Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 22 (21.5.1926)
- Date
- 1926-05-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHjRflglX zwei zum Wort kommen lassen. Düntzer schreibt, daß Goethe „dem edelsten, des höchsten Glückes werten Wesen fast das Herz brach." Baumgartner, der berühmte Jesuitenpater, faßt sein Urteil über das Sessenheimer Ideal in die Worte zusammen: „Goethe tändelte und blümelte mit der Geliebten und — ließ sie endlich sitzen. Ob er sie vollends um ihre jungfräuliche Ehre gebracht hat, darüber schwebt noch die Kontroverse . . . Genauer besehen, ist es eine traurige Geschichte, ein armes Kind wurde eben um sein Lebensglück betrogen/V Man sieht, die Goethekenner teilen doch nicht so ganz die Ansicht der „Dötz", daß Friederike gar so beglückt war, weil sie Glück geben durfte. * * Wenn man die Gerichtssaalberichte aus Budapest liest, könnte man fast zu dem Irrtum verleitet werden,, daß der wahre Patriotismus in gefälschten Banknoten bestehe. * * * Der hochwürdige Bischof Zadrawetz hat vor Gericht seine Unterredung mit dem Bischof Mikes wiederholt, in welcher er sagte, daß sein Gewissen ruhig sei, er könne vor Gott und den Menschen verantworten, was er in der Francsfälschungsaffäre getan. Den lieben Gott hätte der Herr Bischof vielleicht lieber aus dem Spiel lassen sollen. Im Alten Testament, das den Juden und den Christen heilig ist, kommt ausdrücklich die Meinung des lieben Gottes zum Ausdruck, daß Ehrlichkeit, und Rechtschaffenheit gegen jedermann Pflicht sei und man auch den Feind nicht betrügen dürfe. Man hat nichts davon gehört, daß Gott diese Forderung bezüglich der Franzosen fallen habe lassen. * *. * * Das alles geht klar und deutlich aus dem Alten Testament hervor. Die Weisen des Talmuds, die den Gedanken verabscheuen, daß der Zweck die Mittel heiligen könnte, lehren im Sinne der Bibel, daß selbst die Lügen in edler Absicht verboten seien. Ja noch mehr, sie bezeichnen selbst die Entwendung der Götzenbilder, wodurch Rahel einst ihren Vater vom Götzendienst abhalten wollte, für sündhaft. Um den Talmud braucht sich allerdings Bischof Zadrawetz nicht zu kümmern. * * Einen erfreulichen Beweis von allerdings verspäteter Wahrheitsliebe hat der gewesene ungarische Ministerpräsident Graf Teleki als Zeuge vor Gericht erbracht. All die Zeit her hat man von ihm und allen seinen Freunden die Behauptung gehört, er habe den ausgezeichneten Fachmann Gero lediglich zu dem Zwecke mit dem Prinzen Windischgrätz zusammengebracht, damit er diesen von der Undurchführbarkeit der Francsfälschung überzeuge. Vor Gericht hat der gewesene Ministerpräsident nun ehrlich ausgesagt, daß er den hervorragenden Fachmann bloß beauftragt habe, zu prüfen, ob die Sache durchführbar sei. * * * Bei der eigenartigen, sein Gewissen vollauf beruhigenden Auffassung, die der hochwürdige Bischof von manchen Geboten und Lehren des Alten Testamentes zu haben scheint, ist es begreiflich, daß er dem hohen Gerichtshof feierlich erklärte, er werde, solange man Ungarn das geraubte Gebiet nicht zurückgibt, auch in Zukunft Dinge, wie die Francsfälschung billigen. Diese schrankenlose Offenherzigkeit schien selbst dem Präsidenten Töreky zu weitgehend. Seine zarte Mahnung: „Herr Bischof mäßigen Sie sich", ist gewiß dahin zu verstehen, daß man sowohl im Patriotismus, wie in Offenherzigkeit Maß halten müsse. * * * Auch der ehemalige Ministerpräsident Stephan Friedrich bekannte als Zeuge treuherzig, daß er eine Seelengemeinschaft mit den Angeklagten fühle, die sich nicht nur auf. die Vergangenheit beziehe. Wer weiß, wie auch Graf Bethlen, sobald er erst zu den gewesenen ungarischen Ministerpräsidenten zählt, die Welt durch offenherzige Bekenntnisse überraschen wird! •»• * * Prinz Windischgrätz meinte, es sei eine Infamie zu lügen, deshalb ziehe er es vor, auf so viele Fragen, die an ihn gerichtet werden, mit Schweigen zu antworten. Wenn es jetzt einen Menschen in Ungarn gibt, der durchdrungen von der Erkenntnis ist, daß Schweigen mitunter beredter sein könne als die längste Auseinandersetzung, so ist es — Graf Bethlen. * * * Unaufhörlich betonen die Hauptangeklagten, daß der ungarischen Irredenta nur durch — Schweigen gedient werden kann. Gambetta war es, der vor Jahrzehnten den Franzosen bezüglich Elsaß und Lothringen die Lehre gab: „Immer daran denken, nie davon sprechen". Scheint es nicht, als ob die Ungarn auch in der Aneignung dieses französischen Wortes — ungeschickt vorgingen? Sie reden immer davon, daß nicht darüber geredet werden dürfe. * * * Pater Bonis, der gewesene Sekretär des Bischofs Zadrawetz, zur Zeugenschaft vorgerufen, stellte an den Gerichtshof die Bitte, ihn von der Zeugenaussage zu entheben, da aus seiner Aussage für ihn schwere, moralische Schäden entstehen könnten. Wer weiß, wie vielen ein Stein vom Herzen fiel, als der Bitte des Paters willfahrt wurde. Vor Sekretären gibt es keine — Geheimnisse, deren Enthüllung mitunter auch anderen schwere und nicht ploß moralische Schäden bringen kann. «*> * Auch Raba war Sekretär, und zwar des Prinzen Windischgrätz. Was hat der Mann schon alles verraten, obwohl er als Angeklagter auch schweigen darf. Was könnte Raba erzählen, wenn er als Zeuge sprechen müßte! * * * Prinz Windischgrätz hat im Gerichtssaale den Bischof Mikes die Hand geküßt. Es scheint aber, daß er auch sonst, und zwar nicht allein zum — Handkuß kommen wird. Ego. JAC. MAVER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detail verkauf: Wien II., Glockentrasse 24 Wien II.. Taborsrraße 44