend« religiös-orthodoxer Anschauung und vor die Wahl gestellt, vollste Gleichberechtigung zu erlangen oder die übernommenen religiösen Traditionen zu behalten, hätten sie sich für das letztere entschieden. Mit voller Kraft wandten siesich gegen den modernen Gottesdienst, wie er im Stadttempel abgehalten wurde, und forderten für sich einen solchen, wie sie ihn in ihrer Heimat gesehen hatten. Da die Zuzügler zumeist aus wirtschaftlicher Not nach Wien ausgewandert waren, bestritten viele derselben ihren Lebensunterhalt zumeist als Kleinhändler. Wer das feinabgestimmte Milieu, wie es auch noch später im Kreise der tolerierten Familien vorherrschend war, kennen lernen will, findet es in einem Teil von Dessauers „Großstadtjuden" geschildert. Wer aber die interessanten Vorgänge, die sich aus den nebeneinandergehenden Bestrebungen der Tolerierten und der neuen Zuzügler im 5. und 6. Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts ergaben, beobachten will, der lese die „Wiener Briefe", die in der „Neuzeit" 1861 erschienen sind. Außer diesen inneren Veränderungen der Wiener Judenheit gab es nicht minder tiefeinschneidende äußere. Die scharf einsetzende politische Reaktion durch die Herstellung des Leuchters weder besser noch schlechter, denn die Flamme gibt das Licht und der Leuchter ist nur der Träger des Lichtes. Darum legen unsere Alten sehr sinnig Israel die Worte in den Mund: „Wir haben Dir, o Gott, in den Tagen Moses' einen Leuchter gemacht, aber sein Licht ist verlöscht; wir haben Dir in den Tagen Salomos einen Leuchter gemacht, aber auch sein Licht ist verlöscht; wir wollen für die Zukunft auf dein Licht hoffen". Der Träger für das Licht gibt es viele. Jede Zeit hat ihren Leuchter, von dem das Licht des Wissens erstrahlen und das Dunkel des Geistes erhellen soll. Es gibt Zeiten, die goldene Leuchter haben, die dem Wissen und der Wissenschaft einen Ehrenplatz geben, denen es nicht leid ist, gehämmertes Gold dem Wissen zu spenden, und solche, die wenig oder gar nichts für die Wissenschaft übrig haben, in denen die Thora im dunklen Winkel liegt und von keinem Leuchter erstrahlt. Solch ein Leuchter ist Israel selbst, denn die Gesamtheit Israels nennt der Prophet Jesaias das Licht der Völker. Dieser Leuchter mußte gehämmert sein. Wer ihn sah, mußte an die Hammerschläge des Geschickes erinnert sein, die Israel nicht erspart geblieben sind, um seiner Aufgabe „Licht der Völker" zu sein, gerecht zu werden. Eine Ue.berzeugung kann nur verkündet werden, wenn man Proben und Prüfungen bestanden hat, innerlich gefestigt und ausgeglichen ist. Den goldenen Leuchter des Heiligtums hat Titus geraubt. Die Gesetzeslehre verfolgte Hadrian und machte sie zu Märtyrern ihrer Ueberzeoigung, aber aus dem Dunkel der Kerker, aus der Nacht des Grabes strahlte weiter das Licht, das einst von ihnen leuchtete. „Heilige Leuchter" war der Ehrentitel der Gelehrten, den so mancher Grabstein als Ruhm verkündet. Vom Hammer geschlagen — Schicksal des Leuchters im Heiligtume! Die Bestimmung der silbernen Trompeten bestand darin, . Fürsten und Volk zusammenzurufen oder den Aufbruch des Lagers zu verkünden. Im Kriegsfalle sollte ihr Klang ertönen und in Zeiten der Freude, an Fest- und Neumondtagen ihre hatte gerade die Juden scharf angefaßt und in diesem Sinne versuchte eine kaiserliche Verordnung vom 2. Oktober 1853 die vor dem Jahre 1848 bestandenen Gesetze „bezüglich des Grundbesitzes der Juden" provisorisch