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Die Wahrheit · 1926-05-21 · Heft 22 (21.5.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 22 (21.5.1926)
Date
1926-05-21
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 ________________ J^J^E WAHRHEIT . _ _ _ Seite, 3 meren hingegen haben im Judenviertel in der Nähe des Musee Carnavalet, das jetzt zahlreiche, in der Nähe von Notre Dame ausgegrabene jüdische Grabsteine, die wissenschaftlich noch nicht aufgenommen worden sind, erhalten hat, am oberen Ende der Rue Rivoli und ihrer Umgebung sich ghettomäßig eingerichtet und hört man da in manchen Straßen mehr den jüdischen Jargon, als Französisch sprechen. Doch zur Ehre der Pariser sei's gesagt, diese armen Jud§n leiden nichts unter Gehässigkeiten und ihre Kinder besuchen meistens die französischen Schulen und gelangen sogar zu Staatsstellungen. Gewiß, es wird auch in Frankreich einen Antisemitismus geben, denn wo es Juden gibt, zieht ja der Haß wie ein Schatten mit dem Juden mit, aber er offenbart sich nicht öffentlich und der Jude kann die höchsten Ehrenstellen im Staate erlangen. Der bei meinem Dortsein das Ministerium des Innern führende Minister war der Jude Schramek, dessen Vater aus Mähren nach Paris «inwanderte. Im 5. Arrondissement sind die Maires (Bürgermeister) Juden gewesen. Natürlich durch das jähe Anwachsen der Gemeinde und die eigenartige Struktur der jüdischen Bevölkerung ist ja noch vieles im Werden begriffen, noch (ist vieles in Gärung. Aber unter der Leitung des grande rabbin de France et d'Älgerie, unter der Führung Israel Levys, dieses edlen und hervorragenden Mannes, der gewiß zu den bedeutendsten jüdischen Gelehrten gehört und der mit einem bestechenden Aeußeren eine bezwingende Vornehmheit der Gesinnung und des Taktes vereinigt und sich allseits höchster Verehrung erfreut, hoffe ich zuversichtlich, daß die Gemeinde zu Paris zu hervorragender Bedeutung sich emporschwingen wird. Können diese Arbeiten ja auch dadurch gefördert werden, daß mehrere sehr gut redigierte jüdische Zeitungen in Paris erscheinen. Aber auch in den Gotteshäusern verkünden edle und hervorragend geschulte Priester das Wort Gottes und ein Gottesdienst in der noch immer in der Renovierung nicht fertigen Synagoge in der Rue de Victoire ist wirklich eine seelische Erbauung. Allerdings fiel mir in diesem Tempel eines auf, die Zahl der Frauen" überwiegt nämlich weit die der Männer. So habe ich Ihnen denn einen kleinen Ausschnitt aus meiner letzten Reise zu geben versucht. Es sind hingeworfene Striche, denen vielleicht die letzte Feile fehlt, die aber, wie ich hoffe, doch nicht wertlos sind. Natürlich hätte ich Zeit, ich könnte noch über vieles sprechen, aber noch gärt es in mir, noch ist vieles nicht verarbeitet, noch hat sich vieles nicht zu einem festen Bilde verdichtet. Aber unter den vielen Eindrücken, die diese Reise bot, ist einer besonders stark, nämlich der, daß ich gesehen habe, daß in Frankreich der Jude gleich allen anderen Bürgern die volle Gleichheit und Freiheit genießt und geehrt und geachtet dasteht. Und wenn ich sehe, wie auf einem der schönsten Plätze von Paris einer Jüdin, der Frau Hirsch, ein allerdings ideal schönes Denkmal gesetzt und erhalten werden konnte, ohne besudelt zu werden, dann trage ich die Hoffnung in mir, daß mit fortschreitender Kultur auch uns endlich überall Gerechtigkeit widerfahren werde und daß wir darum mit Zuversicht in eine bessere Zukunft blicken dürfen. Mit also geschwellten Hoffnungen verließ ich nach mehrwöchentlichem Aufenthalte Frankreich und darum fiel es mir auch nicht schwer, als ich mich von meinem älteren Jungen, der dort zur weiteren Ausbildung zurückblieb, und von zwei geliebten Schülern verabschiedet habe. Es war eine klare, helle, aber recht kühle Mondnacht, als wir wieder die Champagne durchbrausten. Aber während die anderen Fahrgäste Morpheus Armen und den Gesetzen der Natur sich anvertrauten und einen tiefen Schlaf schliefen, träumte ich dahin im Halbschlummer, träumte von der bewegten Vergangenheit dieser Gegend und malte mir verheißende Bilder der Zukunft aus. Diese Träume verließen mich nicht bis Innsbruck, wo ich mich freute, wieder auf heimatlichem Boden zu sein, in dem Lande, das