Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 22 (21.5.1926)
- Date
- 1926-05-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE WAHRHEIT Nr. 22 Polizei', die in sächlicher Weise die Aufklärung über den Vorfall erbrachte, der Parteilichkeit und Judenknechtschaft zu bezichtigen. Das gleiche Blatt brachte auch später eine Notiz über «inen angeblichen Ritualmörd in Budapest, begangen an einem zehnjährigen Mädchen. Die Leitung der „Union" hat sich unverzüglich an die Isr. Kultusgemeinde in Budapest um Aufklärung gewendet, die ihrerseits bei den kompetenten Stellen sofort Erhebungen einleiten ließ. Da« Resultat derselben war nach einem uns zugekommenen Bericht der Budapester' Poli- -^zehürektion, dafi das abgängige Mädchen eine Nacht, ohne vorherige Verständigung ihrer Eltern, in der Wohnung eines befreundeten christlichen Schusters zubrachte und daß es am nächsten Nachmittag zu seinen besorgten Eltern zurückkehrte. Obwohl sich also durch eine restlose Aufklärungsarbeit jedesmal die Unstichhältigkeit der Ritualmordlügen herausstellte, brachten die „Arbeiter-Presse" und mit ihr gleichgerichtete Blätter im Vorjahre wie auch heuer wieder vor Pessach in großer Aufmachung den folgenden Aufruf: „Die jüdischen Ostern kommen! Volksgenossen! Arier! Paßt auf Eure Kinder auf!" Das Präsidium der „Union" hat nicht verfehlt, im Vorjahre und auch diesmal das schmachvolle Presseerzeugnis der Staatsanwaltschaft vorzulegen, unsere Intervention bei dieser Behörde blieb aber infolge der bekannten Unzulänglichkeit unseres Preßgesetzes erfolglos und nunmehr wird gerade mit Hinblick auf die vorbereitete Aenderung dieses Gesetzes unserseits in einer Eingabe an deii Justizminister Dr. Waber auf diese ungeahndet bleibenden aufreizenden Presseangriffe verwiesen, denen wiederholte Angriffe auf den Talmud und den Schulchan Aruch, die angeblichen Geheimgesetzbücher der Juden« würdig an die Seite gestellt werden können. Auch im Vorjahre hatte die „Union" jener Aktion zu begegnen, die die Gefährlichkeit der antisemitischen Bewegung besonders deutlich erweist, nämlich der Gebarung einiger Gemeindevertretungen oder rechtsradikaler Vereinigungen innerhalb der Bundesländer, die unseren Glaubensgenossen während der Sommermonate den Aufenthalt verwehren, nicht bedenkend, daß, während sie so dem Judenhaß fröhnen, sie in Wirklichkeit den unserem Lande so wichtigen Fremdenverkehr schädigen. Neben zahlreichen, auf die gesetzlichen Bestimmungen hinweisenden Eingaben an die betreffenden Stellen, von denen nicht aüe Erfolge erzielten, hat die „Union" auch auf publizistischem Wege dahin gewirkt, daß die Namen der „judenreänen" österreichischen Sommerfrischen hinlänglich be-? kannt wurden. Ein großes Kapitel in der Abwehrtätigkeit der „Union" haben jene beschämenden Vorgängg an den Hochschulen Oesterreichs eingenommen, die eine irregeleitete hakenkreuzierische Jugend, vertreten in der „Kammer der deutschen Studentenschaft", hervorgerufen hat, in deren Anschlagkästen * wahre Haßorgien gefeiert werden. Hierbei erscheint es besonders beklemmend, daß diese Studenten nur in ganz vereinzelten Fällen von den berufenen Faktoren eine Zurückweisung, ■ ja daß sie vielmehr durch deren Duldung wiederholt eine Kräftigung erfahren haben. So wurde durch die Rektorate der Technik und der Hochschule für Bodenkultur ein Studentenrecht geschaffen, das die Hochschülerschaft in Nationen teilte; | die deutsche Studentennation erscheint bevorrechtet, als solche 6 wurde die obgenannte „Deutsche Studentenschaft", also eine Hakenkreuzlergruppe, von den Rektoren anerkannt Als einen vorläufigen Erfolg der gegen dieses Studentenrecht gerichteten Bestrebungen kann man bemerken, daß in einer im Nationalrate gehaltenen Rede der Bundesminister £ür Unterricht Dr. Schneider wörtlich ausgeführt hat: „Die Regierung wird natürlich kein " Studentenrecht genehmigen können, das gewährleistete Rechte verletzt; wir können daher die ins Leben getretenen Studentenvertretungen nicht anerkennen." Ein ähnliches Entgegenkommen fand auch das Präsidium der Wiener Kultusgemeinde, in dem unser Präsident Dr. Jakob Ornstein als Vizepräsident fungiert, als es auf seine Veranlassung beim Unterrichtsminister Dr. Schneider und Bundeskanzler Dr. Ramek vorsprach und gegen die wegen eines nichtigen Anlasses erfolgte Sperre der Technik für Juden energischen Protest einlegte. Die von völkischen Studenten besetzt gehaltenen Tore dieser Hochschule wurden sofort wieder geöffnet und in einer Rektorenkonferenz, der auch Vertreter der „Deutschen Studentenschaft** beigezogen waren, dürfte der Unterrichtsminister seine gesetzliche Stellungnahme zum Ausdruck gebracht haben. Die von uns seit dem Jahre 1920 in intensivster Weise behandelte Frage des Optionsrechtes nach Artikel 80 des Friedensvertrages ist im Vorjahre wohl endgültig in einem für uns