wieder in Kraft treten zu lassen. Die „unruhigen" Elemente der Juden sollten wieder in ihre Schranken zurückgewiesen werden. Die Leberwachung der Wiener Juden wurde nun systematisch durchgeführt. Die oberste Polizeibehörde, die mit Erlaß vom 11. August 1852 eingeführt wurde, setzte es sich zur Aufgabe, zweimal des Jahres Berichte über die Wiener Juden an das Ministerium des Innern einzusenden. Am 28. November 1855 wurde vom Polizeirat Nilius nachfolgender Bericht eingeschickt, der sich im Staatsarchiv des Innern und der Justiz (Zahl 4124/per I.) befindet. Dieser Bericht ist von gehässigen Tendenzen erfüllt, kann aber nicht umhin, gleich wie einst Bileam, auch manche anerkennenden Worte dem Wiener Judentum zu gönnen. Sein Inhalt hat historischen Wert für die Beurteilung der damaligen Verhältnisse der Wiener Juden und sei hier mit Weglassung einiger Einzelheiten wiedergegeben: „Die übergroße Anhäufung der jüdischen Bevölkerung in der Haupt- und Residenzstadt des Reiches ist gewiß ein Gegenstand, der ernste Aufmerksamkeit verdient. Bis zum Jahre 1848 gab es nur 1S00 tolerierte jüdische Einwohner; während des Jahres 1848 betrug deren Zahl 1965; 3000 bis 4000 Juden gingen ab und zu; hatten daher keinen festen Aufenthalt. Die polizeiliche Konskription im Jahre 1849 ergab für Wien, nebst dem damaligen Rayon, schon 10.670 Israeliten, wogegen der Magistrat bei der Revision im Jahre 1850 bis 1851 für die Stadt deren 9731 herausbrachte. Jetzt dürften in Wien zwischen 20.000 bis 30.000 Juden sich aufstimme gehört werden. Die Kunst des Bläsers brachte den Ton hervor; die Töne selbst waren die Sprache, die über das ganze Lager und das Volk hin schallte. Die Trompete, das Instrument selbst, sollte getriebene Arbeit sein. Dieses Symbol ist nicht mißzuverstehen. Wer das Instrument, das eine Gesamtheit führen soll, handhabt, der muß auch etwas von dem vorgeschriebenen Werdegänge des Instrumentes in sich haben. Die einheitliche Persönlichkeit, der in sich geschlossene Charakter, Welt- und Menschenkenntnis — das ist gleichsam Werk des Hammers. Mühselig und schwer wird solches errungen, bildet sich erst nach Erfahrungen und Enttäuschungen, nach Schlägen und Leiden. Die Leitung und Führung eines Volkes muß Verständnis besitzen für das Gefühl des Sich-Fügens, Einordnens und Gehorchens, was sie von der Menge verlangt, und kann es erst besitzen, wenn der Führer selbst aus dem Leben gelernt hat. Im Talmud sind zwei Gelehrte, R. Tarfen und R. Akiba, hinsichtlich der Befähigung zum Blasen der Trompete im Streite. R. Tarfen lehrte, daß die Priester, ohne Unterschied, ob sie körperliche Fehler hatten oder nicht, die Trompeten blasen konnten. R. Akiba vertritt die Ansicht, daß nur diejenigen Priester blasen durften, die körperlich ohne Schaden waren. Seine Ansicht siegte. Nicht Härte gegen jene Bedauernswerten, die an Gebrechen litten, war es, die R. Akiba für seine Ansicht bestimmte, sondern der Gedanke an das Symbol selbst. Wie die Trompeten tadellos, sorgfältig gehämmert sein mußten, so müssen auch Gesetzbücher der Völker, Verfassungen der Nationen, Verordnungen und Verfügungen mit Sorgfalt und ernster Mühe gearbeitet werden. Ein falscher Schlag verdirbt das ganze Werk. Die Cherubim, die Menora, die Trompeten — die drei Symbole sind nicht mehr in unserem Besitze; was sie aber lehrten: Festigkeit des Glaubens, ernste, ehrliche Forschung und heilige Ordnung darf nicht verloren gehen. K.