ich ja mit der ganzen Glut meines Herzens liebe. Doch das Vaterland empfing mich nicht sehr zärtlich, denn kaum daß ich in Innsbruck ausgestiegen, raunte mir ein grinsender, höhnender Mensch, indem er mir eine Zeitung unter die Nase rieb, die Worte: der ei-ser-ne Be-sen! zu. Unwillkürlich mußte ich beim Ausrufen dieses geschmackvollen Titels, der noch mit einigen Randbemerkungen glossiert wurde, mich fragen: Und doch hast du für dieses Land sechs deiner wertvollsten Familienmitglieder im letzten Kriege im blühendsten Alter geopfert, hast , dein ganzes Vermögen geopfert und hast die schwersten Dienste in Spitälern bei Cholerakranken, vom Flecktyphus und Starrkrampf Befallenen mit unverdrossener Hi.igabe geleistet! Aber weil ich dieses Land so sehr liebe, fragte ich mich auch, wie soll in einem solchen Lande der Fremdenverkehr gehoben werden, auf den wir doch so sehr angewiesen sind? Gebrochenen Herzens schlotterte ich hinaus in die herrliche Natur und am Rande des rauschenden Inn und im Aufblick zu den himmelwärts ragenden Firnen, fand ich meine Ruhe wieder und ich gelobte mir, jetzt erst recht zu arbeiten an der Verwirklichung des prophetischen Ideals: Und sie werden ihre Schwerter zu Karsten umschmieden und ihre Spieße zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr gegen das andere das Schwert erheben und nicht mehr werden sie den Krieg erlernen (Jesaia 2, 4 und Micha 4, 3). Wenn nun diese meinii Worte bei Ihnen bewirkt haben sollten die Hingabe für die Arbeit an diesem Ideale, mögen sie dann auch die Liebe zu allen Idealen des Judentums, die unverwüstlich und einzigdastehend sind, in sich vertiefen zum Heile der Judenheit und zum Wohle der Gesamtmenschheit! Glossen. Ich habe der „Deutschösterreichischen Tageszeitung" bitter Unrecht getan. Die von diesem Blatte immer wieder aufgestellte Behauptung, die Juden predigten eine Moral, vor der man deutsche Mädchen schützen müsse, erschien mir immer als die perfideste Verleumdung. Beschämt bekenne ich. daß die „Dötz" in der Tat ein Sittlichkeitsideal den deutschen Frauen vor Augen rückt, das im schärfsten Gegensatz zu der jüdischen Auffassung von weiblicher Keuschheit steht. In einem Artikel „Die Sessenheimer Pastorstochter", den das Blatt seinen Leserinnen zur Sonntagslektüre bietet, heißt es u. a. buchstäblich: „Sie (die von Goethe verlassene Pastorstochter), die innerlich so gefestigte, starke Geliebte bleibt uns auch nach dem schmerzlichen Bruch, die Aufrechte. Zufrieden mit der ihr gewordenen schönen Liebe, keine neidische, verbissene alte Jungfer, sondern beglückt, weil sie Glück geben durfte einem Großen, dessen Schaffen herrlich wurde, weil er wirklich trauliche und edle Frauen kennen gelernt. Weil er von solchen geliebt wurde, ohne Selbstsucht, ohne einen anderen Willen, als ihm Glück zu geben, das nicht in Fesseln schlägt, nicht im nüchternen Alltag verflacht. Das ist deutsche Frauenliebe!" (Nicht ich, sondern die „Dötz" verdutzt uns durch die Unterstreichungen.) Kein Jude wird es der „Dötz" glauben, daß die deutsche Frauenliebe in Wirklichkeit ihr Ideal darin erblickt, großen Dichtern ein bequemes Liebesleben zu ermöglichen, „das nicht in Fesseln schlägt", worunter natürlich die Ehe gemeint ist. Und auch „nicht im Alltag verflacht", worunter abermals auch nur die Ehe verstanden ist. Die „Dötz" tut übrigens auch der lieblichen Pfarrerstochter Friederike Brion eine ganz unverdiente Schmach an, wenn sie ihr in dem Artikel imputiert, daß sie mit diesem Mangel an „Selbstsucht" und ohne einen „anderen Willen, als Glück zu geben", sich in das Liebesverhältnis mit Goethe einließ., Sie hielt sich für seine Braut, wobei sie freilich in dem Seligkeitsgefühl ihrer, von dem Dichter mit Leidenschaft erwiderten Liebe nicht daran gedacht haben mochte, daß die Ehe eine „Fessei" wäre, deren Vermeidung das gute Recht jedes auch von der Muse geküßten Ehemannes sei. Dieser Auffassung huldigt übrigens auch Goethe nicht. Noch im hohen Alter gedachte er mit peinigenden Gefühlen Friederikens, die er getäuscht und verlassen. Auch — nichtjüdische — Goetheforscher sind nicht der Meinung, daß Friederike diese Lösung gar so gelassen aufnahm. Ich will hier nur

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