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Die Wahrheit · 1926-05-14 · Heft 21 (14.5.1926) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 21 (14.5.1926)
Date
1926-05-14
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 21 Wir stehen nicht auf dem Standpunkte, den Nationalismus bekämpfen. zM wollen, sondern wir wollen ihn geistig überwinden. Hierauf sprach Herr Dr. Jakob Ornstein über das Thema: „Was soll eine jüdische Kultusgemeinde in Oesterreich ihren Angehörigen bieten?" Herr Dr. Jakob Ornstein betonte vor allem, daß er nicht als Vizepräsident der Wiener Kultusscemeinde spricht, sondern als Präsident der Union deutschösterreichischer Juden, die in diesem Jahre ihr 40jähriges Jubiläum feiern wird und in dieser Zeit wiederholt eingetreten ist in dem Kampf, welcher das Judentum zerklüftet und zerfleischt. Was hat das Judentum groß gemacht? Es war nicht der Nationalismus, es war die Religion, es war das Bewußtsein, das unsere Vorväter geeinigt hat, daß sie von Moses die Lehre vom einig-einzigen Gott empfangen haben und daß sie dieser Gott durch alle Jahrhunderte, durch alle Oualert hindurchgeführt hat. Ferner führte Herr Dr. J. Ornstein aus. daß auf dem Boden Oesterreichs unsere Väter seit mehr als tausend Jahren hausen. „Wir sind bodenständig in Oesterreich", wir sind kein Gastvolk (großer Beifall!), sondern wir haben dasselbe Recht, auf diesem Boden m weilen, wie ieder andere Volksstamm und wir wollen immer mit den anderen deutschen Bürgern zusammenleben, denn wir sind auf diesem Boden keine Gäste, sondern wir sind hier heimisch. Auf diesem Boden haben unsere Vorfahren die Gemeinde gegründet." Die Zwecke jeder Gemeinde sind der Gottesdienst und die frommen Werke. Kein anderes Ziel sollte iede Gemeinde haben. Wir können sagen, wenn wir ruhig arbeiten, müssen wir bestehen, solange diese Welt besteht. Wie können wir dieses Ziel erreichen? Indem wir im selben Sinne arbeiten, wie unsere Vorfahren gearbeitet haben, daß wir in ieder Gemeinde den Gottesdienst erhalten, der Welt den Dienst des einzig-einzigen Gottes lehren! Wir haben die Aufgabe, den Dienst Gottes zu erhalten, weil wir damit das Judentum1 erhalten. Dieser Dienst Gottes ist bei uns nie ein Lippenbekenntnis gewesen, er war immer ein Dienst des Herzens. Wir haben außer unseren Gebeten eine zweite Aufgabe zu vollbringen. Damit unsere Jugend diese Aufgabe erkennt, müssen1 wir sie erst zu Juden machen, d. h. wir müssen uns selbst mit Judentum erfüllen. Es genügt nicht, daß man als Jude geboren ist, man muß als Jude leben. Dieses Judentum können wir nur aus der Vergangenheit schöpfen. Um die Jugend mit Stolz auf das Judentum zu erfüllen, müssen wir ihr auch die Kenntnisse verleihen, wie die jüdische Gemeinde in Wien mit allen Kräften bestrebt ist, das zu tun. Unsere Bibel, unsere Propheten, das sind heilige Bücher, weil sie uns erfüllen1 mit dem Heiligsten, was der Mensch kennen soll. Femer ist unsere Geschichte zu. lehren. Gibt es eine glorreichere Heldengeschichte als die jüdische? Es ist notwendig, daß wir der Jugend sagen: Sehet, was eure Vorfahren gelitten haben; wie sie unter den größten Martern nicht ihr Judentum verleugneten. Redner wies auch hauptsächlich auf die Wichtigkeit der Erziehung durch die Mutter hin. Die dritte Aufgabe besteht in der Ausübung des Wohltuns. Das Judentum hat schon vor 2000 Jahren gelehrt, nur dem Dienste des Nächsten zu leben. .JLiebe deinen Nächsten wie dich selbst", das ist ein Gebot, das die Menschheit erhalten hat. Das sind die heiligsten Ziele der Kultusgemeinden. Wir wollen alle mitarbeiten an dem Aufbau von Palästina. Wir stehen auf dem Standpunkte, wir wollen1 in Palästina den verfolgten Brüdern eine Heimstätte gründen, wir wollen aber nicht vergessen, daß wir auch in Oesterreich eine Heimstätte gründen müssen, soweit wir eine Heimstätte noch nicht haben. Im