Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 22 (21.5.1926)
- Date
- 1926-05-21
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 22 DIE WAHRHEIT Seite 9 reichen anderen Fällen publizistisch eingegriffen. Diese Tätigkeit fand in dankenswerter Weise Resonanz bei der gleichgerichteten Presse des Auslandes, die oft und oft auf die Aktionen und Bestrebungen der „Union" hinzuweisen Gelegenheit nahm. Wir hatten neben dieser im großen und in der Masse zu leistenden Arbeit eine Menge von Einzelfällen zu behandeln. Vielen von Antisemiten angegriffenen Personen boten wir Rat und Hilfe; in zahlreichen Fällen wandten wir uns an die zuständigen Stellen und es mag als ein gutes Zeichen gedeutet werden, daß wir bei denselben im allgemeinen verständnisvolles Entgegenkommen gefunden haben. Es muß, gleichzeitig zur Entkräftutig einer wiederholt gegen uns in öffentlichen Versammlungen vorgebrachten Tendenzlüge, hervorgehoben werden, daß unter den Petenten Glaubensgenossen aus den östlichen Ländern ein großes Kontingent stellten. Was nun die innerjüdischen Probleme angeht, so besteht das im Jahre 1924 anläßlich der Kultusgemeindewahlen behufs Fortsetzung der gemeinschaftlichen Arbeit mit der jüdischnationalen Partei abgeschlossene Wahlkompromiß wohl noch aufrecht. Jm Kultusvorstand haben sich aber zwei Vorfälle abgespielt, die geeignet erscheinen, die Fortdauer des seinerzeit geschlossenen Bündnisses durch Verschulden der Jüdischnationalen in Frage zu stellen. Der eine betrifft die allen Geboten der internationalen Höflichkeit und den Gefühlen der Majorität der Wiener Judenschaft widersprechende Ablehnung des Antrages auf jede Beteiligung au den Jubiläumsfeierlichkeiten der Budapester Kultusgemeinde anläßlich der 125. Wiederkehr ihrer Gründung und des Ablaufes des 25. Jahres nach Rezeption der israelitischen Religionsgenossenschaft. Alles Maß überschritten die gehässigen Augriffe gegen unseren Präsidenten und den Obmann des Klubs unserer Parteigenossen im Kultusvorstand Dr. Josef Ticho, die im Sinne eines einstimmig gefaßten Parteibeschlusses nach Budapest fuhren, um der jubilierenden Gemeinde die Glückwünsche der überwiegenden Mehrheit der Wiener Judenschaft zu überbringen. Durch den besonders auszeichnenden, überaus herzlichen Empfang, welcher den Delegierten in ihrer Eigenschaft als Vertreter der Mehrheit der Wiener Judenschaft galt, wurden die zwischen dem Budapester und dem Wiener Judentum seit Jahrhunderten bestehenden Bande nur noch enger geknüpft. Unsere Delegierten werden immer mit Genugtuung an die Budapester Tage zurückdenken, daß es ihnen vergönnt war, unseren im schweren Kampf stehenden Brüdern in Budapest die Grüße ihrer Glaubensgenossen in Wien zu entbieten. Nicht minder heftig stürmten die Jüdischnationalen gegen unseren Verein und seinen Präsidenten wegen eines seitens desselben an fünf Privatpersonen und den uns so eng befreundeten Central verein in Berlin gerichteten Briefes ein; dieses Schreiben verfolgte lediglich einen informativen Zweck in Angelegenheit der Beteiligung ausländischer Gemeinden am Keren Hajessod. Eine überaus gut besuchte außerordentliche Vollversammlung der „Union" mißbilligte aufs schärfste die maßlosen, vollkommen ungerechtfertigten Angriffe und versicherte ihre!vlMandatare aufs neue ihres uneingeschränkten Vertrauens und des wärmsten Dankes für ihre bisherige Tätigkeit. Zu unseren weiteren innerjüdischen Gegnern zählt wohl auch die durch fünf Mitglieder in der Kultusstube vertretene sozialdemokratisch orientierte Vereinigung für soziale Tätigkeit, die im Kultusvorstande das allgemeine, direkte, gleiche Wahlrecht anstrebt. Die dermalen geltende Wahlordnung macht das Wahlrecht von einer Steuerleistung von 60 Groschen abhängig; nahezu 10.000 Wiener Juden haben auch diesen minimalen, selbst bei den heutigen Verhältnissen leicht erschwinglichen Betrag nicht bezahlt; sollen Personen, welche sich dieser so leicht erfüllbaren Verpflichtung gegen ihre Glaubensgenossenschaft entziehen, auch noch mit dem Wahlrechte belohnt werden, das doch, da es eine Voraussetzung hat, deren Erfüllung von jedermann leicht geleistet werden kann, tatsächlich ein allgemeines ist? Dem vor kurzem gebildeten „Verband nationaldeutscher Juden" endlich, einem Ableger des deutschen Verbandes, der im deutschen Chauvinismus voranschreiten will, kommt derzeit wohl kerne Bedeutung zu. Die Vereinsleiitfung beteiligte sich u. a. am 18. Oktober 1925 an einer Grabdenkmalenthüllungsfeier für unseren verstorbenen verdienstvollen Beirat Dr. Julius O f n e r, dem ein Komitee der Kultusgemeinde ein würdiges Monument gewidmet hatte, auf dem die den wackeren Streiter für Recht und Gerechtigkeit treffend charakterisierenden Worte