Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 22 (21.5.1926)
- Date
- 1926-05-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 22 FVeröffentlichungen III det I» Postsparkassen - Konto Hl L„Union deutschösterreichischer Juden" j Teteph« ST»»«! Rechenschaftsbericht. Bei der am 17. d. M. abgehaltenen VI. ordentlichen Delegierten-Versammlung erstattete Sekretär Oskar Hirschteld den folgenden Bericht über die Tätigkeit der „Union deutschösterreichischer Juden" im abgelaufenen Vereinsjahr: Ein ungemein bewegtes, von politischen und wirtschaftlichen Momenten bestimmtes Vereinsjahr liegt hinter uns. Das staatliche Leben hat von der Sanierungsaktion seine Signatur erhalten. Oesterreichs gesamte Wirtschaft erlitt eine schwere Krise, die wohl durch eine Weltwirtschaftskrise hervorgerufen wurde, unsere Republik aber am empfindlichsten getroffen hat. Es ist nun eine ebenso traurige wie unwiderlegliche Wahrheit, daß angesichts der hervorragenden Stellung, welche die österreichischen Juden1' im Wirtschaftsleben einnehmen, sie nicht nur ebenso wie ihre christlichen Mitbürger, sondern vielfach auch bedeutend schwerer von den Folgen der hoffentlich bald ihrer endgültigen Lösung entgegengehenden Krise betroffen wurden. Gerade aber die Juden haben — zu unser aller Trost sei es gesagt — die Zähigkeit, um auch diese schwere Heimsuchung zu überstehen. Neben dem traditionellen Optimismus besitzen sie auch eine vorn redlichsten Streben diktierte unermüdliche Arbeitsfreudigkeit; der wirtschaftliche Weitblick der Juden, der nicht an den Grenzen des Landes Halt macht, und das Vertrauen, das ihnen vom Ausland entgegengebracht wird, machen sie zu einem wichtigen Faktor des Wiedergenesungsprozesses. Sie werden ihre Pflicht gegenüber unserem Staate voll und ganz erfüllen und alle Kräfte anspannen, damit die Morgenröte einer heranbrechenden besseren Zeit auch die österreichischen Juden in ungebrochener Tatkraft auf ihren Posten findet. . Daß in Zeiten wirtschaftlicher Depression die Gefahr der Verhetzung durch die verzweifelte Stimmung der Bevölkerung doppelt groß ist, ist zur Genüge bekannt. Die Vorgänge auf politischem Gebiet, soweit sie speziell jüdische Interessen berühren, bieten denn auch kein erfreuliches Bild; das politische Leben in Oesterreich ist fortgeschritten im Sinne einer Verschärfung der politischen Gegensätze, welche beklagenswerte Erscheinung in einer zunehmenden Verrohung und Entsittlichung zum Ausdruck kam. Bereits seit Beginn des Vorjahres hat eine zügellose antisemitische Presse in Oesterreich eine Bewegung entfesselt, die bis zur offenen Aufforderung zu Mord und Totschlag gediehen ist; die Boykottbeweguug in Österreichischen Städten, die nach neuesten Meldungen systematisch vorbereiteten blutigen Mödlinger. Ereignisse und die Vorgänge an den Hochschulen sind nur die Symptome einer weitgehenden Erkrankung, die unser staatliches und gesellschaftliches Leben ergriffen hat. Den Höhepunkt hat diese Erkrankung zur Zeit des nach Wien einberufenen XIV. Zionistenkongresses erreicht, als unter dem Verwände, Wien vor dieser „Schmach" zu bewahren, gegen die Gesamfjudenschaft eine wüste Hetze entfesselt wurde. Diese Agitation glaubte ihre Berechtigung in den angeblichen „Protokollen der Weisen von Zion" zu finden, einer, wie auch hervorragende christliche Forscher einwandfrei festgestellt haben, plumpen Fälschung, welche anläßlich des Kongresses von antisemitischer Seite wieder neue und 'intensive Verbreitung fand. Unter den Augen der Staatsanwaltschaft durfte Monate hindurch in einer bodenlos gemeinen Weise in der Presse, in Versammlungen und vor allem durch aufreizende Plakate zum Hohne der Staatsgrundgesetze eine Agitation betrieben werden, die nicht nur die Ehre des Judentums in den Kot zerrte, sondern auch das moralische und wirtschaftliche Ansehen Oesterreichs vor dem Auslande schädigte. Sie zeitigte einen traurigen Erfolg in den maßlosen antisemitischen Ausschreitungen am Tage vor der Eröffnung des Kongresses. Von den Nationalsozialisten ging diese Agitation aus, aber auch in der christlichsozialen Mehrheit zeigte sich bei einem einflußreichen Flügel die Geneigtheit, der antisemitischen Zeitströmung Rechnung zu tragen. Diese