wahren Sinne des Wortes haben wir in Oesterreich noch loeinie Hefrnstättte. Wir wollen uns verteidigen gegen jedes Unrecht, wir wollen einstehen für die Rechte, die wir einmal erworben haben. Nicht endenwollender Beifall erntete Herr Präsident Dr. Ornstein für seine formvollendete Rede. Es sprachen noch Herr Postdirektor d. R. Albrecht und Herr Präsident Schwager. Nachdem Herr Dr. Schneeweiß den erschienenen Gästen aus Wien für ihre Ausführungen herzlichst gedankt hatte, schloß er die Wählerversammlung, Zionistische Wahlpropaganda. Das muß man den Zionisten lassen, in der Wahlmache sind sie Meister. Das haben sie erst unlängst bei den Grazer Kultus wählen bewiesen, wo es ihnen dank einer beispiellosen Agitation und einer vor keinem Mittel zurückscheuenden Wahlmache gelungen ist, einen, wie sie sagen „herrlichen Sieg" zu 'erringen. Die bei den Grazer Kultuswahlen so glänzend erprobten Methoden werden nunmehr auch in Linz anläßlich der am kommenden Sonntag stattfindenden Kultuswahlen angewendet. Eine Flut von Phrasen und Schlagworten ergießt sich über den armen jüdischen Wähler, der mit allen Mitteln für die zionistische Liste gewonnen werden muß. Die Segnungen, die der jüdische Nationalismus für die Linzer Judenschait im Gefolge haben wird, werden in den rosigsten Farben geschüdert und die Leistungen der bisherigen Majorität im Kultusvorstande, ihre jahrelangen Arbeiten verkleinert und herabgesetzt. Eine Zeitung wird dem Kultuswähler sogar kostenlos ins Haus gesendet: „Wahlnummer 1 der .Jüdischen Nachrichten für die österreichischen Alpenländer vom 7. Mai 1926." Auf der ersten Seite befindet sich ein überwältigender Aufruf. Wer von diesem nicht überzeugt werden konnte, was auch schwer möglich ist. den wird der übrige Inhalt der „Wa'hlnummer" kaum für die jüdischnationale Sache gewinnen. Denn dieser steht mit Ausnahme der auf der letzten Seite befindlichen, in passender (und doch gänzlich unpassender) Weise für Wahlzwecke ausgeschroteten Aussprüche einiger jüdischer Denker auf einem so tiefen geistigen Niveau, daß man sich darüber wundert, daß es die sonst so tüchtigen zionistischen Wahlmacher wagen, so etwas einem jüdischen Wähler selbst kostenlos ins Haus zu schicken. Aus diesen Aussprüchen jüdischer Denker sei nur einer von Albert Einstein herausgehoben, der zwar dem subjektiven Empfinden des großen Physikers entsprungen sein mag, aber doch im Zusammenhang mit den Wahlen für eine jüdische Religionsgemeinde sicher unangebracht erscheint, der Satz nämlich: «daß auch der Jude durch Taufe und Namenwechsel nicht aufhört, Jude zu sein". Sollte man wahrlich glauben können, daß die Jüdischnationalen auch getaufte Juden als Kultuswähler für sich reklamieren wollen? Wir wollen damit gewissermaßen nur eine Blitzlichtaufnahme von dem jüdisch-nationalen Wahltreiben in Linz gemacht haben, um unseren Lesern zu zeigen, wie „es" gemacht wird. | »Union deutsch österreichischer Juden* | H Tel. 19-2-77 Wien IX., Berggasse 4 Tel. 19-2-77 §| H iniiuiiiiiiimniiiimiiuumiHiauuumiiiniwiuiiiiiuummuuiiiimiiiuuH M | An die verehrl. 1 Delegierten | § der »Union deutschösterreichischer Juden" i | Einladung j §j zu der ü | VI. ordentlichen Delegierten- § | Versammlung I jj welche Montag, den 17. Mai d. J. im Festsaale §§ §§ des Restaurant Tonello, Wien II., Lilienbrunns g gasse 2, V28 Uhr abends, stattfinden wird. M I TAGESORDNUNG: |!. Rechenschaftsbericht des Vorstandes H 2. Kaasaberlchr * S 3. Bericht der Revisoren || 4. Bestimmung des Jahresbeitrages s =§ 5. Wahlen in den Vorstand s§ H 6. Anträge und Interpellationen 5 H Das Erscheinen aller Delegierten ist unbejj § dingte Pflicht. Wir rechnen deshalb mit Bem |[ stimmtheit auf die Anwesenheit jedes einzelnen m M Herrn. Hochachtungsvoll J H für den Zentralvorstand: ff m Dr. J. Ornstein 1 — Präsident

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