stehen: „Ein Mensch, der nichts als ein Mensch sein wollte!" Unser Präsident verlieh auch im Namen der Kultusgememde den Gefühlen Ausdruck, die das österreichische Judentum bei der Würdigung des Andenkens eines seiner besten Männer beseelen. Auf das Vereinsleben der „Union" ubergehend, muß wohl festgestellt werden, daß die wirtschaftliche Depression sich zuerst in der Beitragsleistung und im Mitgliederbestande schädlich auswirkt. Rückgang des Mitgliederbestandes aber — und auch Stillstand ist Rückgang — bedeutet Schwächung der Stoßkraft unserer Aktionen. Wegen der Haltung des Vereines gegenüber parteipolitischen Fragen sind — das muß festgestellt werden — im ganzen etwa 2 bis 3 Abmeldungen im letzten Jahre erfolgt. Das bedeutet bei unserer großen Gesamtmitgliederzahl das beste Vertrauensvotum, das der Leitung gezollt werden kann. Immerhin müsson wir unser Hauptaugenmerk dahin richten, daß der Mitgliederstand der „Union" selbst in dieser wirtschaftlich tristen Zeit wächst. Der Mitgliederstand gegnerischer Organisationen ist ausschließlich auf intensive persön- Iche Werbung zurückzuführen. Nur durch eigene starke Heber* zetigungskraft können wir Fernstehende für uns gewinnen. Wer begeistern will, muß selbst begeistert sein. Wir müßten deshalb trachten, gerade die begeisterungsfällige Jugend für unsere Arbeit zu gewinnen, und in diesem Sinne begrüßt die „Union" die auch im abgelaufenen Jahre erfolgreich fortgesetzte, ungemein wichtige Ausgestaltung der Jugendgruppe, deren auch auf hoher gesellschaftlicher Stufe stehenden Veranstaltungen nur die wirksamste Förderung aller unserer Vereinsmitglieder verdienen. Auch mit dem Bund jüdischer Frauen Deutschösterreichs wurde die bestehende Verbindung reger gestaltet. Neben den bereits erwähnten wurden noch weitere Vereinsversammlungen abgehalten, so vor allem zwei im 2. Bezirk, die durch die tatkräftige Unterstützung einiger Mitglieder dieses Bezirkes einen glänzenden Verlauf nahmen. In den abgelaufenen Monaten dieses Jahres haben wir gleichfalls schon mehrere, sehr gut besuchte Versammlungen mit wechselnden Tagesordnungen abgehalten. In dem gestern zu Ende gegangenen Lin/er Kultuswahlkampf haben wir zweimal durch Gastredner bei Wählerversammlunge.n aktiv eingegriffen; zu der ersten Versammlung kamen Präsident Dr. Ornstein. Vizepräsident Karl Fröhlich und Medizinalrat Dr H a a s e, zu der letzten Kommerzialrat Bernhard Buchwald; whr freuen, uns um so herzlicher des schönen Erfolges unserer Linzer Parteigenossen. Nur in großen Zügen haben wir im vorstehenden einen Ueberblick über unsere Arbeit gegeben. Sie wird fortgesetzt werden in verstärktem Ausmaße, mit unvermindertem Festhalten an unserer uns statutengemäß obliegenden Aufgabe: „Energische Verteidigung der verfassungsmäßigen Rechte der österreichischen Juden als vollberechtigte und gleiohverpflichtete Bürger des Staates unter Ablehnung jeder Sonderstellung." Wir werden weiter kämpfen, eifrig, aber sachlich, ernst und zäh abwehrend und aufklärend gegen verleumderische Verhetzung. Helfe jeder mit, der die Wichtigkeit dieses unseres Kampfes erkannt hat. Die Delegiertenversammlung der „Union deutschösterreichischer Juden". Montag, den 17. d. M„ fand im Festsaale des Restaurants Tonello die VI. ordentliche Delegfertenversammlung der „Union deutschösterreichischer Juden" statt, die sehr schön besucht war. ein Beweis dafür, daß das Interesse für unsere Vereinigung, die im heurigen Jahr ihr 40jähriges Jubiläum feiern wird, sich in stets aufsteigender Linie bewegt. Präsident Dr. Ornstein eröffnete die Versammlung mit einer herzlichen Begrüßung der Erschienenen und übermittelte die Nachricht von dem Ausgange der Linzer Kultuswahlen, bei denen unsere Linzer Parteigenossen 11 Mandate errungen haben gegenüber 9 jüdischnationalen Mandaten. Er erwähnte unser Eingreifen in dieisen Wahlkampf, indem wir zu zwei äußerst gut besuchten Versammlungen Gastredner entsendet haben, denen der herzliche Dank der Delegiertenversammlung ausgesprochen wurde. Sekretär Oskar Hirschfeld brachte den Rechenschaftsbericht zur Verlesung, den wir an anderer Stelle vollinhaltlich wiedergeben. Kassier M. Oesterreicher erstattete den Kassabericht und Revisor Unger den Bericht der Revisoren. Auf diese Ausführungen folgte eine äußerst lebhafte Generaldebatte, an der sich die Herren Kommerzialrat Bernhard Buch wald, Alexius Sa 1 z er, Börserat Ignaz Glück, Kultusvorsteher David Dohan, Baurat Wilhelm K e m p 1 e r, Medizinalrat E>r. Heinrich H a a s e, Dr. Julius Grünwald, Kommerzialrat Edmund Hacker, Herr Max Leo Popper u. a. intensiv beteiligten. Es wurden angesichts der gemachten Erfahrungen verschiedene Vorschläge zwecks mtensiyierung des Vereinslebens und Aus-