ungünstigen Sinne erledigt worden. Wir haben bekanntlich im Jahre 1923 versucht, wenigstens für diejenigen zurückgewiesenen Optionswerber, in deren Familien unter dem Vorgänger des Ministers Dr. Waber ein anderes Mitglied die Option erhalten hatte, die Anerkenung des Optionsrechtes beim Bundeskanzleramt im Wege des vom Verwaltungsgerichtshof für einen solchen Fall als zulässig erklärten Wiederaufnahmeverfahrens zu erwirken. Diese Wiederaufnahmegesuche blieben zunächst zum allergrößten Teile mehr als ein Jahr lang unerledigt; erst nach wiederholten Urgenzen unserseits fällte das Bundeskanzleramt eine ungünstige Entscheidung; gegen diese neuerliche Abweisung brachten die Optionswerber mit unserer Unterstützung die Beschwerde beim Verwaltungsgerichtshof ein, abei dieser hat in einem von unserem Präsidenten vertretenen Falle die Entscheidung des Bundeskanzleramtes bestätigt. Jeder neuerliche Versuch ist also angesichts eines solchen Erkenntnisses als vollkommen aussichtslos zu betrachten; vielmehr müssen wir diese Aktion als abgeschlossen ansehen, wenn wir auch feststellen müssen, daß die Aussprüche des Bundeskanzleramtes und des VerwaltungsgeTichtshofes unserer Anschauung nach dem Friedensvertrage widerstreben und auch vom wissenschaftlichen Standpunkte nicht begründet erscheinen. In überaus dankenswerter Weise hat unser deutscher Schwesterverein, der „Centraiverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens", auch unsere Arbeit ergänzt und gefördert. iMit einer die zielbewußte Tätigkeit dieses Vereines überhaupt charakterisierenden Hingebung hat er auch für alle in Deutschland auftauchenden Fragen, soweit sie speziell österreichisch-jüdische Angelegenheiten betreffen, lebhaftes Interesse bekundet; hier haben wir wiederholt auf Ersuche-i des Centralvereines ihm im Dienste der gemeinsamen Sache Informationen verschafft. Ebenso haben wir auch die Bestrebungen des Vereines durch Mitteilung von Vorfällen in Oesterreich, soweit sie auf die Lage unserer Glaubensgenossen in Deutschland Bezug hatten, unterstützt. Zu besonderer Befriedigung gereicht uns der zur Kräftigung der Beziehungen unserer beiden Organisationen dienende Besuch zweier hervorragender Führer des Centraivereines. Gelegentlich des Zionistenkongresses haben Besprechungen mit dem damals in Wien weilenden tatkräftigen Direktor des Centraivereines, Dr. Ludwig Holländer, uns überaus wertvolle Anregungen 'für unsere Arbeit vermittelt; der hinreißende Vortrag Dr. Ismar Freunds über den „Kulturwert des Judentums" hinwiederum steht noch in allgemeiner lebhafter Erinnerung; er hat die Ethik unseres Glaubens geistvoll verherrlicht und alle Zuhörer zu begeistern verstanden. In letzter Zeit wurden auch von unserer Seite Schritte unternommen, um für eine Verbreitung der hervorragenden Abwehrschriften des unter Aegide des Centraivereines stehenden Berliner Philoverlages auch in Oesterreich zu sorgen, da hier noch keine ähnliche Institution besteht und die literarische Aufklärung vollkommen mangelt. Der wertvolle Inhalt dieser Verlagserscheinungen wird es verständlich erscheinen lassen, wie würdig der Unterstützung diese Bestrebungen sind. Im Zusammenhang mit unseren freundschaftlichen Beziehungen zu unserem deutschen Schwestervereine dürfen wir überhaupt auf unsere guten Verbindungen mit dem sonstigen Auslande hinweisen, die hauptsächlich unserer Verteidigung und dem Schutze unserer Rechte dienen. Aus dem reichen Material unseres Archives stellten wir der ausländischen Presse und manchen in ihren Zielen uns verwandten Organisationen die erbetene Aufklärung zur Verfügung. Dies war z. B. der Fall bei dem oben charakterisierten „Ritualmord" arg Lehrling Gruscha, ferner bei einer Budapester Meldung über einen angeblichen Kommunistenkongreß in den Räumen der Wiener orthodoxen Bibliothek und erst jüngst bei der Widerlegung von übertriebenen Meldungen des Wiener Korrespondenten des Madrider klerikalen Blattes „El Debate" über eine furchtbare „Verjudung" Wiens, eine Polemik, die auch vor kurzem in der österreichischen Presse ihren Widerhall gefunden hat. Hier sei ein Wort über diese Presse gesagt: Von uns feindlicher Seite hört man oft die Behauptung, daß der jüdische Einfluß auf die Presse unverhältnismäßig groß ist. Die hervorragende Bedeutung der Presse auf allen Gebieten macht es wohl begreiflich, daß wir speziell bei der Abwehr des Antisemitismus uns dieses wichtigen Behelfes zu bedienen haben. Unausgesetzt war daher auch die „Union" bemüht, Wege zur Presse zu suchen, um im Dienste der Wahrheit der Forderung nach Wirkung in die Oeffentlichkeit auch in dieser Hinsicht gerecht zu werden. Aber die sogenannte „jüdische" Presse versagt bei der Bekämpfung des Judenhasses; wohl aber hat unser eigenes Organ nach Möglichkeit seiner Aufgabe zu entsprechen gesucht und in allen hier behandelten und noch zahl-