Vorliebe derjenigen christlichsozialen Politiker, die den Antisemitismus als einen nicht unwichtigen Programmpunkt ihrer Partei betrachten und sogar erst vor kuFzem auf dem Parteitag dessen „Aktivierung" forderten, illustrierte das christlichsoziale Parteicommuniuue vom 19. August, das sich gegen jenes Judentum wendet, „das durch seine Wühlarbeit auf kulturellem, seine Ueberhebung aut wirtschaftlichem und politischem Gebiet und die Ausschreitungen der von ihm geleiteten zügellosen Presse Moral und Wirtschaft unseres Volkes untergräbt." In gleich judenfeindlichem Sinne betätigte sich auch das christlichsoziale . Regierungsorgan „Die Reichspost", das z. B. gegen besseres Wissen die Ermordung des unglücklichen Mohapel als eine „Folge der Hetze der jüdischen Blätter" hinstellte. Für die blutrünstigen Aufstachelungen der nationalsozialistischen Presse fand und findet die christlichsoziale Partei kein Wort der Verdammung. All dies darf aber nicht hindern auszusprechen, daß die Regierung Dr. Rameks selbst auf dem gesetzlichen Standpunkte, den sie vom Anfang an den Juden gegenüber bekundete, unerschütterlich festhielt und daß insbesondere die Polizei unter dem Polizeipräsidenten Dr. Schober durch die Entschlossenheit ihres Auftretens größere Schmach von unserer Stadt abzuwehren verstand. Was nun die Nationalsozialisten anbelangt, so darf vielleicht festgestellt werden, daß deren Radauantisemitismus nach dem Zionistenkongreß zurückgedrängt erscheint. Man kann im gegenwärtigen Augenblicke nicht mehr von jener einheitlichen antisemitischen Welle sprechen wie im Vorjahre. Der Haufe teilte sich: nicht nur verlor er viele Anhänger, sondern er spaltete sich auch in einzelne nebeneinander herlaufende und sich ort gegenseitig bekämpfende Gruppen — eine solche neue antisemitische Partei ist z. B. die monarchistische Gruppe um Schager und Teufel; weiters haben auch vielfach infolge abnehmender Unterstützung von außen und verschiedener kompromittierender Vorgänge im inneren Getriebe der Partei die wilden Ausbrüche fanatischen Hasses an Zahl und Stärke abgenommen. Das darf uns aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß der Antisemitismus in Oesterreich, mag er auch äußerlich weniger in Erscheinung treten, nach wie vor unser politisches und geistiges Leben vergiftet; man beachte nur den Ausgang des Gattermayer-Prozesses, der den Nationalsozialisten, die bei den kommenden Wahlen sogar im Gegensatz zu früheren Entschließungen in das Parlament kandidieren wollen, neuerlichen Grund zum Frohlocken gab. Es ist selbstverständlich, daß die „Union" in solch bewegten Zeiten, pflichtgetreu den ihr obliegenden Aufgaben entsprechend, das Ihrige tat, um in geeigneter Weise —f durch Vorsprachen, Eingaben und andere Interventionen — an kompetenten Stellen die Aufmerksamkeit auf die vielfachen* mit der antisemitischen Bewegung in Zusammenhang stehen-i den Aktionen zu lenken und deren Abwehr zu fordern. Aus der großen Fülle unserer Abwehrarbeiten wollen wir nur einige besonders prägnante Einzelheiten hervorheben, um unseren Mitgliedern wenigstes einen Ausschnitt aus den zahlreichen, uns beschäftigenden Problemen bieten zu können. Unser intensivstes Interesse mußten die durch die antisemitische Provinzpresse hervorgerufenen Vorgänge erwecken, die umso ernster erschienen, als sie geeignet waren, für die an Zahl geringen und besonders exponierten dortigen Glaubensgenossen eine große Gefahr zu bilden. Besonders pflegt nach altbewährter Taktik die Antisemitenpresse gerade die jüdischen Festtage zum Ausgangspunkte ihrer Angriffe zu nehmen; so wurde in Wien wie in der Provinz die christliche Bevölkerung vor Ostern in geradezu haarsträubender Weise haranguiert. Man bediente sich hierzu sogar der Aufwärmung des Ritualmordmärchens, von dem jüngst ein polnischer christlicher Universitätsprofessor mit Recht behauptet hat, daß dieser Aberglaube jetzt nur noch ein Gradmesser für den Tiefstand der Bildung ist — leider auch einiger Universitätsprofessoren. In Wien aber wurde von der „Deutschen Arbeiter-Presse" der geradezu unglaubliche Versuch unternommen, den traurigen Unfall eines Knaben, der von Hunden zerfleischt wurde, zu einem Ritualmord zu stempein, und. die